Die letzten Glühwürmchen

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Die letzten Kriegstage – aus Sicht zweier Kinder

Die letzten Glühwürmchen ist einer der wenigen im Westen bekannten Filme von Isao Takahata – denn obwohl sowohl Takahata als auch Miyazaki das extrem erfolgreiche Studio Ghibli leiten, sind Hayao Miyazakis Filme in Übersee erheblich bekannter als die seines langjährigen Weggefährten. Dabei ist die vergleichsweise hohe Popularität dieses Films wohl zunächst nicht nur Takahatas Künsten als Regisseur oder stilistischen Besonderheiten anzurechnen, sondern vielmehr der speziellen Thematik: dem Zweiten Weltkrieg.

Die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg ist ein beliebtes Thema innerhalb der Anime- und Mangaforschung – weniger, weil es so viele passende Titel gibt, sondern vielmehr weil aus westlicher Sicht so verklärt damit umgegangen wird. So positioniert Japan sich selbst und seine entsprechenden Ebenbilder in Anime und Manga stets als Opfer in Folge der Atombomben und blendet dabei seine eigentliche Rolle als  Aggressor vollkommen aus (eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema Zweiter Weltkrieg in Anime und Manga gibt es in Anne Frank im Land der Mangas).

Die letzten Glühwürmchen basiert auf dem teils autobiografischen Roman von Akiyuki Nosaka, welcher hier unter dem Titel Das Grab der Leuchtkäfer erschienen ist.
Der Film beginnt unerwartet: An einem Bahnhof stirbt Protagonist Seita komplett abgemagert und unbeachtet. Anschließend taucht Seitas Geist auf und erzählt rückblickend die Ereignisse, die zu seinem Tod führten.
Die eigentliche Handlung beginnt mit den Luftangriffen auf die japanische Stadt Kōbe, die 1945 mehrmals von amerikanischen Bombereinheiten angegriffen wurde. Die Angriffe töteten nicht nur tausende von Menschen, sondern machte auch nahezu die Hälfte der damaligen Einwohner Kōbes obdachlos. Auch die Mutter von Seita und seiner vierjährigen Schwester Setsuko wird bei einem dieser Angriffe zunächst  verletzt und erliegt kurz darauf ihren schweren Verbrennungen. Da der Vater als Soldat eingezogen ist, kommen Seita und Setsuko bei ihrer Tante unter. Ab dieser Stelle werden viele Zusammenfassungen etwas ungenau, oft liest man, dass die Geschwister von ihrer Tante ungerecht behandelt werden und deswegen letzten Endes Reißaus nehmen. Ohne Frage ist die Tante eine strenge Frau und wird durch und durch unsympathisch dargestellt. Sie zwingt Seita, die Kimonos der Mutter gegen Reis einzutauschen und nach und nach gibt Seita ihr sämtliche Besitztümer, die er vor dem Angriff zum Schutz vergraben hatte. Als aufgrund der einsetzenden Hungernot Nahrungsmittel immer knapper werden, wird die Tante zunehmend ungehaltener, weil die Geschwister nichts tun um sich das Essen zu verdienen. Es gibt aber auch eine ganz andere Seite: Die Tante verlangt von Seita zu arbeiten – für einen Jungen seines Alters und in dieser Zeit nichts ungewöhnliches. Da Seita aber viel lieber faulenzt oder mit seiner Schwester spielt, verweigert ihnen die Tante aufgrund der herrschenden Hungersnot nach und nach das Essen, das sie sich nicht erarbeitet haben.

Schließlich reißen die beiden Geschwister aus und errichten sich ein neues Zuhause – ganz ohne Erwachsene – in einem alten, verlassenen Bunker und verbringen dort einige glückliche Tage. Um abends ein bisschen Licht in dem dunklen Bunker zu haben, sammeln die Geschwister einige Glühwürmchen. Als diese am nächsten Morgen alle tot sind, baut Setsuko für die Glühwürmchen ein Grab und fragt sich, warum die Glühwürmchen und die Mutter sterben mussten.
Ab dieser Stelle nimmt die Geschichte eine düstere Wendung. Als der Reis knapp wird, sieht Seita sich gezwungen zu stehlen. Nachdem er geschnappt wird sieht er seine missliche Lage ein und bringt die schwächelnde Setsuko zu einem Arzt, der aber nur Unterernährung feststellen kann. Seita hebt schließlich das gesamte verbliebene Geld des Bankkontos seiner Mutter ab um Essen zu kaufen. Dabei überhört er ein Gespräch, dass Japan kapituliert hat und dass die Marine, der auch sein Vater angehört hat, vollständig zerstört ist. Schließlich kehrt er mit einem Berg an Essen zu der sterbenden Setsuko zurück, für die jede Hilfe zu spät kommt. In einer bewegenden Szene bereitet Seita seiner Schwester die damals übliche Feuerbestattung zu. Er füllt die Asche seiner Schwester in die von ihr so geliebte Bonbon-Blechdose – eben jene Dose, die der Hausmeister, der Seitas Leiche am Bahnhof findet, zu Beginn des Films achtlos wegwirft.

Man ist sich ohne Frage darin einig, dass Die letzten Glühwürmchen ein sehr trauriger und bewegender Film ist. Es gibt aber auch verschiedene Interpretationen: So schreibt die Zusammenfassung auf kinderwelt.de, dass Seita versucht ein gutes Vorbild für seine Schwester zu sein, obwohl er selbst als Kind noch eine Bezugsperson bräuchte. Dieses Verständnis ignoriert allerdings, dass es überhaupt erst Seitas Unwille zur Arbeit und sein jugendlicher Trotz waren, die ihn und damit auch seine Schwester in ihre missliche Lage gebracht haben. Sie hätten vielleicht nicht gerne bei der Tante gelebt, aber im Gegenzug für ihre Arbeit hätten sie dort zumindest Essen und ein warmes Dach über dem Kopf gehabt. Auch der Titel selbst eröffnet verschiedene Interpretationsmöglichkeiten: Im Nachwort der deutschen Ausgabe von Nosakas Roman wird erläutert, dass anstelle des üblichen Kanji für „Glühwürmchen“ eine alternative Schreibweise gewählt wurde, die man auch mit „vom Himmel fallendes Feuer übersetzen“ kann – ohne Zweifel eine Anspielung auf die Bombenabwürfe auf Kōbe [1].

Trotz seines Kriegssettings sticht Die letzten Glühwürmchen aber durch eine Besonderheit heraus – durch seine Verbindung von „Alltag“ und „Krieg“. Da sind die lichten Momente: Setstuko, die sich über ihre Lieblingsbonbons freut, gemeinsames Spielen am Strand, die fröhlichen Tage in der eigenen Bunkerwelt. Und dann sind da die grausamen Momente: die Leichen am Strand, von denen Seita Setsuko nur entschlossen wegzieht, die Maden auf dem Körper der Mutter. Es ist diese komplexe Mischung, die Die letzten Glühwürmchen kennzeichnet.

Die letzten Glühwürmchen wird oft auch in einem Atemzug mit Barfuß durch Hiroshima genannt. Tatsächlich teilen sich die beiden Filme einige Gemeinsamkeiten. Zunächst einmal behandeln sie beide den Zweiten Weltkrieg. Beide wählen zusätzlich als Protagonisten Jungen, die sich nun gezwungen sehen für ihre Familien zu sorgen. Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Filme damit sehr ähnlich – aber es gibt auch eklatante Unterschiede. Die letzten Glühwürmchen ist ein tragischer Film: Seita ist unfähig sich seinen neuen Lebensverhältnissen anzupassen, läuft weg, reißt seine Schwester mit ins Unglück, was mit dem Tod der Geschwister endet. Der Protagonist aus Barfuß in Horoshima, Gen, funktioniert ganz anders. Vater und Bruder sterben beim Angriff, seine hochschwangere Mutter mehr hysterisch als hilfreich, wird er das neue Oberhaupt der Familie – und meistert diese Herausforderung. Er kümmert sich um Essen, nimmt Jobs an, findet später einen verwaisten kleinen Jungen, der kurzum sein neuer kleiner Bruder wird und schafft es trotz des Angriffs seine positive Einstellung und seine jugendliche Energie zu behalten.

Barfuß durch Hiroshima enthält damit die übliche Aufbruchsstimmung, dieses „alles-wird-gut“-Gefühl. Die letzten Glühwürmchen hat das nicht – und genau deswegen ist der Film so stark. Seitas Tod zu Beginn das Films macht von vorneherein klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nimmt. Nichtsdestotrotz stellt der Film das Leben der beiden Geschwister nach dem Angriff aber auch nicht als eine einzige große Tragödie dar. Selbst inmitten der Zerstörung und all dem Leid, das der Krieg mit sich bringt, haben Seita und Setsuko trotzdem schöne Momente miteinander, können trotzdem spielen und lachen. Trotz seines für einen Anime stolzen Alters – der Film erschien 1988 – ist Die letzten Glühwürmchen ein absoluter Klassiker und begeistert regelmäßig auch Leute, die Anime sonst meiden. Man sollte sich dabei trotzdem vor Augen halten, dass Die letzten Glüwürmchen – auch wegen seiner etwas merkwürdigen FSK-Freigabe ab 6 Jahren und den Kinder-Protagonisten – teils als Kinderfilm gehandhabt wird. Tatsächlich ist der Film aber besser für eine ältere Zielgruppe zu empfehlen.

Die letzten Glühwürmchen erscheint bei Kazé, die auch einen entsprechenden Trailer auf ihren Seiten anbieten:

[1] Quelle: Japanische Literatur Blogspot

 

 

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