Card Captor Sakura

Alles wird gut werden!

Sakura scheint ein ganz normales Mädchen zu sein: Sie geht in die Schule, mag Sport und Musik, aber hasst Mathe. Ihre Mutter ist zwar bereits verstorben, aber sie hat einen liebevollen Vater, einen Bruder, der sie permanent neckt und eine beste Freundin, Tomoyo. Aber der Schein trügt: Sakura hat magische Kräfte und ist auf der Suche nach den sogenannten Clow Cards, speziellen magischen Karten, mit denen man zaubern kann. Unterstützt wird sie dabei vom Wächter der Karten, Kerberos – oder kurz einfach Kero-chan, eigentlich ein beeindruckendes Fabelwesen, der aber seine größte Zeit in der kompakten Form eines Plüschtiers verbringt.

Die entlaufenen Clow Cards sorgen für allerlei Schabernack und tauchen an den verschiedensten Orten auf. Zum Glück wird Sakura durch ihre Freundin Tomoyo, die zwar keine magischen Fähigkeiten hat, aber immer beratend zur Seite steht und dem neuen Klassenkameraden Shaolan, der entfernt mit dem Schöpfer der Clow Cards verwandt ist, unterstützt. Nach und nach gelingt es dem Trio, die Clow Cards wieder einzusammeln und Sakura wird zur neuen Herrin der Karten. Doch kaum ist dieses Abenteuer geschafft, beginnt das nächste: Ein magischer Widersacher taucht auf und fordert Sakuras Magie durch allerlei Tricks und Kniffe heraus. Sakura wird dabei gezwungen, nach und nach alle Clow Cards in ihre eigenen Sakura-Karten zu transformieren und damit letzten Endes den mächtigsten Magier, Clow Reed, zu übertrumpfen.

Card Captor Sakura ist gleich aus mehreren Perspektiven interessant. Zum einen handelt es sich ohne Frage um einen typischen Magical Girl-Manga, die allesamt süße Heldinnen mit magischen Fähigkeiten zur Protagonistin haben. Gleichermaßen gibt es aber auch einige zentrale Unterschiede: Während die meisten Magical Girl-Manga eine Gruppe von Heldinnen hat, die alle ihre eigenen Fähigkeiten haben, bleibt Card Captor Sakuras Sakura das einzige Magical Girl. Es treten zwar weitere Personen auf, die Magie auf unterschiedliche Art und Weise einsetzen können, aber es gibt kein weiteres magisches Mädchen, dass sich Sakura anschließt. Gleichermaßen fehlt die ansonsten für Magical Girl-Serien so typische Verwandlungsszene. Sakuras Magie ist zwar alles andere als dezent, aber zum Zaubern braucht Sakura nur Karten und Stab, keine tatsächliche Verwandlung. Das hat mehrere Konsequenzen: Ohne die Verwandlungsszenen gibt es keine typische Transformation zwischen dem normalen Alltag und dem Besonderen, keine Unterscheidung zwischen Mädchen und Frau, zwischen Normalo und Kämpferin. Sakuras Magie ist stattdessen allgegenwärtig, genau so wie Sakura auch im Alltag immer etwas Besonderes ist und für ihre Wünsche und Ziele kämpft. Gleichzeitig sind die Verwandlungsszenen oft leicht sexuell konnotiert, weil die Heldinnen die Kleidung wechseln – Sakura ist aber jünger als das durchschnittliche Magical Girl, sodass die Mangaka diesem Problem elegant ausgewichen sind. Besondere Kostüme, die für Magical Girl-Serien aber dennoch ein entscheidender Faktor sind, werden stattdessen über Freundin Tomoyo ins Spiel gebracht, die passionierte Schneiderin ist. Gleichermaßen muss Sakura zwar gegen die Karten und gegen die Magie ihres späteren Widersachers kämpfen, dabei handelt es sich aber um weitaus weniger bedrohliche Situationen, als manch anderes Magical Girl bekämpfen musste. Insofern kann man Card Captor Sakura als ein sehr gemäßigtes Beispiel der Magical Girl-Manga betrachten – nicht nur in der Narration, sondern auch visuell. Der Manga verzichtet nahezu vollständig auf den Einsatz von Schwarz und Rasterfolie und behält eine durchgängig helle, freundliche Optik.

Gleichermaßen spiegelt sich in Card Captor Sakura die für das Mangaka-Quartett CLAMP so typischen Themen wieder, allen voran die Liebe. Die spezielle Art und Weise, wie CLAMP Liebe denkt und darstellt, zieht sich durch ihr gesamtes Werk, wird aber in Card Captor Sakura aufgrund der zahlreichen Pärchen besonders deutlich. In Ermangelung eines bessern Wortes lässt sich ihre Liebe am besten als eine sehr reife, erwachsene Liebe bezeichnen. Sie ist frei von den ansonsten so typischen Shojo-Manga-Momenten wie dem Beinahe-Kuss oder das Aufeinander-Fallen. Sie ist frei von jeglichen Äußerlichkeiten, nie peinlich und ohne jede sexuelle oder gar körperliche Konnotation – allein das Gefühl steht im Vordergrund. Was man im ersten Moment schnell als langweilig verwerfen könnte, verleiht den Charakteren und ihren Dynamiken in CLAMPs Manga aber ihr ganz eigenes Flair.

Besonders markant sind zunächst die deutlich gemachten aber dennoch nie eindeutig so bezeichneten homoromantischen Beziehungen. Es wird schnell verdeutlicht, dass Tomoyo mehr als reine Freundschaft für Sakura empfindet, aber keinerlei Probleme damit hat: Im Gegenteil, Tomoyo ist damit zufrieden, Sakuras beste Freundin zu sein und wünscht sich nichts weiter als Sakuras Glück. Es ist eine selbstlose Liebe. Gleichermaßen wird eine Beziehung zwischen Sakuras Bruder Toya und dessen Freund Yukito angedeutet, eine Liebe, in der man füreinander da ist. Markant für CLAMP: Keine der Figuren stört es jemals, dass der Geliebte eben nicht vom anderen Geschlecht ist. CLAMPs Liebe ist, wie sie ist und stört sich wenig an dem Geschlecht der Betroffenen. Eine Diskussion oder innere Krisen um Homosexualität (oder, durch die vollkommene Abwesenheit jeglicher Sexualität, die Homoromantik) gibt es einfach nicht.

Im Einklag zu dieser Liebe, die ist, wie sie ist, sind Paare mit extremen Altersunterschied. Da ist zum einen der Zauberer Eriol, der eigentlich in Sakuras Alter ist, für den gegen Ende der Geschichte eine Beziehung mit einer erwachsenen Frau angedeutet wird. Gleichermaßen hat Sakuras Klassenkameradin Lika eine romantische Beziehung zu einem Lehrer. Normalerweise ist diese Liebe natürlich verboten und dementsprechend benutzen eine menge Manga-Titel genau diese Ausgangssituation, um SchülerInnen und ihrer LehrerInnen in allerlei vertrackte Situationen zu manövrieren, in einem steten Versteckspiel vor den anderen. Lika und ihr Lehrer halten ihre Beziehung auch geheim – doch durch die Abwesenheit von Sexualität wirkt ihre Beziehung nicht verstörend, sondern im Gegenteil sehr reif: Beide wissen, dass sie warten müssen und ertragen die Sehnsucht nach dem anderen, es ist eine Liebe auf Distanz.

Dann gibt es natürlich noch die Familienliebe: Obwohl Sakura ihr Bestes gibt, ihren Vater und ihren Bruder mit ihren teilweise ungewöhnlichen Aktionen keinen Kummer zu bereiten, wissen beide genau Bescheid, sobald sie etwas bedrückt. Dementsprechend unterstützen beide Sakura nach besten Kräften – sei es zu kochen oder einfach auch nichts zu tun.

Daneben gibt es unter Sakuras Klassenkameraden auch ein normales Pärchen – das zentrale Paar der Serie sind aber ohne Frage Sakura und Shaolan. Beide fühlen sich zunächst von Yukito angezogen und sind Rivalen um dessen Zuneigung. Shaolan verliebt sich aber auch zügig in Sakura, was bei ihm für einiges an Verwirrung sorgt. Später wird deutlich, dass Shaolan und Sakura auf Yukitos magische Aura reagieren – Shaolan wird klar, dass er nur Sakura wirklich liebt, während die weiter nur Augen für Yukito hat. Es scheint eine aussichtlose Liebe zu sein, bis Sakura Yukito ihre Gefühle gesteht, aber abgewiesen wird. Als Shaloan Sakura seine Gefühle gesteht, wird ihr im letzten Moment seiner Abreise klar, dass sie ihn auch liebt.

Card Captor Sakura hat mit den Clow Cards, der Magie und dem Geheimnis hinter dem Erschaffer der Karten, Clow Reed, durchaus eine Story, sogar mit dem für CLAMP so typischen philosophischen Twist: Clow Reed, der über weite Strecken des Manga als geheimnisvoll bleibt, taucht später als Widersacher auf – und offenbart am Ende sein Ziel, dass er einfach nicht mehr der größte Magier sein wollte, denn alles vorherzusehen hat ihm jegliche Lebensfreude genommen. Und die zentrale Botschaft des Manga vermittelt letzten Endes, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben – eine wichtige Botschaft in einer Zeit, die von Unsicherheiten geprägt ist. Gleichermaßen wird aber niemand leugnen können, dass Liebe und ihre verschiedensten Formen das zentrale Element von Card Captor Sakura sind, die in verschiedenen Formen auftritt und die zeigt, wie Liebe außerhalb des Klischees aussehen kann.

Inzwischen geht das Abenteuer von Sakura in einem neuen Manga, Card Captor Sakura Clear Card Arc weiter: Dieses Mal sind alle Karten durchsichtig geworden…Ob Sakura die Karten wieder nutzen kann und wie sich ihre Beziehung zu Shaolan entwickeln wird, kann man seit Juli bei EMA, die bereits auch die Vorgängerserie veröffentlicht haben, verfolgen. Beide Serien sind, zusammen mit OVAs und einigen Filmen, auch als Anime erschienen – wer das echte CLAMP-Feeling sucht, der sollte aber besser auf die Manga zurückgreifen.

 

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