Akira

Die bekannteste Transformation im Anime

Ein Mädchen schreitet durch ein leeres, baufälliges Stadium. Oben auf den Sitzreihen findet sie eine Reihe von Behältern – ist da was eingelegt? Irgendwas ist jedenfalls in diesen Behältern, umgeben von einer merkwürdigen, orangen Flüssigkeit. Dann ertönt ein Schrei. Das Mädchen wagt sich ins Innere der Besuchertribünen und findet dort einen Jungen, den sie scheinbar kennt, Tetsuo. Zeitgleich erreicht ein Mann – ein Polizist? Er trägt eine Uniform – das Stadium. Das Mädchen hilft Tetsuo, der sichtlich Schmerzen hat, nach draußen auf eine Art Thron. Sie wundert sich noch kurz über Tetsuos mechanischen Arm, ein leicht erkennbares Teil aus Metall und Kabeln, als eben dieser Arm plötzlich in sich zu pochen scheint. Erste Kabel brechen, dann beginnt der Arm mit dem Thron zu verschmelzen. Die Kabel schlängeln sich wie schnell rankende Wurzeln in den Stein. Der Polizist will helfen, aber Tetsuo lacht ihn trotz seiner Schmerzen nur aus. Mühsam reißt er seine Kabelranken vom Thron los und geht auf das Mädchen zu, wird aber vom Polizist niedergeschossen. Voller Wut greift Tetsuo den Polizisten an – plötzlich ist sein Arm eine wabernde Masse aus Fleisch und Metall und kann sich scheinbar endlos verlängern. Beinahe wird der Polizist von dieser Masse umschlungen, als ein Junge auf Motorrad – Kaneda – dazwischenfunkt.  Währenddessen tauchen mehrere Kinder mit dem Aussehen von Greisen auf, die auf die merkwürdigen Behälter zufliegen, die alle mit „Akira“ beschriftet sind. Kaneda allerdings hat nur Augen für Tetsuo, der jetzt die Kontrolle über seinen Arm verliert. Aus dem Arm heraus erwächst eine fleischige, wabernde Masse, die ihn erst zu einem riesigen Ballon anschwellen lässt, bevor sie eine Fötusform annimmt. Der Berg aus Fleisch, Kabeln und Körperflüssigkeiten in verschiedenen Orange- bis Brauntönen verschlingt sowohl Kaneda als auch das Mädchen, arbeitet sich zum Polizisten vor und streckt seine Tentakel bereits nach den Greis-Kindern aus, die vor den Akira-Behältern knien. Plötzlich zerspringen diese Behälter und obwohl nur winzige, festgenagelte Körperteile zu erkennen sind, scheinen die Greis-Kinder einen Jungen namens Akira zu sehen. Von Akira geht ein blendend weißes Licht aus, das den wabernden, formlosen Fleischberg, zu dem Tetsuo inzwischen geworden ist, vollständig verschlingt.

Dieser Abschnitt umfasst die bekanntesten 10 Minuten des Anime-Films Akira – einer jener Animetitel, der inzwischen längst Klassiker geworden ist. Während Tetsuos groteske Verwandlung von einem Jungen in einen atmenden Fleischberg  mit verschiedensten unnennbaren Körperflüssigkeiten Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Auseinandersetzungen ist, kennt man ihn innerhalb der Community – zumindest unter den alten Hasen – als den Film, der Anime in Amerika und Europa ab 1990 populär machte.

Akira spielt 2019 – aus Sicht der Erscheinungsjahres des Films, 1988, also in naher Zukunft. Nach einer atomaren Explosion und dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs ist aus Tokio das sogenannte dystopische Neo-Tokio geworden, das sich trotz Zerstörung und Straßengangs wieder halbwegs gefangen hat. Kaneda und Tetsuo, beide Mitglieder einer solchen Gang, befinden sich mitten im Streit gegen eine rivalisierende Bande, als sie einen Greis – oder ist es ein Kind? – finden, der aus einer Forschungseinrichtung geflohen ist. Er wird vom Militär gesucht, das postwendend dort auftaucht und sowohl den Kindergreis als auch Tetsuo mitnimmt. Dabei wird festgestellt, dass Tetsuo ähnlich mächtige Kräfte wie Akira haben soll. Ihm, dem Greis und anderen Forschungssubjekten wird eine ganze Fülle an Medikamenten verabreicht, um ihre Kräfte für die Menschheit zu nutzen. Tetsuo ist zunehmend frustriert: Er will aus dem Labor fliehen, gerät während seines Fluchtversuchs aber in Streit mit einer anderen Bande, musste von Kaneda gerettet werden und landete am Ende doch wieder im Labor; die anderen Forschungssubjekte und er sind permanent im Konflikt, der letzten Endes im Stadion seinen Höhepunkt findet.

Akira wurde inzwischen dermaßen gründlich durchgearbeitet, dass es keinerlei Bedarf an weiteren Analysen gibt. Allein zwei Elemente sollen noch einmal vorgestellt werden. Dazu gehört zum einen die oben beschriebene Transformation Tetsuos. Transformationen sind in Anime und allgemeiner der Animation keine Seltenheit, sondern im Gegenteil etwas, was sich die beiden Formen immer bewusst zunutze gemacht haben. Tetsuos Transformation ist aber dermaßen gruselig und grotesk, dass sie bis heute bekannt ist. Ebenfalls wichtig ist die Beziehung zwischen Kaneda und Tetsuo, die sich durch den Film zieht. Tetsuo leidet einerseits darunter, dass Kaneda ihn immer wieder retten muss. Am Ende ist Tetsuo aber Opfer seines eigenen Körpers und ruft verzweifelt nach Kanedas Hilfe. Im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel findet sich eine gute Zusammenfassung von Susan Napiers umfassender Analyse zu Akira aus ihrer Monografie Anime from Akira to Howl’s Moving Castle. Experiencing Contemporary Japanese Animation. Bei der Beschäftigung mit Akira führen nach wie vor alle Arbeiten zu Napiers Ansatz, die sich als eine der ersten ausführlich damit beschäftigt hat.

Obwohl Akira technisch inzwischen ohne Frage veraltet aussieht – insbesondere leicht zu erkennen am Charakterdesign, das sich in den letzten Jahren doch erheblich gewandelt hat – ist er auch grafisch beeindruckend. Bemerkenswert ist vor allem der Einsatz von Computeranimation (immerhin 1988!) und die vergleichsweise flüssige Animation, weil Akira nicht vollständig mit der Technik der Limited Animation entstand. Darüber hinaus glänzt der Film vor allem in seinen Hintergründen, in denen detailgenau das zerstörte Neo-Tokio dargestellt wird. Diese beeindruckenden Hintergründe sind auch im Akira-Manga zu finden, der ebenfalls von Regisseur Katsuhiro Otomo stammt. Obwohl sich der Anime-Film und der Manga aber in der Optik ähneln und Figuren und Schauplätze weitestgehend übernommen wurden, weicht die Handlung des Manga vor allem in der zweiten Hälfte vom später entstandenen Film ab.

Lange wurde auch eine Realverfilmung geplant, wurde aber nach allerlei Verschiebungen letzten Endes doch verworfen. In Deutschland wurde Akira von Universum Anime veröffentlicht. Der Akira-Manga wurde von Carlsen Manga lizensiert.

Aufgrund seiner immensen Popularität und seinem weiteren Einfluss für den Erfolg des Anime im Westen ist Akira viel analysiert und diskutiert wurden, was sich unter anderem im zwei umfangreichen und nützlichen Wikipedia-Artikeln (dem deutschen und dem englischen) sowie einer Fülle von wissenschaftlicher Literatur (s.u.) widerspiegelt. Damit ist Akira einer dieser Filme, die man ohne Weiteres inzwischen als Klassiker bezeichnen kann. Und obwohl der Film in Japan selbst längst nicht so populär war wie in Übersee, hat Akira ohne Frage dazu beigetragen den Anime zu der Bekanntheit zu bringen, die er heute auch hierzulande hat.

Weiterführende Literatur:

  • Brown, Christopher (2014): From Ground Zero to Degree Zero. Akira from Origin to Oblivion. In: Lunning, Frenchy (Hg): Origins. Mechademia 9. Minneapolis: University of Minnesota Press
  • Brown, Steven T. (2010): Tokyo Cyberpunk. Posthumanism in Japanese Visual Culture. Houndsmills: Palgrave Macmillian
  • Napier, Susan J. (2005): Anime from Akira to Howl’s Moving Castle. Experiencing Contemporary Japanese Animation. Updated Edition. New York: Palgrave Macmillian

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