Daisy aus Fukushima

DaisyDas Leben nach der Fukushima-Katastrophe

Anlässlich des fünften Jahrestages der Fukushima-Katastrophe vom 11.3.2011 widmet sich dieser Beitrag wie zuvor Tokyo Magnitude 8.0 einem Werk, das sich unmittelbar mit dem Beben und seinen Konsequenzen auseinandersetzt: Daisy aus Fukushima.

Wie ist das Leben in Fukushima nach der Katastrophe? Basierend auf dem Roman Pierrot von Teruhiro Kobayashi, Darai Kusanagi und Tomoji Nobuta setzt Mangaka Reiko Momochi mit weiteren eigenen Recherchen einen einfühlsamen Shojo-Manga zusammen, um genau diese Frage zu beantworten. Dabei geht es im Kern vor allem um eines: in Fukushima bleiben oder umziehen?

Im Vordergrund steht Protagonistin Fumi, die im April 2011 das erste Mal wieder zur Schule geht. Schon im ersten Kapitel wird die schlimmste Konsequenz von Fukushima deutlich: die Angst. Das erste Kapitel des Mangas widmet sich vor allem der Beschreibung von Fumis Angst nach draußen, wo die Strahlung herrscht, zu gehen. Als es auf dem Weg zur Schule zu regnen beginnt, brechen alle in Panik aus. Die Strahlung ist auch Thema Nummer 1 unter Fumis Freundinnen Ayaka, Mayu und Moe. Als Moe urplötzlich unangekündigt Fukushima verlässt, bricht unter den Mädchen ein Streit aus. Ayakas Familie hat Probleme, weil aufgrund der Katastrophe Gäste für das familieneigene Hotel ausbleiben, Mayus Vater ist Reisbauer und an seine Felder gebunden. Außerdem kann er seinen Reis nicht mehr verkaufen – nicht weil tatsächlich Radioaktivität nachgewiesen wurde, sondern weil niemand mehr Lebensmittel aus Fukushima kaufen mag. Moe taucht wieder auf, weil ihr Verlobter aus Tokio sie abgelehnt hat – mit der Begründung, dass es bei Frauen aus Fukushima zu gesundheitlichen Problemen kommen kann. Aus reiner Angst vor weiteren schlechten Nachrichten schneidet sie sich später die Pulsadern auf und überlebt ihren Suizidversuch nur knapp. Später lernen die Mädchen einen Jungen kennen, den sie liebevoll „Mr. Drum“ nennen. Mr. Drum hat durch die Katastrophe alles verloren und wohnt mit seiner Oma in einer engen Containersiedlung, in der es keinerlei Privatsphäre gibt. Ayakas Familie muss letztlich Insolvenz anmelden. Der nette Nachbar, der engagiert mit anderen Männern die Stadt aufgeräumt hat, wird erhängt aufgefunden – als er erkannte, dass sein Haus inzwischen restlos von der Natur zurückerobert wurde, gab er die Hoffnung auf.

Aber es gibt auch Gutes. Das Singen in der Band Daisy hilft den Mädchen. Ayaka isst bewusst den Reis von Mayus Familie. Als sie nach Moes Selbstmordversuch ein Video finden, auf dem zu sehen ist, wie Moes Freund sie wegen ihrer angeblichen Strahlung zurückweist, fahren die Freunde vier Stunden lang mit dem Auto nach Tokio, um den Mann zu stellen. Sie erzählen ihm, dass sie durch die Strahlung nun jeden Tag in Angst leben – und bedrohen ihn prompt damit, das Video zu veröffentlichen, was dem Ruf der Familie des Jungen erheblich schaden würde, sodass auch er nun in Angst leben muss. Mayu, die sich eigentlich gerne schick macht, beschließt ebenso wie ihr Vater Reisbäuerin zu werden und die Familienfelder fortzuführen. Der Verlobte der Klassenlehrerin zieht bewusst nach Fukushima, um beim Wiederaufbau zu helfen. Ayaka kann trotz der Insolvenz ihrer Familie in Fukushima bleiben und ihren Traum verfolgen Lehrerin zu werden, um vor allem den Kindern von Fukushima eine Stütze zu sein. Moe rappelt sich von ihrem Zusammenbruch auf und beschließt Therapeutin zu werden, um Menschen mit ähnlichen Problemen zu helfen. Und auch Fumi findet letztlich ihre Antwort. Nachdem sie über die gesamte Länge des Mangas mit sich hadert, ob sie wie ursprünglich geplant in Tokio studieren oder nun doch solidarisch in Fukushima bleiben soll, entschließt sie sich letzten Endes, in Tokio zu studieren um Politikerin zu werden und so der Stadt zu helfen.

Daisy aus Fukushima ist in vielerlei Hinsicht – trotz der eindringlichen Thematik – auch ein typischer Shōjo-Manga, also ein Manga speziell für Mädchen. Die Hauptfiguren sind allesamt Mädchen. Inhaltlich geht es nicht nur um Fukushima, sondern auch um typische Shōjo-Manga-Themen wie die erste Liebe oder der Berufswunsch bzw. das Lebensziel, das im Laufe der Narration entdeckt wird. Auch stilistisch ist der markante Stil der Shōjo-Manga zu erkennen: die großen Augen der Heldinnen, lange Monologpassagen, die von den Gedanken und Gefühlen der Figuren erzählen sowie eine extrem flexible Panelstruktur, deren einzelne Bilder nicht nur verschiedene Formen und Größen, sondern auch regelmäßig schwindende Grenzen haben. All diese Elemente sind typische Merkmale eines Shōjo-Mangas. So betrachtet reiht sich Daisy aus Fukushima trotz seiner schwierigen Thematik ohne Probleme in die riesige Gruppe der Shōjo-Manga ein.

Stilistisch also eher ein Standardwerk, sticht Daisy aus Fukushima vor allem durch seine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konsequenzen von Fukushima heraus. Am Ende der Narration steht das Ergebnis, dass das Leben der vier Mädchen nachhaltig davon beeinflusst wurde: Alle vier wählen basierend auf der Katastrophe einen Beruf, der die Menschen in den betroffenen Regionen unterstützt. Wie so oft in Shōjo-Manga kann man auch ein sehr deutliches Gendering erkennen. Die vier Protagonistinnen nehmen letzten Endes eine deutliche Helferrolle ein – das Aufräumen der zerstörten Stadt bleibt aber Aufgabe der wenigen männlichen Figuren, die im Manga auftauchen: der nette Nachbar, der Verlobte der Klassenlehrerin oder Schüler Tamaki, mit dem Fumi in den ersten Anfängen einer romantischen Beziehung steckt. Bewusst oder unbewusst, die Rollenverteilung ist klar. Ebenfalls kritisch anzumerken ist dass keine der Protagonistinnen Fukushima aus Angst verlässt. Mayu und Ayaka entscheiden sich bewusst für eine Arbeit bzw. ein Studium in Fukushima und auch Moe, die die Stadt aufgrund ihres Zusammenbruchs kurzzeitig verlassen hatte, kehrt am Ende wieder zurück. Fumi verlässt als einzige Fukushima – aber nur, um zu studieren und später auf politischer Ebene Fukushima unterstützen zu können. Die Freundinnen werden zwar durchaus mit der Thematik konfrontiert, Fukushima aufgrund der Strahlung oder anderen Verlusten zu verlassen, aber sie selber trennen sich nicht von der Stadt. Somit steht die Entscheidung, solidarisch zu Fukushima zu halten, in diesem Manga letztlich als die moralisch „richtigere“ Wahl da. Zwischen den Zeilen gelesen blitzt somit stellenweise in einem Mikrokosmos das ohnehin nicht unumstrittene Nationalbewusstsein hervor. Inhaltlich wäre es interessanter gewesen, Moe, die ohnehin kurzzeitig Fukushima verlassen hatte, nicht in einem perfekten Happy End zurückkehren zu lassen.

Daisy aus Fukushima beschäftigt sich mit der Fukushima-Katastrophe – aber nicht aus rein dokumentarischer Sicht. Wer  nach Fakten und Aufklärung sucht, sollte sich stattdessen lieber an den Manga Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima wenden, der sich intensiv mit den Aufräumarbeiten, Strahlenwerten und politischen Verwicklungen auseinandersetzt und damit erheblich mehr dokumentarischen Wert hat. Daisy aus Fukushima meidet harte Fakten und Berichterstattung und konzentriert sich stattdessen vielmehr auf persönliche Geschichten und Schicksale, auf die Stimmung, Sorgen und Ängste der Leute – und ist damit erheblich einfühlsamer. In Zeiten, in denen die westliche bzw. deutsche Berichterstattung um Fukushima abgeklungen ist, erinnert dieser Manga eindringlich daran, dass die Katastrophe und ihre Konsequenzen für viele Menschen immer noch eindringlich präsent ist – und bleiben wird.

Der in Deutschland publizierende Verlag EMA bietet auf seiner Homepage auch eine Leseprobe, auf Youtube hat der Verlag ein entsprechendes Trailervideo veröffentlicht:

 

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