Die Melancholie der Haruhi Suzumiya

SuzumiyaGlaubst du an Gott?

Unsere Kindheit versorgt uns mit interessanten Geschichten – an den Weihnachtsmann, an Elfen und Feen und allerlei andere geheimnisvolle Gestalten. Irgendwann trifft einen die traurige Erkenntnis, dass nichts von alledem wahr ist. So ergeht es auch Kyon, der als durchschnittlicher Normalo sein ebenso normales Oberschulleben genießen will. Ganz anders ist aber seine neue Klassenkameradin Haruhi. Exzentrisch und ohne jede Scham lehnt diese alle Menschen – Normalos – ab und möchte stattdessen dringend die Bekanntschaft von Aliens, Zeitreisenden und Espern, d.h. Menschen mit paranormalen Fähigkeiten, machen. Dabei ist Haruhi selber auch kein normales Mädchen…

Was genau Haruhi ist, bleibt bis zum Ende der Serie offen – weil es ganz davon abhängt, wen man eigentlich fragt. Die Außerirdische, die Zeitreisende und der Esper, die urplötzlich an Kyons Schule auftauchen, haben jeweils unterschiedliche Theorien darüber, wer oder was Haruhi ist. Um es mit Kyons Normalo-Worten auszudrücken: Haruhi ist Gott – und hat keine Ahnung davon, dass sie es ist. Sie ist eine höhere Existenz, die diese Welt geschaffen hat und in ihr selber als Mädchen Haruhi auftaucht. Und weil die Welt so ist, wie Haruhi sie sich wünscht, gibt es eben sehr wohl allerlei geheimnisvolle Gestalten. Da sie selber aber nichts von ihrer Allmächtigkeit weiß, weiß sie auch gar nicht, dass ihr Herzenswunsch nach paranormalen Geschehnissen von ihr selbst längst erfüllt wurde. Gleichzeitig kann Haruhi die Welt aber unbewusst verändern – sehr zum Leidwesen verschiedener paranormaler Institutionen, die Haruhi deswegen von verschiedenen Agenten, als Schüler getarnt, bewachen lassen.

Was dann beginnt stellt Kyons alltägliches Leben auf den Kopf: Er wird von Aliens angegriffen, muss selber in der Zeit zurückreisen um die Weichen für das zu stellen, was später dafür sorgen wird, dass er Haruhi überhaupt begegnet und sich immer wieder mit geschlossenen Räumen auseinandersetzen – besondere, von der Wirklichkeit abgekapselte Räume, die entstehen, wenn Haruhi schlecht gelaunt ist und deswegen versehentlich beginnt, die Welt zu zerstören. Denn, da sind sich alle drei paranormalen Freunde einig: Sollte Haruhi aus irgendwelchen Gründen mit der jetzigen Welt nicht mehr zufrieden sein, dann wird sie sie ändern. Da aber keiner weiß, wie diese Welt dann aussehen würde oder ob Menschen überhaupt noch darin vorkommen, gilt es, Haruhi möglichst zufriedenzustellen. Eigentlich hätte das alles nichts mit Kyon zu tun – als einziger tatsächlich Normale der ganzen Gruppe – aber Haruhis Laune ist merkwürdig an Kyons gekuppelt…

Die Melancholie der Haruhi Suzumiya war ursprünglich eine Light Novel-Reihe, die dann den Sprung in diverse andere Medienformate geschafft hat, darunter zum Beispiel auch als Manga und in verschiedenen Games umgesetzt wurde, aber im Westen erlangte die Serie vor allem durch den Anime seine Popularität. Die erste und zweite Staffel des Anime greifen verschiedene Stellen aus dem Original der Light Novel auf – so muss die Gruppe einen Mordfall lösen, ein Baseballturnier gewinnen, aus der endlosen Wiederholung der Sommerferien ausbrechen, als Haruhi gar nicht genug von den Ferien bekommen kann oder einen Film fürs Schulfestival drehen. Weil Haruhi aufgrund ihrer Fähigkeiten ihr Wunschdenken immer wieder Wirklichkeit werden lässt, sorgt das für allerlei Probleme: Haruhi möchte zum Beispiel, dass die Heldin des gemeinsamen Films einen Laser aus ihrem Auge schießen kann – Haruhi will das zwar eigentlich als Spezialeffekt in den Film montieren, als ihr das Ergebnis aber zu lausig ist, kann die Heldin auf einmal wirklich mit jedem Augenzwinkern Laser aus dem Auge verschießen.  Die paranormale Gruppe (+ Kyon) um Haruhi hat permanent alle Hände damit zu tun, Haruhis Veränderungen an der Wirklichkeit wieder einzudämmen.

Die Melancholie der Haruhi Suzumiya hebt sich stilistisch vor allem durch eine Besonderheit hervor. Die Figur Kyon – übrigens ein Spitzname, der tatsächliche Name der Figur wird niemals genannt – tritt permanent als Erzähler auf. Als einziger Normalo der Gruppe kommentiert er durchweg äußerst sarkastisch und für den Zuschauer damit ausgesprochen humorvoll die Absurdität des ganzen Geschehens. An sich sind Passagen mit Erzählertext oder mit innerem Monolog keine Seltenheit im Anime, in aller Regel sind sie aber erheblich punktueller. Kyons Kommentar dagegen ist allgegenwärtig. Diese Serie zieht einen Großteil ihres Charmes aus eben diesem ständigen Kommentar, denn Kyon tritt all den plötzlich auftretenden verrückten Geschehnissen in seinem Leben mit gnadenloser Trockenheit gegenüber und ist weniger schockiert als vielmehr genervt. Darüber hinaus sorgt seine permanente Erzählung auch dafür, dass der Zuschauer tatsächlich nur über Kyons Ansichten informiert wird – durchaus eine zweite Besonderheit, denn die meisten Anime und Manga legen viel Wert darauf, dass Gedanken- und Gefühlsspektrum aller Figuren darzustellen. Dass dem Zuschauer aber nur Kyons Perspektive – und eben nicht die der paranormalen Freunde – geboten wird, hebt ihre Andersartigkeit hervor, ebenso wie der Kyon muss auch der Zuschauer in seiner Normalo-Perspektive bleiben.

Eine weitere Besonderheit von Die Melancholie der Haruhi Suzumiya ist die tatsächliche Anordnung der Folgen. In Japan wurde die Serie in zwei verschiedenen Sortierungen ausgestrahlt – das erste Mal 2006 mit Staffel 1, wobei die Folgen bereits hier nicht chronologisch geordnet waren. Die Serie zeigt als Folge 1 den fertiggestellten Film der Gruppe – ein recht schockierender Auftakt, denn der Film ist grottenschlecht, worauf Kyon die gesamte Folge über immer hinweist – und beginnt in Folge 2 mit dem ersten Treffen zwischen Kyon und Haruhi. Es gab eine weitere Ausstrahlung 2009, wobei die neuen Folgen der zweiten Staffel mit unter die alten Folgen der ersten gemischt wurden. Bei dieser 2009-Ausstrahlung handelt es sich um den tatsächlichen chronologischen Ablauf. Sieht man die – auch hierzulande erhältlichen – DVDs in der vorgegebenen Reihenfolge, ergibt sich noch einmal eine leicht abweichende Sortierung, die in Staffel 1 größtenteils chronologisch bleibt. Rein chronologisch werden die Geschehnisse in Staffel 2 von denen aus Staffel 1 gerahmt. Innerhalb der Serie gibt es aber verschiedene Merkmale, die einem das zeitliche Zuordnen der Folgen erleichtern und teilweise sind die Folgen in sich geschlossen, sodass eine genaue zeitliche Chronologie nicht unbedingt notwendig ist.

Die Serie ist aber nicht allein wegen seines Settings spannend, sondern eher wegen des Medienphänomens, welches daraus resultierte. Mit Beginn des Anime wurde die Serie über Nacht zum Megastar, was zur Entstehung des sogenannten Haruhiismus führte (bzw. im englischsprachigen Raum Haruhiism), die Fans nennen sich Haruhiisten. Weshalb genau die Serie so populär wurde bleibt spekulativ. Es gibt allerdings verschiedene Ansätze: So hat der Anime eine ausgesprochen hochwertige Animation durch Kyoto Animation genossen, Haruhi selbst stellte als Göttin einen passenden Charakter zum „Verehren“ dar und die Serie bot darüber hinaus leicht Möglichkeiten zur Fanproduktion. Einen entscheidenden Teil dürfte dabei das Ending des Anime gespielt haben, in welchem die Figuren tanzen – beliebtes Material für Fanvideos.
Inzwischen ist Die Melancholie der Haruhi Suzumiya so bekannt, dass es nicht nur einen Film, sondern auch (allesamt hier nicht erschienene) Spinoffs gab, wie z.B. die Anime-Serie Nagato Yuki-chan no Shōshitsu (dt.: das Verschwinden der Yuki Nagato). Die Serie schließt an den Film Das Verschwinden der Haruhi Suzumiya an und spielt in einer Art Parallelwelt, in der die normalerweise paranormalen Menschen um Haruhi allesamt ein normales Leben führen, frei von jeglichen besonderen Fähigkeiten.

Die Melancholie der Haruhi Suzumiya baut zwar auf einer grundsätzlich interessanten Setting-Idee auf – was, wenn Gott ein Mädchen ist und was wenn sie nicht einmal weiß, dass sie Gott ist – bleibt darüber hinaus aber eher im Comedy-Bereich angesiedelt und konzentriert sich mehr auf humorvolle alltägliche Pannen als auf inhaltlich tiefer greifende Probleme. Manche sehen in Haruhi auch mehr die Figur des Otaku, das heißt des (exzessiven) Anime-Fans, der permanent unterhalten werden muss (damit er die Welt nicht zerstört). Ungeachtet dessen, wie man die Serie interpretieren mag, bleibt dennoch ihr immenser Erfolg und ihr Haruhiismus als wunderbares Beispiel, wie sich eine Fankultur um eine einzige Serie über Nacht entwickelt und bis heute erfolgreich bleibt.
In Deutschland gibt es sowohl die beiden Anime-Staffeln als auch den Film Das Verschwinden der Haruhi Suzumiya. Beide sind bei Kazé erschienen, die auf ihrer Website auch entsprechende Trailer zu der Serie anbieten.

 

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