Die Legende der Prinzessin Kaguya

Die Prinzessin aus dem Bambus

Anime und Manga sind japanische Produkte. Das kann man an allerlei Dingen bemerken: An der „umgedrehten“ Leserichtung, an der Verwendung von Namen, am Schulsystem – oder auch in den Sagen, Mythen und Märchen, die angesprochen werden.

Prinzessin Kaguya ist eine der bekanntesten japanischen Märchengestalten, die auch regelmäßig in verschiedenen Manga und Anime aufgegriffen wird, sei es nun als Referenz oder als zentrales Thema des Titels. Die zugrunde liegende Geschichte ist das Märchen Taketori Monogatari, die Geschichte vom Bambussammler.

Die Legende von Prinzessin Kaguya ist also wahrlich keine neue Geschichte – erst recht nicht für die japanische Zuschauerschaft – aber trotzdem ist es Isao Takahata gelungen mit dem altbekannten Material einen beeindruckenden Film zu erzählen. Takahata arbeitet zusammen mit Hayao Miyazaki im Studio Ghibli, konnte aber im Westen trotz eindrucksvoller Filme wie unter anderem Die letzen Glühwürmchen nie dieselbe Popularität wie dieser gewinnen. Dabei muss Takahata sich wahrlich nicht hinter Miyazaki verstecken: Die Legende von Prinzessin Kaguya war für den Academy Award for Best Animated Picture der 87. Academy Awards nominiert.

Ein einfacher Bambussammler findet eines Tages einen merkwürdig leuchtenden Bambus. In dessen Stamm findet er einen Däumling von außergewöhnlicher Schönheit. Voller Glück über dieses Geschenk des Himmels bringt er diesen Schatz zu seiner Frau. Kaum ist das kleine Wesen, nicht größer als eine Puppe, in ihrem Armen, verwandelt es sich in ein schreiendes Baby. Wie durch ein Wunder hat die Frau des Bambusfällers auf einmal Muttermilch zur Verfügung und die beiden beschließen es aufzuziehen. Doch das Baby ist kein normales Mädchen – es wächst ungewöhnlich schnell und ist bald älter als die Nachbarskinder. Aufgrund ihres schnellen Wachstums nennen die Kinder sie Takenoko, Bambussprössling, finden ihr rasches Aufwachsen aber sonst nicht ungewöhnlich und akzeptieren sie als eine von ihnen. Gemeinsam mit ihren Adoptiveltern und den Nachbarskindern verbringt Takenoko eine einfache, aber glückliche Zeit auf dem Land. Der Bambussammler findet aber zunehmend weitere Schätze im Bambus verborgen – erst ein Berg ein Gold, dann ein ganzer Stapel voller wertvoller Kimonos. Er deutet dies als Wunsch des Himmels, dass Takenoko eine Prinzessin werden soll. Die kleine Familie zieht entgegen der eigentlichen Wünsche von Takenoko in die Hauptstadt in ein prächtiges Anwesen. Dort wird die wilde, verspielte Takenoko in allen feinen Künsten einer Prinzessin unterrichtet – schreiben, richtig sitzen, Koto spielen… Obwohl Takenoko wenig Freude an den Lehrstunden hat und ihrer Lehrerin immer wieder ausbüchst, beherrscht sie dennoch alle diese Künste perfekt. Dies und ihre außergewöhnliche Schönheit sorgen dafür, dass man ihr den Namen Kaguya verleiht – ein Wort, in dem „scheinen“ enthalten ist. Bald schon ringen sich die edelsten Männer darum, die geheimnisvolle Kaguya zu heiraten, während diese zunehmend vom Leben als Prinzessin angewidert ist und sich nichts sehnlicher wünscht als zurück in ihr Dorfleben zu können. Als die wichtigsten Edelmänner ihr Anträge machen und sie mit Schätzen vergleichen, bittet sie jeden von ihnen, er möge ihr erst diesen Schatz bringen bevor sie selbst zum Schatz dieser Männer wird. Tatsächlich versuchen die Männer es auch – mehr schlecht als recht – bis einer von ihnen stirbt. Erschrocken über ihre eigene Selbstsüchtigkeit verzweifelt Kaguya immer mehr. Schließlich wird sogar der Kaiser auf sie aufmerksam, den sie aber ebenfalls zurückweist – dabei aber versehentlich einen Hilferuf an den Mond schickt. Dadurch kommen auch ihre Erinnerungen an das Leben auf dem Mond wieder. Kaguya möchte trotz allem aber nicht zum Mond zurück und so versuchen sie und ihre Eltern die Lebewesen vom Mond zu bekämpfen – mit wenig Erfolg. Letzten Endes legt Kaguya ihr Mondgewand an, verliert die Erinnerungen an die Erde und kehrt zum Mond zurück.

Wenn es eines gibt, dass aus Takahatas Die Legende von Prinzessin Kaguya hervorsticht, dann ist es der ungewöhnliche Stil des Films. Statt des üblichen bekannten und berühmten Ghibli-Looks (den man allerdings ohnehin mehr Miyazaki zuschreibt) erinnert der Film an alte japanische Tuschezeichnungen. Die Farben sind blass, die Konturen unscharf, man sieht jeden einzelnen Pinselstrich. Es ist ohne Frage ein gewöhnungsbedürftiger Stil, der sich aber wunderbar mit der Geschichte verbindet und den Charakter des Märchens aufrecht erhält. Die ansonsten so Anime-typischen Elemente sucht man vergebens – tatsächlich haben nur wenige Figuren ein klassisches Anime-Aussehen mit einem schönen Gesicht und vergleichsweise großen Augen, darunter Kaguya, ihr Freund und Kindheitsschwarm Sutemaru oder der Kaiser höchstpersönlich. Die anderen Figuren sind deutlich deformierter, teils sogar schon karikiert. Diese Figuren liefern dem Film eine Dosis Humor. Dabei sind es vor allem die Männer, die für Unterhaltung sorgen: Kaguyas Adoptivvater versucht sich ans Leben als Adeliger zu gewöhnen, will aber trotzdem nicht so recht dort hineinpassen; die streitenden Heiratsbewerber vergessen jede gute Manier um dem besten Platz vor Kaguya zu erhaschen. Dieses Verhalten verschärft die Abgrenzung zwischen den Welten, die in Die Legende von Prinzessin Kaguya vorkommen: auf der einen Seite ist dort die Welt des Adels, der Stadt, der Männer und dann ist dort das Leben des Lands, der Einfachheit, der Frauen. Der Unterschied wird umso deutlicher wenn man bedenkt dass Kaguyas Adoptivmutter die meiste Zeit in einer extra angebauten, einfachen Hütte verbringt und dort ihren üblichen Tätigkeiten nachgeht – obwohl sie eigentlich auch Luxus genießt.

Trotz dieser Portion Humor ist der Film aber von Takahatas bekannten Melancholie dominiert, die man auch in Die letzten Glühwürmchen sehen konnte. Dabei ist insbesondere seine Kaguya sehr zwiespältig. Auf der einen Seite präsentiert er Kaguya als ein Mädchen, das die Natur und das einfache Leben liebt. Ihr freier Charakter passt nicht zu dem Leben als Prinzessin, das ihre Eltern – und vielleicht auch der Himmel – sich für sie gewünscht haben. So betrachtet ähnelt diese Kaguya der hier bekannten Geschichte von Heidi, die eigentlich mit ihrem Leben auf den Bergen zufrieden war und das Stadtleben, in das sie zwischendurch geschickt wird, verabscheut. Auf der anderen Seite erkennt sie aber auch ihre eigene Selbstsüchtigkeit. Anstatt dem Wunsch ihrer Eltern zu folgen und zu heiraten, wie das für alle Prinzessinnen dieser Zeit üblich war, verjagt sie ganz bewusst alle ihre potentiellen Ehemänner, ist indirekt für sogar für den Tod eines Bewerbers mitverantwortlich und muss schließlich früh und ohne die Chance auf Liebe und Familie genutzt zu haben wieder zum Mond zurück. Für uns sieht Kaguya mehr wie eine bemitleidenswerte Figur aus, zumal ihre Argumente aus unserer Sicht nachvollziehbarer sind: Sie will lieber frei sein, sie will den Mann kennenlernen den sie heiratet anstatt ihn erst danach kennenzulernen, sie will nicht der „Besitz“ ihres Ehemannes sein. Auf der anderen Seite – und hier kommt eine traditionellere, japanische Betrachtung zum Zuge – lehnt sie sich gegen die Wünsche der Eltern auf, stellt ihr Individuum über die Gruppe, etwas, was nach wie vor eher ungewöhnlich in Japan ist – und erst recht zu der Zeit, in der Die Legende von Prinzessin Kaguya spielt. Dass Takahatas Kaguya selbst erkennt, dass ihre Selbstsüchtigkeit sie so weit getrieben hat, enthebt sie aus der Rolle der tragischen Heldin, die, gefangen in ihrer Rolle als Frau, bloßer Spielball der Männerwelt ist.
Auch das Ende hat es in sich. Bis an die Zähne bewaffnet erwartet sämtliches Personal des Anwesens die Gesellschaft vom Mond, die auf einer Wolke und fröhlicher Musik, angeführt von Buddha, direkt hineingeflogen kommt. Kaguya und ihre Eltern flehen und betteln, aber es ist vergebens – kaum berührt das Mondgewand Kaguyas Körper wird sie starr und geht willenlos mit. Schon halb beim Mond angekommen scheint sie sich aber doch wieder zu erinnern und blickt sehnsüchtig zurück zur schwindenden Erde. Wie viele japanische Märchen und Sagen endet auch Kaguya mit einem Abschied.

Diese Melancholie und sein fesselnd einfacher, aber detaillierter Stil machen Die Legende von Prinzessin Kaguya zu einer Filmperle wie man sie aus dem Studio Ghibli kennt. Obwohl Miyazaki weitaus populärer ist, steht Isao Takahata seinem Kollegen in nichts nach.

In Deutschland ist der Film bei Universum erschienen, die auch einen Trailer anbieten:

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