Barfuß durch Hiroshima

barfussDer 6. August 1945, Hiroshima

Die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Manga und Anime beschäftigt außergewöhnlich viele Autoren – insbesondere in Anbetracht der Tatsache dass es nur eine Handvoll Titel gibt, die sich tatsächlich explizit damit auseinandersetzen. Der Umgang und die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs läuft in Japan bestenfalls fragwürdig ab, was regelmäßig zu Kritik führt (mehr dazu in Anne Frank im Land der Mangas). Gerade aber weil Japan die direkte Aufarbeitung so meidet, sind Die letzten Glühwürmchen und Barfuß durch Hiroshima, die bekanntesten Anime-Filme die sich auf den Zweiten Weltkrieg beziehen, zwei echte Perlen.

Barfuß durch Hiroshima beruht auf dem gleichnamigen Manga von Keiji Nakazawa, der als kleiner Junge die Atombombe, die auf seine Heimat Hiroshima abgeworfen wurde, überlebte. Später hielt er seine Erfahrungen in einem stark autobiografischen Manga fest und gründete damit gleichzeitig das Genre, das man heute personal comic nennt.

Gen wohnt mit Vater, Mutter, seiner älteren Schwester und seinem jüngeren Bruder in Hiroshima. Die japanische Sommerhitze lähmt das Stadtleben. Es ist der 6. August 1945. Es passiert: Nichts. Morgens fliegen zwei Flugzeuge über die Stadt – die Familie ist schon halb im Bunker, nichts passiert. Tatsächlich passiert die ganze erste halbe Stunde nichts außer Alltag – aus Zuschauerperspektive eine nahezu quälende Zeit, weil man doch weiß dass gleich, gleich, gleich – jetzt? Ach nein, doch nicht – die alles verändernde Atombombe abgeworfen wird. Gen bricht schließlich in die Stadt auf. Als wieder ein Flugzeug über sie hinweg fliegt, halten er und eine junge Passantin inne und blicken nach oben. Das Bild wechselt zum Flugzeug. Die Piloten lassen einen graues, zylindrisches Objekt fallen, unscheinbar, das kurz nach Abwurf einen Fallschirm öffnet. Während Gen und das Mädchen gebannt zuschauen, lässt Gen aus Versehen den Stein fallen, mit dem er spielt. Er bückt sich und verschwindet im Schatten einer Steinmauer. In genau jenem Moment schlägt die Atombombe ein.
Das Einschlagen der Atombombe und die Zerstörung, die sie anrichtet, stellen eine unvergessliche Szene dar. Die Zeit scheint still zu stehen. Die zuvor bunten Bilder färben sich nach und nach schwarz-weiß. Menschen blicken sich erschrocken um. Es ist die Ruhe vor dem Sturm – danach setzt die Zerstörung ein. Es beginnt mit einem kleinen Mädchen, dem die Klamotten vom Leib brennen, deren Körper in sich zusammenfällt, deren Augäpfel aus den Höhlen fließen und die letzten Endes als verkohlte Leiche zurückbleibt. Dasselbe mit einer Mutter und ihrem Baby. Einem Greis. Einem Mann. Dasselbe mit dem Mädchen, das mit Gen in den Himmel geblickt hat. Danach werden die Gebäude zerrissen. Menschen werden von zerberstenden Fenstern getötet, von zusammenbrechenden Häusern erschlagen. Auch Gen, der einzig und allein durch die Steinmauer vor dem Schlimmsten bewahrt wird, wird von der Druckwelle mitgerissen und halb verschüttet. Nachdem er sich wieder frei gekämpft hat, sieht Hiroshima anders aus.
Gen läuft sofort nach Hause zurück. Vater, Schwester und Bruder sind unter den Trümmern des brennenden Hauses begraben und sterben vor seinen Augen. Einzig die schwangere Mutter überlebt, die kurz darauf am Straßenrand ein Mädchen zur Welt bringt. Danach geht es ums Überleben. Der Tod ist überall – überall Leichen oder Menschen, die aufgrund der Strahlung oder anderen Verletzungen mehr tot als lebendig sind. Als Mann in der Familie nimmt Gen es auf sich, Nahrung für die drei zu besorgen, denn seine Mutter kann die Neugeborene aufgrund des Nahrungsmittelmangels nicht stillen.
Auf seiner Suche nach Nahrung begegnet Gen dem Waisen Ryuta, der schließlich sein neuer kleiner Bruder wird. Gemeinsam übernehmen sie verschiedene Jobs, darunter die Krankenpflege des Strahlenkranken Seiji, dessen eigene Familie von seinem entstellten Äußeren angewidert ist. Es ist eine harte Zeit, aber am Ende sehen Gen und Ryuta die Weizensprösslinge, die auch Gens Vater früher anpflanzte. Ihr Nachwachsen – sowie die langsam wieder sprießenden Haare auf Gens Kopf – lassen den Film trotz all der Zerstörung auf einer hoffnungsvollen Note enden.

Barfuß durch Hiroshima erzählt nur einen Teil des Mangas, weswegen es später einen zweiten, allerdings deutlich unbekannteren Film gab. Barfuß durch Hiroshima 2 erzählt die Ereignisse einige Jahre nach dem Abwurf, als wieder so etwas wie Normalität in Hiroshima eingekehrt ist. Die Familie wird obdachlos, Ryuta sieht sich schließlich gezwungen sich den Yakuza, der japanischen Mafia, anzuschließen und Gens kleine Schwester, die für die Stadt ein Hoffnungssymbol war, stirbt. Auch hier schafft Gen es am Ende trotz allem neuen Mut zu fassen.

Barfuß durch Hiroshima wird oft in einem Atemzug mit Die letzten Glühwürmchen genannt. Beide Filme bieten deutliche Parallelen – sie spielen während des Zweiten Weltkriegs, in denen die Protagonisten-Jungen den Großteil der Familie verlieren und nun Verantwortung für die Verbliebenen (übrigens in beiden Fällen Frauen) sorgen müssen. Gen bewältigt diese Aufgabe meisterlich: Trotz der Katastrophe verliert er nie ganz seinen jugendlichen Enthusiasmus und seine Hoffnung. Dass Tomoko am Ende stirbt liegt nicht an Gens fehlenden Bemühungen. Die letzten Glühwürmchen setzt deutlich dunklere Töne an. Hier scheitert der Protagonist an seiner neuen Aufgabe, schafft es nicht sich auf die neuen Umstände einzulassen, kann weder seine Schwester noch sich selbst versorgen und stirbt am Ende verlassen an Unterernährung – der Film endet damit in absoluter Hoffnungslosigkeit. Trotz einiger Gemeinsamkeiten funktionieren die beiden Filme dadurch anders. Barfuß durch Hiroshima zeigt mit voller Wucht die Konsequenzen der Atombombe – Zerstörung, Tote, Strahlenkranke – Die letzten Glühwürmchen bleibt verglichen damit erheblich leichter zu ertragen. Es gibt auch einen weiteren Unterschied: Barfuß durch Hiroshima schlägt eine (allerdings leichte) politische Note an, denn Gens Vater ist erklärter Pazifist, was unter den Nachbarn für allerlei Unmut sorgt. Insgesamt bleibt Barfuß durch Hiroshima faktenorientierter, während sich Die letzten Glühwürmchen vollkommen von Information lossagt und sich allein auf das Erleben der Kriegstage konzentriert. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber trotz allem noch: es gibt keinerlei politische Wertung. Die Opfermentalität nach den Atombomben und die verklärte Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs schafft in vielen fiktionalen Szenarien, die sich zwar nicht direkt, aber dennoch mit deutlichen Parallelen auf den Krieg beziehen, ein sehr deutliches Feindbild – den Amerikaner. Die letzten Glühwürmchen hält sich aus jeder politischen Aussage heraus. Barfuß durch Hiroshima zeigt zwar die amerikanischen Flieger und sogar die Piloten, die letztlich die Atombombe abwerfen, kritisiert sie aber nicht. In Barfuß durch Hiroshima 2, nach der Kapitulation Japans, haben Gen und Ryuta zwar Angst vor den Amerikanern, erkennen aber auch, dass diese nicht grundsätzlich schlecht sind. Es gibt keine Hasstiraden, keine Hetze, keine Verurteilung – und es ist auch dieses Merkmal, was Die letzten Glühwürmchen und Barfuß durch Hiroshima von anderen Titeln unterscheidet.

Autor Nakazawa starb 2012 mit 73 und hatte seit dem Abwurf, bei dem er wie seine Figur Gen Vater, Schwester und Bruder verlor, mit den Folgen der Strahlung zu kämpfen. Seit der Bpmbe litt er an Diabetes, mit 22 erkrankte er an Leukämie, verlor später aufgrund einer Diabetes-bedingten Netzhautschädigung und Grauen Star den Großteil seines Sehvermögens, bevor er an Lungenkrebs starb. Nakazawa war zeit seines Lebens in den japanischen Behörden als Hibakusha (dt.: Explosionsopfer) registriert; jene Menschen, die den Abwurf der Atombombe überlebt haben, bei denen aber wegen der Strahlendosis eine spätere Erkrankung wahrscheinlich war.

Der Manga Barfuß durch Hiroshima wurde von Carlsen veröffentlicht. Der Film erschien bei AV Vision und kann derzeit nur noch über Zwischenhändler erworben werden – eine neue Ausgabe ist aber durchaus denkbar. Daneben gibt es auch mehrere Bücher, drei live-action Filme und eine TV-Serie, die hierzulande aber kaum jemand kennt. Es gibt auch (ältere) Gerüchte über eine Hollywood-Verfilmung.

Mit seiner absolut schonungslosen Darstellung der Konsequenzen der Atombombe ist Barfuß durch Hiroshima nicht als Kinderfilm zu empfehlen, trotz seines jungen Protagonisten. Erwachsene mögen andererseits gelegentlich über den kindlichen Humor von Gen und seinem Adoptivbruder Ryuta stolpern. Trotz dieses Zielgruppenproblems und seines inzwischen robusten Alters – der Film erschien 1983 – ist Barfuß durch Hiroshima nach wie vor einer der bekanntesten Anime-Filme aller Zeiten.

 

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