Imadoki!

Imadoki

Von Mobbing zu Akzeptanz

Tanpopo ist in Hokkaido aufgewachsen und ein waschechtes Landei. Trotzdem lässt sie ihre Heimat zurück, um das Stadtleben kennenzulernen und eine Tokioter Oberschule zu besuchen – allerdings keine gewöhnliche, sondern die berühmte Meio-Highschool, deren Schülerschaft sich aus den Kindern reicher und einflussreicher Familien zusammensetzt. Tanpopo brennt darauf neue Freunde zu finden, wird aber schnell enttäuscht. Als ihre Klassenkameraden herausfinden, dass Tanpopo eine normale Bürgerliche ist, stellt sich umgehend ein durchgängiges Mobbingsystem ein: ihr Schultisch wird verschoben und beschmiert, der Hof, den sie fegen soll, wird absichtlich verschmutzt, sie selber mit Wasser verschüttet. Tanpopo, selbst seine Mischung aus geballter Energie, Freundlichkeit und Dummheit, etabliert allen Protesten zum Trotz einen Gärtnereiclub, um sich um die Pflanzen der Schule zu kümmern.
Bedingt durch Tanpopos eigenartiger Naivität und offener Ehrlichkeit, die die reichen Kinder der Meio einfach nicht gewöhnt sind, findet sowohl Tanpopo als auch ihr Club langsam aber stetig mehr Anerkennung. Zu den späteren Mitgliedern zählen Aoi, der durch und durch gelangweilt vom Leben ist, Tsukiko, in der Tanpopo scheinbar eine frühe Verbündete hat, nur um sofort von ihr verraten zu werden, Arisa, ein typisches Partygirl sowie Kouki, jüngster Spross der einflussreichsten Familie der Schule.

Was aus diesem Setting erwächst sind verschiedenere kleine Geschichten, wie sie typisch für einen Shojo-Manga sind, der sich vor allem auch mit den Problemen des Heranwachsens beschäftigt. So entpuppt sich die sanfte, mädchenhafte Tsukiko als Furie, die sich allein dem Gärtnerclub angeschlossen hat um Kouki nahe zu sein – und so später in seine Familie (und sein Geld) einheiraten zu können. Die Begegnung mit Tanpopo lässt sie nach und nach sanfter und zu einer guten Freundin werden. Arisa wird vom Playboy der Schule schwanger, trinkt aber ungehemmt weiter und will versuchen, den werdenden Vater die Abtreibung zahlen zu lassen. Nach Tanpopos Standpauke entscheidet Arisa sich am Ende doch für das Baby und die Freunde begleiten sie durch die Schwangerschaft. Kouki, der männliche Protagonist der Serie, muss sich währenddessen mit seiner labilen und klammernden Verlobten Erika auseinandersetzen, die eigentlich seinem älteren Bruder versprochen war, der aber vor der Familie geflohen ist und derzeit als verschollen gilt – nur um im Verlaufe der Geschichte natürlich doch aufzutauchen. Erika, deren Lebensinhalt allein aus dem „verlobt-sein“ besteht, aber von beiden Brüdern abgelehnt wird, wird bis zum Suizidversuch getrieben. Und zu allem Überfluss verliebt sich Tanpopo dann auch noch in den unerreichbaren Kouki…

Imadoki! bietet damit eine ganze Fülle an Themen, die man als typisch für das Heranwachsen und die Pubertät sehen kann – die Unmöglichkeit seinen Charakter ehrlich zu zeigen, Jugendschwangerschaft, Fragen und Probleme der nahenden Welt der Erwachsenen wie Beruf und Heirat, die Schwierigkeiten die eigenen Interessen und die Wünsche der Familie auszubalancieren, Mobbing und Suizid und natürlich, wie es sich für einen Shojo-Manga gehört, die erste Liebe. Tanpopo, das wildfremde Landei, erscheint dabei oft wie eine Retterin in aller Not, denn letztlich sind es immer ihre Worte und Ansichten, die die anderen Figuren zur Einsicht und Veränderung bewegen. Sie führt Freundschaft und Mitgefühl ein, zwei Elemente, die den Schülern der Meio scheinbar vollkommen fremd sind. Das bedeutet aber nicht, dass Tanpopo unfehlbar ist. Im letzen Teil der Story ist sie es, die nicht weiter weiß um ihre Gefühle und die dann von den bis hierhin gewonnenen Freunden Hilfe braucht. Imadoki! nähert sich diesen Themen mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, gleicht bedeutsame und wichtige Momente mit einem Hauch von Slapstick aus, nur um dann gleich wieder ernst zu werden.

Die Serie arbeitet also mit figurenbezogenen Problemen und arbeitet diese der Reihenfolge nacheinander ab, sodass es mit einer entsprechenden Zusammenfassung der vorigen Ereignisse durchaus möglich ist nur eine der Einzelgeschichten zu bearbeiten. Aus dieser Perspektive heraus bietet sich vor allem Arisas Geschichte um das Abfinden und das das Akzeptieren ihrer Schwangerschaft an. Wer sich spezieller mit Mobbing auseinandersetzen möchte, der findet in Imadoki! zwar erst eine gute Grundlage, aber da Tanpopo die Hänseleien zum Großteil mit ihrer naiven Dummheit abwehrt und später von ihren Klassenkameraden sogar akzeptiert wird, bildet Mobbing mehr die Ausgangssituation, stellt aber nicht das zentrale Thema des Manga dar. Stattdessen stolpern die 5 ungleichen Freunde mehr in Situationen, die ebenso gut einer klassischen Seifenoper entspringen könnten. Es geht insofern allgemeiner um das Heranwachsen, das „zu sich finden“, dem Entdecken der eigenen Wünsche und Ziele unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben und Familie.

Imadoki! ist inhaltlich betrachtet ohne Frage ein Shojo-Manga und Tanpopo ist auch die klassische Protagonistin eines solchen, kindlich naiv und doch voller Charme zugleich. Erfolgsmangaka Yuu Watase, die auch hierzulande noch zahlreiche weitere Titel veröffentlicht hat und vor allem für die Fantasy-Geschichte Fushigi Yuugi bekannt ist, hat anders als andere Shojo-Mangaka aber einen schlichteren Stil, der sich vor allem in ihrer Figurengestaltung widerspiegelt. Watases Figuren entsprechen nicht dem ansonsten so klassischem Schema der übergroßen Augen, wallenden Haare und Barbie-ähnlichen Körper wie man sie beispielsweise bei Arina Tanemura, eine der Shojo-Mangaka schlechthin, findet. Watases Figuren bleiben damit dezenter und – sofern man überhaupt von Realismus in einem Manga sprechen mag – lebensechter. Insbesondere im Vergleich zu anderen Shojo-Mangaka wirkt Watase weniger verträumt, weniger dekoriert und ausgeschmückt, selten verschwindet das Setting zugunsten einer kompletten Darstellung der Innenwelt – was allerdings nicht bedeutet, dass sie gar nicht verkommt. Diese fehlende Verträumtheit lässt den Manga etwas bodenständiger wirken, was wiederum stärker den Realismus und die Ernsthaftigkeit der Themen unterstreicht.

 Imadoki! ist insofern ein klassischer Shojo-Manga um die erste Liebe, kommt dabei aber auch mit ernsteren Themen in Berührung. Watases Zeichenstil fördert diese Ernsthaftigkeit und verzichtet auf viele ansonsten für den Shojo-Manga typischen Gestaltungselemente. Diese Mischung aus schlichtem Stil und Themen wie Schwangerschaft und Suizid machen aus dem Titel eine kleine Besonderheit unter den Mädchenmanga. In Deutschland ist Imadoki! in fünf Bänden bei EMA erschienen.

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