Chobits

Chobits2Kann man sich in einen Computer verlieben?

Chobits ist einer der vielen Manga, die sich mit künstlichen Lebensformen auseinandersetzen. Allerdings darf man jetzt keine actiongeladenen Schlachten erwarten, denn Chobits des Mangaka-Quartetts CLAMP schlägt eine ganz andere Richtung ein.

Hideki hat es im Leben nicht so leicht: Er ist ständig pleite und hat auch noch den Zulassungstest für die Universität vermasselt, sodass er gezwungen ist eine Vorbereitungsschule zu besuchen. Dabei wünscht er sich nur eines – er hätte gerne einen PC! Die modernen PCs sehen wie normale Menschen aus, sind aber hocheffizient und können alles, was man sich unter einem Computer vorstellen kann. Durch reines Glück findet Hideki auf der Müllhalde einen entsorgten – aber scheinbar völlig intakten – weiblichen PC, den er mitnimmt und auf den Namen Chi tauft. Schnell stellt sich heraus, dass Chi kein gewöhnlicher PC ist: Sie besitzt keinerlei Allgemeinwissen, kann am Anfang noch nicht einmal sprechen und hat zusätzlich bis auf eine Lernsoftware keine weiteren Programme installiert, scheint aber trotzdem ansonsten einwandfrei zu funktionieren. Schnell wird vermutet, dass es sich bei Chi um einen der mysteriösen Chobits handelt…

Chobits setzt sich aus zwei sehr verschiedenen Bausteinen zusammen. Zum einen trägt der Manga klare Comedy-Elemente, denn Chis fehlendes Alltagsverständnis bringt Hideki regelmäßig in peinliche Situationen – zum Beispiel wenn sie Posen aus seinen Erotik-Heften nachahmt oder offen unangemessene Dinge gegenüber Fremden anspricht. Chis vollkommenes Unverständnis über Scham, Umgang, Anstand und soziales Miteinander sorgen aber nicht nur für lustige Situationen, sondern sind auch Auslöser für tiefgreifende Gespräche.
Zum anderen besteht Chobits nämlich aus einem Dilemma: dem Zusammenleben zwischen Mensch und Maschine. Im Laufe seines Plots präsentiert Chobits mehrere kleine Geschichten um Beziehungen zwischen Menschen und PCs. Da wäre zum Beispiel Hidekis Kollegin Yumi, die menschlichen PCs abgeschworen hat und nur noch einen kleinen Taschen-PC benutzt. Später kommt heraus, dass sie in einen Konditor verliebt ist, der schon einmal verheiratet war – mit einem PC. Yumi verzweifelte, weil sie der Meinung war, als Mensch nicht gegen die perfekten, schönen Computer anzukommen. Der Konditor selbst erzählt dagegen, welcher Medienrummel um die Hochzeit zwischen ihm und seinem PC – seiner Frau! – gemacht wurde. Später dann „starb“ seine Frau. Ein Defekt im Speicher hatte dafür gesorgt, dass sie sämtliche Erinnerungen verloren hatte. Die Reporter wollten wissen, ob er sich einen neuen PC kauft. Hidekis verheiratete Lehrerin konnte irgendwann nicht mehr nach Hause, weil ihr Mann über ihren gemeinsamen weiblichen PC vergessen hatte, dass seine Frau noch nicht heimgekommen war.

Es gibt weitere solche Geschichten, die tragische Beziehungen zwischen Menschen und PCs beschreiben. Sie alle stellen die Frage, die sich letztlich auch Hideki stellen muss: Eine Beziehung zwischen Mensch und PC – geht das? Darf das gehen? Ein PC hat keine echten Gefühle, sondern arbeitet allein auf Basis seiner Programmierung – die gezeigten Reaktionen wirken vielleicht emotional, sind aber nichts weiter als das Ergebnis von Rechenprozessen. Was ist wichtiger? Dass es sich bei dem PC nicht um ein echtes Lebewesen handelt oder die eigenen Gefühle? Kann man überhaupt Liebe für einen PC empfinden? Bevor Hideki am Ende des Manga seine eigene Antwort finden muss, dienen diese kleinen Beziehungskonflikte dazu, verschiedene Punkte zu beleuchten – mit je unterschiedlichem Ergebnis. Am Ende finden sowohl Mensch und PC als auch Mensch und Mensch zueinander.

Dabei muss sich nicht nur Hideki mit dieser Frage auseinandersetzen, sondern auch Chi – je mehr sie weiß und kennenlernt, desto mehr denkt sie über ihre Beziehung zu Hideki nach. Sie selber weiß, dass sie kein Mensch ist. Begleitet werden Chis Überlegungen von einer hochphilosophischen Bilderbuch-Reihe, deren Bände Chi begeistert sammelt. Hier sucht ein kleines Wesen nach dem „Mensch für sich allein“ – und kommentiert damit wunderbar Chis eigene Suche.

Neben diesem Hauptthema ist Chobits auch wegen einem weiteren Thema interessant: Sexualität. Chobits richtet sich eindeutig an ältere Leser. Ewig-Single Hideki hat zahlreiche Erotik-Magazine und bemerkt schnell und oft die Rundungen der Frauen in seinem Alltag – ganz abgesehen von Chi, der es anfangs auch an Verstand mangelt, sich selber anzuziehen. So gesehen spielt Chobits damit permanent Hideki zu reizen – dem jede Situation ausgesprochen peinlich ist.
Die Menschen, denen Hideki begegnet, gehen erheblich offener mit dem Thema um – ein Großteil davon sind Frauen. Weder die Vermieterin noch die Lehrerin scheint es zu überraschen, dass Hideki Erotiksachen in seinem Zimmer lagert. Sein Klassenkamerad hat keinerlei Hemmungen Chi zwischen die Beine zu gucken – weil dort oft die Seriennummer der PCs steht. Kollegin Yumi redet problemlos mit Hideki über ihre mehr als nur großen Brüste. Der erheblich jüngere Computerspezialist, den Hideki besucht um Chi untersuchen zu lassen, lebt mit einer kleinen Armee knapp bekleideter PC-Frauen und scheint grundsätzlich erfahrener zu sein. Während all diese Personen Sexualität schlicht anerkennen, bricht Hideki jedes Mal in Panik, Schock und Scham aus. Diese Momente dienen natürlich auch zum Amüsement des Lesers, denn die Figuren nehmen Hidekis Scham oft zum Anlass, ihn mit seiner Jungfräulichkeit aufzuziehen. Auf der anderen Seite provoziert Hideki selbst diese Reaktionen, denn er enttarnt sich durch sein Verhalten permanent selbst.

Beide Themen kommen am Ende des Mangas zusammen – wie sich am Ende herausstellt befindet sich Chis Resetbutton genau zwischen ihren Beinen.  Sollte Hideki also tatsächlich eine Beziehung mit ihr eingehen und schließlich mit ihr schlafen, dann würden Chis gesamte Erinnerungen – ihr Speicher – gelöscht werden. Dementsprechend könnte Hideki niemals eine körperliche Beziehung mit ihr haben. Dementsprechend besteht das finale Drama von Chobits aus zwei Aspekten: Der Frage ob man als Mensch eine Beziehung mit einem PC haben kann oder sollte und ob eine Beziehung ohne Sexualität möglich ist. Hideki entscheidet sich am Ende dafür, dass Chi „der ‚Mensch‘ für ihn allein“ ist – mit dem Wissen, dass sie nur ein Computer ist und sie niemals miteinander schlafen können. Das wiederum bedeutet, dass Hideki immer jungfräulich bleiben wird und damit nie den peinlichen Reaktionen auf Sexualität entwachsen wird. Lamarre (07) hat dazu ähnliche Gedanken und diese in seinen Arbeiten auch weiter ausgeführt.

Diese bewegenden Fragen werden allerdings allein in dem Manga deutlich. Der Anime verliert viel dieser Ernsthaftigkeit und legt größeren Wert auf Comedy-Aspekte, die einem breiteren Publikum zugänglich sind. Allein deswegen ist für eine ernsthafte Auseinandersetzung nur der Manga zu empfehlen. In Deutschland ist dieser in 8 Bänden bei EMA  erschienen.

Weitere Literatur

  • Lamarre, Thomas (2006): Platonic Sex. Perversion and Shōjo Anime (Part I). In: Animation. An Interdisciplinary Journal. Vol 1(1). S.45-59.
  • Lamarre, Thomas (2007): Platonic Sex. Perversion and Shōjo Anime (Part II). In: Animation. An Interdiscplinary Journal. Vol 2 (1). S.9-25.
  • Lamarre, Thomas (2009): The Anime Machine. A Media Theory of Animation.

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