Die Stadt, in der es mich nicht gibt

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Diesen Monat ist der achte und letzte Band von Kei Sanbes Die Stadt, in der es mich nicht gibt erschienen. Der Titel gehört zu den wenigen, aber deutlich zunehmenden Manga-Reihen, die sich an ein erwachseneres Zielpublikum richten. Kombiniert mit einem Kriminalfall geht es dabei darum, der eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

Satoru ist vom Leben genervt. Mit beinahe 30 versucht er sich nach wie vor am großen Durchbruch als Mangaka, wird aber immer wieder abgelehnt, weil seine Geschichten angeblich nicht genug über ihn preisgeben. So muss sich als Pizzalieferant durchschlagen. Dabei ist Satoru alles andere als gewöhnlich: In gefährlichen Situationen erlebt er sogenannte Reruns, die ihn die letzten Momente noch einmal durchleben lassen – und zwar so lange, bis er ein entscheidendes Detail verändert. Nachdem sein jüngster Rerun Satoru ins Krankenhaus befördert hat, beschließt seine Mutter eine Weile bei ihm zu wohnen. Sie ist es, die während  Satorus nächstem Rerun eine Kindesentführung verhindern kann. Der Fall erinnert sie an ein Ereignis in der Kindheit ihres Sohnes, sie beginnt zu recherchieren – und wird umgebracht. Satoru, der als erster die Leiche seiner Mutter entdeckt, gilt als Hauptverdächtiger und wird fortan von der Polizei gesucht. Auf seiner Flucht stolpert er direkt in den nächsten Rerun, der ihn dieses Mal ganz bis in seine Grundschulzeit zurückschickt.
Für Satoru steht fest: Er muss den Tod seiner Mutter verhindern. Gleichzeitig entdeckt er auch seine eigene Vergangenheit wieder, die ihn seine Mutter unbedingt vergessen lassen wollte. Eine seiner Mitschülerinnen wurde damals entführt und dann ermordet aufgefunden. Er gelangt zu dem Schluss, dass der Mörder seiner Mutter auch der Entführer ist und will nun nicht nur seine Taten verhindern, sondern ihn auch stellen – und alles im Körper eines Kindes. Zusätzlich wird er auch immer wieder in eigene eigentliche Zeit zurückgeworfen, in der er weiterhin auf der Flucht vor der Polizei ist.
Satoru gelingt es in seiner Vergangenheit am Ende zwar den wahren Täter zu entlarven, tappt aber gleichzeitig in eine seiner Fallen und fällt daraufhin in ein Koma, das ihn nahezu so alt werden lässt wie er ursprünglich war. Der Vorfall hat sein Gedächtnis gehörig durcheinander gebracht – er kann sich nicht an die Identität des Täters erinnern. Noch während er sich von seinem Koma erholen muss, beginnt dieser schon seine nächsten Pläne…

Die Stadt, in der es mich nicht gibt spricht viele komplexe Themen an. Obwohl eine Gruppe Grundschulkinder über weite Strecken des Manga die Protagonisten stellen, handelt es sich trotzdem eindeutig um eine Geschichte, die sich an Ältere richtet. Dabei sind es nicht nur die springenden Zeitebenen, die den Manga komplex machen. Es sind vor allem die Themen, die hier entscheidend sind: Neben der Kindesentführung spielt auch Kindesmisshandlung eine wichtige Rolle.

Wenn man Die Stadt, in der es mich nicht gibt auf ein zentrales Thema reduzieren müsste, dann gelangt man unweigerlich zu der Familie. Die Narration ist voll von zerrütteten Familienverhältnissen. Satorus Vater hat seine Familie schon früh verlassen, das einzige was bleibt ist eine Erinnerung, wie ein kleiner Satoru einem wegfahrenden Auto hinterher läuft. Die entführte Mitschülerin wird von ihrer Mutter und deren Freund regelmäßig misshandelt. Diese Mutter hatte als Alleinerziehende zu kämpfen. Der Täter stammt aus einer Familie, in der sein Bruder bereits kleine Kinder misshandelte. Satorus Arbeitskollegin und potentielle Freundin Airi lebt bei ihren Verwandten. Airis Mutter hat sich von ihrem Vater getrennt. Die wichtigste Beziehung des Manga ist aber nicht wie man zunächst erwarten könnte die langsam knospende Liebe zwischen Satoru und Airi, noch die zwischen dem jungen Satoru und der erst entführten, dann geretteten Kayo. Stattdessen steht die Beziehung von Satoru und seine Mutter Sachiko im Vordergrund.

Ihr Verhältnis ist am Anfang deutlich angespannt – sie können miteinander reden, leben aber mehr aneinander vorbei. Häufig beschreibt Satoru sie als eine Art von Hexe, weil sie immer ganz genau weiß, was er eigentlich denkt. Der Tod der Mutter ändert alles. Der junge Satoru weiß seine alleinerziehende Mutter, die ihn trotz seiner merkwürdigen Aktionen und fadenscheinigen Ausreden stets unterstützt, deutlich mehr zu schätzen. Sie greift ein wenn Gefahr droht und trägt letzten Endes auch dazu bei Kayo zu retten. Nachdem Satoru viele Jahre später aus seinem Koma erwacht, muss er feststellen, dass seine Mutter ihn permanent gepflegt hat – sie hat gejobbt um die notwendige medizinische Versorgung zu sichern, sie hat seine Muskeln jeden Tag mehrere Stunden bewegt damit diese nicht vollkommen verkommen…Die Mutter, die man anfangs schnell als eine Nebenfigur abtut – bedingt durch ihren frühen Tod und der simplen Tatsache, dass Eltern in den wenigsten Manga / Anime eine Rolle spielen – entpuppt sich als eine unauffällige, aber nichtsdestotrotz zentrale Figur des Geschehens. Da muss man fast nicht mehr erwähnen, dass die Beziehung zwischen Satoru und Sachiko am Ende nach den Ereignissen eine ganz gesunde, harmonische ist.

Inzwischen gibt es von Die Stadt, in der es mich nicht gibt auch einen wunderschön animierten Anime mit dem Namen Erased – Die Stadt, in der es mich nicht gibt. Der Anime bleibt über weite Strecken dem Original treu, aber am Ende gibt es dann doch einen Unterschied. Der Anime endet damit, dass Satoru aus seinem Koma aufwacht und relativ zeitnah auch den Täter stellen kann. Der Manga dagegen präsentiert einen weiteren Entführungsversuch, bevor Satoru den Verbrecher endlich überlisten kann. Die kürzere Anime-Version belässt dadurch mehr Fokus auf den jungen Satoru, während der Manga auch der erwachsenen Version noch Handlungsspielraum gibt. Die wesentliche Hauptgeschichte wird dadurch allerdings nicht entscheidend beeinflusst. Allerdings wird durch das Ende des Manga deutlicher, dass die Geschehnisse Satoru nicht unberührt gelassen haben: So ist er nun nicht nur mit seiner Vergangenheit und mit seiner Mutter im reinen, sondern ist letzten Endes auch erfolgreicher Mangaka.

Die Mischung aus Krimi und Introspektive, aus Vergangenheit und Zukunft macht Die Stadt, in der es mich nicht gibt zu einem ungewöhnlichen aber beeindruckendem Manga-Erlebnis, das weitestgehend auf typische Klischees verzichtet. Aufgrund dieser Besonderheiten gilt der Manga allgemein als Seinen-Manga (also als Manga für junge Erwachsene, vorwiegend Männer). Tokyopop, der deutsche Publisher, listet den Manga als Special und damit außerhalb seiner üblichen Shonen– und Shojo-Sortierung. Der im Design dezente Anime passt sich perfekt der Stimmung der Story an und bietet damit auch für Ältere ein spannendes Erlebnis.

Die Stadt, in der es mich nicht gibt ist in einer hochwertigen und großformatigen Ausgabe bei Tokyopop erschienen, die auf ihren Seiten auch eine Leseprobe anbieten. Neben den regulären 8 Bänden gibt es auch einen etwas abseits stehenden 9. Band, der sich mehr auf die Menschen in Satorus Umfeld konzentriert. Der Anime wurde von peppermint lizensiert und wird im Laufe des Jahres hier auf DVD und Blu ray erscheinen – bis dahin kann man die Serie auch auf dem Streamingportal AkibaPass ansehen.

Peppermint Anime stellt zum Anime auch einen Trailer zur Verfügung:

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