Anne Frank im Land der Mangas

Anne FrankDer interaktive Doku-Comic

Diese Woche handelt es sich nicht um einen Manga, sondern um – wie es das Team dahinter nennt – einen interaktiven Doku-Comic. Begeistert von Anime und Manga gibt es immer wieder Jugendliche, die ungefragt alles Japanische nahezu anhimmeln. Dieser Blog hat im Wesentlichen zum Ziel, die Auseinandersetzung mit Manga und Anime zu fördern – und das bedeutet auch, dass diese kritisch betrachtet werden dürfen. Nicht alles was japanisch ist glänzt. So gehört Japan zu den Nationen, die nach wie vor die Todesstrafe verhängen – deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn manch Anime- und/oder Mangaprotagonist zum Tode verurteilt wird, wie z.B. in Deadman Wonderland.  Die ältere Generation der Japaner betrachtet die USA nach wie vor als den Feind – und dementsprechend sieht man doch erstaunlich oft klar als amerikanisch gekennzeichnete Figuren als klassische Gegenspieler. Diesen Zusammenhängen muss man sich bewusst sein. Der umstrittenste Themenkomplex im Zusammenhang mit Manga und Anime sind Kriegsdarstellungen, Apokalypsen gehören zu einem Standardthema von Anime und Manga. In diesen fiktionalen Settings liegt es oft an den japanischen Protagonisten, Japan – oder gar die ganze Welt – vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Die Japaner sind die Helden. Bedenkt man aber Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg – der Antikominternpakt mit Nazi-Deutschland, die zunehmende Kolonialisierung Südostasiens durch Japan in den 1930ern und Kriegsverbrechen wie Zwangsprostitution und das Massaker von Nanking – so wirken diese Manga und Anime doch, als wolle man Japans Vergangenheit umschreiben. So schreibt Mizuno (07): „This helps the viewer to forget (or not to learn, as almost all the viewers were of the postwar generation) about Japan’s role in World War II and to fancy that Japan is/was the one who challenged and destroyed the evil empire. This is the ultmiate fantasy  of postwar Japan, a wish fulfilling rewriting of the history thattakes place in distant future and space“ (pos1990).

Der interaktive Doku-Comic, produziert von einem Regisseur, einem Zeichner, einem Kameramann und einem Dolmetscher, bietet einen interessanten Ansatz für eine solche Auseinandersetzung. „Interaktiv“ bedeutet in diesem Fall, dass die Panels einfliegen, dass sich Bildelemente bewegen und permanent eine passende Geräuschkulisse zu hören ist (in den meisten Fällen japanischer Alltagstrubel). An bestimmten Panels können mit Hilfe eines Mausklicks zusätzlich Interviews, Diashows und anderes aufgerufen werden, was dem Comic seinen Dokumentationscharakter verleiht. Obwohl der Comic an sich nicht besonders lang ist, benötigt das komplette Lesen – sofern man alle zusätzlichen Elemente ansehen möchte – dennoch einiges an Zeit. Derzeit ist der Doku-Comic komplett und kostenfrei über den Webauftritt von Arte zugänglich (Achtung, mitunter lange Ladezeiten!).

Der Comic umfasst die Reise des Autorenteams nach Japan, wo sie sich einem der umstrittensten Themen im Zusammenhang mit Japan widmen wollen: den japanischen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Mit dabei haben sie das Tagebuch der Anne Frank, welches symbolisch für die Opfer des Holocausts durch das nationalsozialistische Deutschland steht.

Das Tagebuch der Anne Frank wurde in diverse Sprachen übersetzt und ist auch in Japan weit bekannt – und tatsächlich so beliebt, dass es auch Mangaversionen des Tagebuchs gibt, in dem Anne Frank als typisches Shōjo, also reines und tugendhaftes Mädchen auftritt. Auf der Suche nach weiteren Informationen über den japanischen Umgang mit den eigenen Kriegsverbrechen, dem Holocaust und dem japanischen Bild von Anne Frank kontaktiert und besucht das Autorenteam verschiedenste Leute. Ein (angeblicher) Spezialist der eine jüdisch-katholisch-evangelische (!) Kirche leitet gibt offen zu, dass die Japaner nichts über den Holocaust wissen, weigert sich aber über die japanischen Kriegsverbrechen zu sprechen. Sie besuchen den Nachkommen von Chinue Sugihara, der „japanische Schindler“, welcher während Kriegszeiten mehrere Tausend Juden versteckte und in Japan als strahlender Shōnen-Manga-Held verehrt wird. Sie besichtigen den umstrittenen Yasukuni-Schrein, in dem auch die japanischen Kriegsverbrecher gewürdigt werden und lassen sich von den japanischen Besuchern des Schreins erzählen, dass das Massaker von Nanking eine Erfindung der Amerikaner sei. Im angrenzenden Kriegsmuseum bleiben die japanischen Kriegsverbrechen unerwähnt.

Als seien die offensichtlichen Leugnungen noch nicht erschreckend genug, sind es doch insbesondere die Interviews mit einzelnen Passanten, die besonders in Erinnerung bleiben. Es grollt gegen China und die USA, alte Fehden unvergessen. Die Leute sehen sich gerne als Opfer, denen nach der Niederlage die Geschichtsschreibung der Sieger aufgezwungen wurde. Ein älterer Herr ist der festen Überzeugung, dass das amerikanische Fast Food, welches an jeder Ecke erhältlich ist, die Jugendlichen verdorben hat, weil die verwendeten amerikanischen Rinder viele weibliche Hormone hätten, sodass die japanischen Jungs nun ebenfalls weiblicher werden. Ganz nebenbei berichtet der begleitende Dolmetscher, halb Franzose und halb Japaner, dass die im Hintergrund laufenden Kinderlieder der militanten Gehirnwäsche dienen.

Selbst schockiert wendet sich das Team von der einfachen Bevölkerung an Japaner, die sich selber kritisch mit ihrem Land auseinandersetzen: Darunter sind zum Beispiel ein Mangaka, der in seinem Manga das Massaker von Nanking gezeichnet hatte – nur um es nach Druck seitens des Verlags prompt wieder entfernen zu müssen und eine Gruppe von Lehrern, die alle suspendiert wurden, weil sie sich geweigert hatten zur japanischen Nationalhymne aufzustehen. Diese erzählen ihnen, dass es in Japan mehrere Schulbücher zur Auswahl gibt, in denen die geschichtlichen Ereignisse jeweils unterschiedlich dargestellt sind – was gelernt wird, hängt also auch vom Buch ab.

Manche Stationen lassen die Autoren aufhorchen, darunter das Holocaust Education Center, welches sich speziell daran richtet, Japanern den ihnen gänzlich unbekannten Holocaust näher zu bringen. Als das Team das Center besucht ist auch eine Schulklasse anwesend – der Lehrer gibt im Interview zu, dass er zwar schon mal etwas von Hitler gehört hat, aber nichts über den Holocaust wisse. Der Leiter des Centers – ein fanatischer Verehrer von Anne Frank – redet gerne über die Schönheit und den Frieden, den Anne Franks Tagebuch angeblich vermittle, über die japanischen Kriegsverbrechen spricht er aber auch nicht.

Die Ausbeute des Doku-Comics bis hierhin ist – insbesondere auch aus deutscher Sicht – erschütternd. Die meisten Japaner, so muss das Autoren-Team feststellen, wissen nichts über den Nationalsozialismus, das Dritte Reich oder den Holocaust. Viele der interviewten Jugendlichen konnten nicht einmal allgemeiner etwas über den Zweiten Weltkrieg oder Hiroshima erzählen. Das Thema der japanischen Kriegsverbrechen wird von allen gekonnt vermieden. Stattdessen begegnet ihnen eine rechte bis ultra-rechte Gesellschaft, die sich durch den Westen (lies: die USA) benachteiligt und bevormundet fühlt. Von einer selbstkritischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte fehlt jede Spur, Proteste jeder Form werden noch im Kern von den Nationalkonservativen erstickt. Es ist ein tragisches Fazit.

Ganz am Ende macht der Doku-Comic aber noch eine interessante Wende. Das Autoren-Team erfährt hier von Sadako Sasaki, sozusagen der japanischen Anne Frank. Als Kleinkind überlebte Sadako den Atombombenangriff auf Hiroshima, erkrankte aber mit 11 in der Konsequenz an Leukämie. Während ihres Kampfes gegen den Krebs begann Sadako Origami-Kraniche zu falten – in Anlehnung an eine alte japanische Legende, die besagt, dass man einen Wunsch erfüllt bekäme, würde man 1000 Kraniche falten. Sadako wurde 12 Jahre alt, bevor sie an ihrer Leukämie starb.

Das Autoren-Team, welches zum ersten Mal von der Geschichte von Sadako hört, muss am Ende so doch feststellen, dass Geschichte selektiver ist, als sie bis dahin angenommen hatten – obwohl sowohl Anne Frank als auch Sadako Sasaki in Japan gleichermaßen bekannt sind, so kennt man im Westen doch in den meisten Fällen nur Anne Frank. Dementsprechend endet der Doku-Comic etwas kleinlaut: So setzt Japan sich zwar nicht mit seinen eigenen Kriegsverbrechen auseinander, aber der Westen beschäftigt sich auch wenig mit dem Atombombenabwurf und dessen Konsequenzen.

Allerdings darf man dieses Ende auch etwas kritisch betrachten. Tatsächlich ist Sadako im Westen nicht so bekannt wie Anne Frank, aber dennoch fungieren Sadako und ihre Papierkraniche auch hier als Symbol für unschuldige Kriegsopfer und Frieden und  gegen atomare Waffen.  In Seattle steht im Seattle Peace Park eine Statue von Sadako mit einem Papierkranich in der Hand. Im Hiroshima-Nagasaki-Park in Köln mahnt ein Denkmal mit einem Origami-Kranich.

Insgesamt springt der Doku-Comic in eine interessante Nische: zwischen den zahlreichen Kämpfen in Manga und Anime, in denen japanische Helden die Welt retten und den mahnenden Wissenschaftlern, die immer wieder darauf verweisen, dass Japan seine Kriegsverbrechen in Manga und Anime in keinster Weise thematisiert. Das ungewöhnliche Format des Comics mit seinen zahlreichen Interviews verdeutlicht, dass die Kritik der Autoren, die die fehlende Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in Japan bemängeln, keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Zu wissen, wie Japan und seine Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit umgeht, wirft interessante Blickpunkte auf Anime und Manga – und lässt gerade die Titel, die tatsächlich die Niederlage Japans ansprechen, besonders deutlich hervortreten, wie zum Beispiel Terror in Tokio. Das macht Anne Frank im Land der Mangas zu einem spannenden und hochkritischen Titel, der ein ganz neues Licht auf Manga und Anime wirft.

Literatur:

 

Weiterführende Literatur:

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