Death Note

Death NoteWas ist Gerechtigkeit?

Manga und Anime bieten verschiedene Genre – teilweise auch ganz eigene, wie zum Beispiel das Genre des Magical Girl oder des Yaoi -, aber nicht alle sind gleichmäßig vertreten. Den klassischen Krimi findet man vergleichsweise selten. In Deutschland dürfte die bekannteste Manga-Krimi-Reihe Detektiv Conan sein, der derzeit stolze 88 Bände umfasst – ohne ein Ende erahnen zu lassen.

Nichtsdestotrotz stammt eine der innerhalb der Forschung häufig aufgegriffenen Serien aus eben jenem Bereich: Detah Note, das Gemeinschaftswerk von Zeichner Takeshi Obata und dem Autor Tsugumi Ohba. Die beiden sind auch über Death Note hinaus für anspruchsvolle Titel, wie zum Beispiel Bakuman., bekannt.

Death Note handelt von dem hochbegabten Light Yagami, dessen Leben perfekt scheint – eine liebevolle Familie, gutes Aussehen, glänzende Noten. Einzig und allein zwei Sachen stören ihn: Er findet sein eigenes Leben durch und durch langweilig und ist von der Verdorbenheit der Welt, mit all seinen Verbrechern und Lügnern, angeekelt. Eines Tages sieht Light ein merkwürdiges Notizbuch vom Himmel fallen. Als Death Note tituliert enthält es eine Reihe von Gebrauchsregeln, Nummer 1: „The human whose name is written in this note shall die.“ Light hält das Ganze für einen schlechten Aprilscherz, ist aber dennoch in Versuchung. Als die Nachrichten von einem Geiselnehmer berichten, wagt Light einen spontanen Versuch und schreibt den Verbrecher ins Death Note. 40 Sekunden später – exakt nach den Regeln des Death Note – stirbt der Mann an Herzversagen. Light erkennt sofort seine Chance: Er will fortan das Death Note nutzen, um konsequent sämtliche Verbrecher zu ermorden, die Welt so zu einem besseren Ort machen und letzten Endes der Gott einer neuen Weltordnung werden. Unterstützt von Shinigami (dt.: Todesgott) Ryuk, dem eigentlichen Besitzer des Death Notes, beginnt er systematisch Verbrecher zu töten.
Ein waghalsiges Unterfangen – zumal die zu Hunderten sterbenden Verbrecher in Japan schnell nicht nur die japanische Polizei, sondern auch das FBI auf den Plan rufen. Während die Gesellschaft nach und nach „Kira“ (die japanische Variante vom Killer) tatsächlich als gerechten Richter und neuen Gott feiert, nehmen FBI und Polizei die Fahndung nach Light auf. Unterstützt werden sie dabei von dem mysteriösen L, der genau wie Light auch hochintelligent ist. Was folgt ist ein brisantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Genies L und Light, die sich jedes Mal mit genialen Schachzügen zu überbieten versuchen. L hat Light zwar früh in Verdacht, kann aber nichts nachweisen  – zumal niemand auf den Gedanken kommt, dass es sich bei der Mordwaffe um ein Notizheft handelt. Light kann dagegen L nicht einfach töten, denn das Death Note funktioniert nur mit dem wahren Namen einer Person, also nicht mit einem Decknamen wie L. Später kommt Misa dazu. Wie Light ist sie ebenfalls Besitzerin eines Death Notes, hat aber darüber hinaus mit ihrem Shinigami einen Handel abgeschlossen und so die Möglichkeit, die wahren Namen jeder Person zu sehen….

Darüber hinaus enthält Death Note zahlreiche Elemente, von denen hier nur ein Teil erwähnt werden können: die Probleme der Polizei gegen Kira zu ermitteln – weil sie befürchten müssen selber zu sterben; das Misstrauen der Polizei gegenüber L, der nie etwas von sich preisgibt; wie Light nach seinem Abschluss selbst Polizist und Teil der Ermittlungseinheit gegen ihn selbst wird; wie sich die internationale Gemeinschaft nach und nach Kira beugt; die zahlreichen Machtkämpfe zwischen Light bzw. Kira und den Ermittlern.

Für die Forschung ist Death Note vor allem wegen seines Verständnisses und Umgang mit Gerechtigkeit interessant. Das Death Note ist eine Waffe – und genau so nutzt Light sie auch. Light entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu dem größten Massenmörder der Menschheitsgeschichte und als ein solcher wird er von der Polizei als Verbrecher gesucht. Auf der anderen Seite tötet Light nicht wahllos, sondern ebenfalls nur Verbrecher – und tatsächlich müssen selbst die Kira-Gegner zugeben, dass die Kriminalitätsraten rapide gesunken sind und es mit der Ausnahme von Kiras Morden kaum noch Verbrechen gibt. Damit wird unweigerlich die Frage aufgeworfen, ob Lights Handlungen als Kira ein gerechtfertigtes, „gutes Morden“ sind. Sie schlagen damit eine ähnliche Richtung ein, wie man sie in Filmen über die Todesstrafe findet: Hier geht es oft um die Frage, ob das Töten eines Verbrechers als Strafe für seine grausamen Taten gerechtfertigt ist. Während es in dieser Art von Film aber oft um die Gegenüberstellungen von Täter- und Opfer- bzw. Hinterbliebenenperspektive geht, bleibt Death Note seltsam entfremdet. Es geht eben nicht – und das ist der zentrale Unterschied zu Todesstrafe-Filmen – um persönliche Schicksale, sondern allein um die Grundsatzfrage. Die Verbrecher in Death Note bleiben merkwürdig gesichtslos, man kennt sie kaum, weiß wenig über ihre Verbrechen und noch weniger über sie selbst. Diese Art der Inszenierung betont zum einen die Gleichgültigkeit von Light, mit der er Tag für Tag systematisch unzählige Menschen tötet, ermöglicht aber auch eine befremdlich objektive Perspektive. Darf man Verbrecher einfach töten, um eine bessere Welt zu erschaffen?

Die angebliche Gerechtigkeit, auf die Light sich beruft, ist eine Selbstgerechtigkeit. Er verurteilt die, die er als Verbrecher sieht, ohne Rücksicht auf die Umstände. Er sieht seinen Vorteil gegenüber der Polizei darin, dass er anders als die Verbrecher, die er tötet, kein eigennütziges Motiv  hat – er sei weder auf Geld noch auf Macht aus, sondern schlicht auf die Verbesserung der Welt. Hier wird die Problematik um die Figur von Light besonders deutlich. Light nimmt sich bereits zu Beginn seines Mordens vor der Gott einer neuen Weltordnung zu werden – er will also nicht nur die Welt verbessern, sondern gleichzeitig der Gott dieser Welt sein.  „Gott-sein“ wird assoziiert mit „allmächtig sein“ und beinhaltet sehr wohl ein Machtstreben – und zwar vor allem nach totaler Kontrolle. Es ist bezeichnend, dass Light im Rahmen der Moderne, in der traditionelle Orientierungsrahmen wie Kirche oder Familie, die einem vorher klare Lebenswege auferlegten, ihre Bedeutung verloren haben, nun wieder versucht einen eben solchen totalitären Orientierungsrahmen wiederherzustellen. Kira soll der neue Orientierungsrahmen werden. Lights Streben nach Kontrolle kann man als den Versuch auslegen, der Unberechenbarkeit der Moderne entgegenzuwirken – obwohl auch andere Interpretationen denkbar sind.

„Gott-sein“ spricht noch weitere Auffälligkeiten in Death Note an – vor allem, dass sich die Serie explizit auf das Christentum anstelle der in Japan üblichen Mischung aus Shintoismus und Buddhismus konzentriert. Die tatsächliche Anzahl japanischer Christen ist verschwindend gering, sie stellen gerade mal 1% der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz kommen christliche Symbole vergleichsweise oft in Anime und Manga vor. Dabei gilt zu beachten, dass diese Symbole in den seltensten Fällen in ihrer tatsächliche christlichen Bedeutung zu verstehen sind. So steht das Kreuz nicht explizit für Christus oder dessen Kreuzigung, sondern mehr für einen verfrühten, ungerechten Tod – oder sogar nur schlicht zum Anzeigen der „exotischen“ Religionszugehörigkeit. Death Note arbeitet sehr explizit mit christlichen Symbolen, weniger direkt narrativ, sondern vor allem im non-diegetischen Material wie Titelbildern oder dem Opening des Anime. Light mit Flügeln wie als Engel, Light vor Kreuzen – eines der drastischsten Anspielungen ist ein Bild aus dem ersten Opening des Anime, eine abgewandelte Version von Michelangelos Die Erschaffung Adams – anstelle von Adam und Gott sind hier Light und Todesgott Ryuk zu sehen, der Light einen Apfel überreicht.

Letzen Endes wird Light von der Polizei überführt. Seine finalen Momente sind besonders beeindruckend – sah er sich bereits siegessicher und nun doch gestellt, bricht sein ganzer Wahnsinn aus. Anstelle des ansonsten so gefassten, kalkulierenden Light sieht man hier nur noch jemanden, der sich in seinen eigenen Wahnvorstellungen verloren hat. Bei einem letzten Versuch, alle Anwesenden mit dem Death Note umzubringen, wird Light erschossen. Hier befindet sich eine der wenigen Stellen des Anime, die vom Manga abweicht. Die letzten Panels des Manga zeigen dass sich scheinbar eine Art Kult um Kira entwickelt hat. Irgendwie ist Light am Ende also tatsächlich Gott geworden.

Auch darüber hinaus bietet Death Note weitere interessante Ansätze, wie zum Beispiel das intensive Spiel zwischen Schwarz und Weiß im Manga, warum Light ausgerechnet Light heißt oder das Schicksal der jungen Detektive L sowie seine Nachfolger Mello und Near – die allesamt in ihrem Kinderheim für diese Arbeit herangezogen wurden.

Death Note umfasst inzwischen einen riesigen Medienmix, neben Manga und Anime gibt es auch Novels, Spiele sowie mehrere Realverfilmungen. In Deutschland sind sowohl Manga als auch Anime erhältlich. Zwischen den beiden Formen gibt es nur sehr geringfügig Unterschiede, aufgrund der narrativen Komplexität bleibt der Anime eng an der Vorlage und erreicht damit ein eher ungewöhnliches Format von 37 Folgen. Der Death Note-Manga erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit und ist in 12 regulären Bänden zusammen mit einem informativen 13. Zusatzband erschienen, aber auch in einer großformatigeren Black Edition-Spezialausgabe in 6 Bänden sowie als Komplettset im Schuber. Auf der Homepage von Tokyopop steht auch eine Leseprobe zur Verfügung.
Der Anime  ist sowohl als DVD/Blu-ray erhältlich, kann aber auch auf Anime on Demand gestreamt werden. AoD bietet für jede der Folgen auch einen kostenlosen Teaser an.

In Deutschland gibt es auch zwei der Realverfilmungen mit den Titeln Death Note sowie Death Note – The Last Name. Darüber hinaus gibt es noch mehrere weitere Realverfilmungen – sowohl im Film als auch im Serienformat -, ein weiterer soll 2017 erscheinen.

Death Note ist ohne Frage einer der jungen Klassiker, auch Jahre nach seinem Ende immer noch erfolgreich und aufgrund seiner komplexen Thematik eine der Serien, die noch lange im Gedächtnis bleiben.

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