Code Geass

Code Geass2Die Macht, Leute zu beherrschen – was würdest du tun?

In naher Zukunft hat das Heilige Britannische Reich weite Teile erobert und damit den Status einer absoluten Weltmacht erreicht. Der junge verstoßene 11. Prinz dieses Reichs, Lelouch, hat aber nur ein Ziel: Um seiner Schwester eine friedliche Welt zu geben will Lelouch seinen Vater, den Kaiser, töten. Nach dem Tod ihrer Mutter wurden Lelouch und seine blinde und gelähmte Schwester Nunnally nach Japan verstoßen – von Britannien besetzt und angegliedert – und leben dort getarnt als normale Schüler. Das Leben dort zeigt eine gespaltene Gesellschaft: Auf der einen Seite die wohlhabenden Britannier, auf der anderen Seite die besiegten Japaner, die in Ghettos leben und von den britannischen Mitmenschen scharf diskriminiert und wie Sklaven behandelt werden. Denn die Regel des Kaisers ist einfach: Menschen sind nicht gleich – und die Schwächeren auszubeuten dementsprechend völlig natürlich.

Eines Tages passiert etwas Unglaubliches: Das mysteriöse Mädchen C.C. gibt ihm eine besondere Kraft namens Geass. Mit dieser Fähigkeit ist es Lelouch möglich, jedem seiner Mitmenschen einmalig einen absoluten Befehl zu erteilen. Seine Opfer werden mit Hilfe des Geass so manipuliert, dass sie diesen Befehl auf jeden Fall ausführen und sich anschließend an nichts mehr erinnern.

Mit dieser Kraft ausgestattet beginnt Lelouch seinen Rachefeldzug: Er verschleiert seine Identität mittels Anzug und Maske, tritt fortan als Zero auf und kann die japanischen Untergrund-Terroristen dazu bewegen, sich ihm anzuschließen. Sie sind extrem erfolgreich – denn abgesehen von der Kraft des Geass ist Lelouch außerdem ein begnadeter Stratege, sodass er trotz der offensichtlichen Übermacht Britanniens immer einen Weg findet, die Situation zu seinen Gunsten zu entscheiden. Die Lage spitzt sich zu, als Lelouch seinen Halbbruder, den amtierenden Gouverneur, umbringt. Durch den Mord an einem Mitglied der Kaiserfamilie und die durch Zeros Aktionen zunehmenden Unruhen in Japan richtet sich verstärkt die Aufmerksamkeit weiterer Mitglieder der Kaiserfamilie auf das Land. Lelouchs ärgster Gegenspieler ist aber jemand ganz anderes: Sein Kindheitsfreund Suzaku. Suzaku ist gebürtiger Japaner, arbeitet aber dennoch für das britannische Kaiserreich.

In dem Konflikt zwischen Suzaku und Lelouch liegt der eigentliche Kern von Code Geass. Trotz ihrer langjährigen Freundschaft beschreiten die beiden nämlich jeweils unterschiedliche Wege: Suzaku will das Kaiserreich von innen heraus ändern, indem er sich in deren Militär entsprechend hocharbeitet – und tatsächlich erreicht er im Laufe der zwei Staffeln trotz seiner japanischen Herkunft eine einflussreiche Stellung. Lelouch dagegen will das System mit Gewalt von außen – Terrorismus – stürzen. Das Ziel beider ist dasselbe, aber ihre Wege und Methoden unterscheiden sich. Im Kern der Serie steht damit letztlich auch die Frage, welcher Weg der richtige ist. Es ist eine Frage, die auch in anderen filmischen Auseinandersetzungen mit Terrorismus (sofern sich diese nicht auf Terrorismus nach 9/11 beziehen) auftauchen, darunter z.B. mehrere Filme des Deutschen Herbsts, die sich mit dem Terrorismus der RAF befassen.

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt Code Geass nicht. Moralisch mag man sich zunächst dem tugendhaften Suzaku verpflichtet fühlen. Da der Protagonist der Serie aber Lelouch ist, dessen Ziele und Motivationen auch wiederum auch richtig erscheinen und die unmenschlichen Lehren des britischen Imperiums nur schwer Mitleid aufkommen lassen, hält sich die Serie moralisch in der Waagschale. Es ist eben dieses Für und Wider, was Code Geass aus einer Zuschauerperspektive spannend und kompliziert macht.

Zusätzlich dazu muss Lelouch nach und nach mit den Konsequenzen leben, die seine Aktionen von sich tragen – Tote und Verletzte, immer mehr Misstrauen in den eigenen Reihen und ein Leben als Terroristenanführer und als normaler Schüler. Tatsächlich begeht Lelouch seine schlimmsten Fehler immer dann, wenn seine Lieben involviert sind: Am Ende von Staffel 1 ist sein Sieg nahe, als er überstürzt das Schlachtfeld verlässt, um seiner Schwester Nunnally zur Hilfe zu eilen. Infolgedessen wird er gestellt und als Zero enttarnt. Danach verliert er laufend weitere Personen: seine Liebe Shirley, die im Tumult seiner Aktionen stirbt; die mysteriöse C.C., die ihn bis hierhin immer unterstützt hat, verliert all ihre Erinnerungen; seine Terroristengruppe sagt sich von ihm los, als sie von dem Geass erfahren – aus Wut, dass er es auch bei ihnen angewendet hat. Am Ende steht Lelouch alleine da.

Eine weitere zentrale Problematik ist das Geass. Der Kaiser, der im Laufe der Serie äußerst desinteressiert am weltlichen Geschehen ist, will mit Hilfe einer antiken Waffe und dem Geass nur eines erreichen: Er will alle Menschen zu einem großen Kollektivbewusstsein werden lassen. In einer solchen Welt wären alle Menschen miteinander verbunden, man müsse die Toten nicht missen und es gäbe keinerlei Lügen. Es ist exakt dasselbe, was Shinjis Vater in Neon Genesis Evangelion ausheckt. Lelouch lehnt diese Welt letztlich ab, weil er der Ansicht ist, dass es so keine Zukunft gäbe. Nichtsdestotrotz bleibt es eine interessante Frage: Würde es uns besser gehen, wenn wir keine getrennten Individuen wären?

Seinen genialsten Schachzug verbringt Lelouch am Ende der Serie. Den Kaiser besiegt, ernennt Lelouch sich kurzerhand selbst zum nächsten Kaiser. Mit Tricksereien und Gewalt lässt er das Britannische Reich in die Vereinten Nationen aufnehmen, wodurch Britannien aufgrund seiner hohen Einwohnerzahl sofort alleine die absolute Mehrheit erreicht. Diese und weitere Aktionen schüren den internationalen Groll gegen ihn, sodass die Kaiserfamilie und seine frühere Terroristengruppe letztlich gegen ihn agieren. Erst ganz am Ende wird klar, was genau Lelouch damit bezweckt.  Der Kaiser Lelouch hat bewusst alles unternommen, um allen Hass der Bevölkerung auf sich zu sammeln und sich dann von Zero – seiner eigenen Tarnidentität, die nach wie vor als Symbol der Hoffnung gilt, hinter welchem jetzt aber Suzaku steckt – töten zu lassen. In der Freunde um den Tod des Dämonenkaisers wird die Welt ein friedlicherer Ort. Unter Fans ist insbesondere dieses Ende umstritten – auch wenn die Produzenten zu verstehen gegeben haben, dass Lelouch am Ende der Serie tatsächlich stirbt, so lässt die allerletzte Szene durchaus auch eine andere Schlussfolgerung zu. Womöglich hat der brillante Lelouch am Ende sogar die Zuschauer getäuscht und lebt noch?

Letzten Endes bietet Code Geass neben den ganzen Strategien, politischen Verwicklungen und zahlreichen Schicksalen vor allem drei zentrale Fragen. 1: Wie kann man mit einer solchen absoluten Macht wie dem Geass umgehen? 2: Welches ist der richtige Weg, eine schleppende Veränderung von innen oder eine schnelle, aber gewaltsame von außen? und 3: wäre eine Welt, in der wir keine Individuen, sondern ein geeintes Wesen sind, eine bessere, friedlichere Welt?

Code Geass‚ Plot bietet dementsprechend vor allem eine zentrale moralische Kernfrage. Aber auch darüber hinaus kann man sich mit der Serie beschäftigen. Wie bereits an anderer Stelle erläutert wurde, ist in vielen Anime klassischerweise die USA der Gegner – direkt abgeleitet aus dem Zweiten Weltkrieg. Japan sieht sich aufgrund der Atombomben und letztlich der Kriegsniederlage aber vor allem als Opfer, weniger auch als Aggressor. Für genau dieses Problem ist Code Geass ein ideales Beispiel. So ist hier zwar das Heilige Britannische Reich der Feind – es befindet sich aber auf dem (aus unserer Sicht) amerikanischen Kontinent. Die Japaner werden innerhalb der Serie als arme, bemitleidenswerte Opfer dargestellt, die Britannier als rassistische, gewaltverherrlichende Eroberer – genau das Bild, was mitunter immer noch in Japan über die USA und den Zweiten Weltkrieg vermittelt wird. Wem das als Parallele noch nicht reicht, der muss aber spätestens vor der Kriegswaffe FLEIA kapitulieren, die im Laufe der Serie entwickelt wird und eindeutig eine Science-Fantasy-Version der Atombombe ist, die (passenderweise) ein Britannier auf Tokio loslässt. Dementsprechend handelt es sich bei Code Geass auch um eine sehr offensichtliche Re-Inszenierung des Zweiten Weltkriegs – mit einem neuem Ende.

Neben seinen zwei Staffeln hat Code Geass auch eine OVA, Akito the Exiled, die sich chronologisch zwischen der ersten und zweiten Staffel befindet. In Japan gibt es darüber hinaus auch mehrere Light Novels und kürzere Manga-Reihen – bei weitem zu viele, um sie hier alle aufzuzählen – die verschiedene kleinere Zusatzgeschichten aus dem Code Geass-Universum erzählen. Es ist nicht zu erwarten, dass irgendeiner dieser Titel noch nach Deutschland importiert wird.

 

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