Küss ihn, nicht mich!

Hässliches Entlein-zum-Schwan-Fujoshi im reversed harem

Es gibt Manga zu zahlreichen Themen: Von typischen Fantasygeschichten bis hin zu ernsten Dokumentationen wie beispielsweise Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima; von hochgradig ernst wie Terror in Tokio bis ziemlich abgedreht wie One Piece. Auch in Deutschland gibt es inzwischen Manga übers Manga-Zeichen – Bakuman. ist hier Pflichtprogramm. Es gibt aber auch eine Reihe von Manga, die sich ganz speziell auf die Fan-Kultur konzentrieren, darunter auch Küss ihn, nicht mich!

Kae ist ein Otaku. Oder besser gesagt: ein Fujoshi. Der Begriff Fujoshi bedeutet so viel wie „verdorbenes Mädchen“ – so nennen sich die typischerweise weiblichen Fans von Shonen-ai bzw. Boy’s Love-Geschichten, in denen es um die romantische Beziehung zwischen Männern geht. Auch ihre Klassenkameraden bleiben nicht davon verschont von Kae zu Pairings zusammengefasst zu werden. Ihre Klasse – mit Ausnahme von Kaes bester Freundin – weiß aber natürlich nichts von Kaes heimlicher Leidenschaft. Und: Kae ist dick. Nicht nur ein bisschen übergewichtig, sondern dick. Kae macht das nichts aus und auch wenn sie sich gelegentlich den ein oder anderen blöden Spruch anhören muss, wirft das ihr Selbstbewusstsein nicht aus dem Gleichgewicht. Doch dann passiert es: Kaes Lieblingsfigur aus einem populären Anime stirbt unerwartet. Kae ist so geschockt, dass sie sich tagelang im Bett verkriecht. Als ihre Familie sie schließlich in den Alltag zurückzwingt ist Kae wie verwandelt: Statt eines dicken Mädchens mit verquollenem Gesicht hat Kae auf einmal eine Traumfigur mit schönen großen Shojo-Augen.
Diese plötzliche Verwandlung bleibt auch Kaes Klassenkameraden nicht verborgen: Vier Jungs sind auf einmal sehr daran interessiert sich mit Kae zu treffen…

Küss ihn, nicht mich! ist ein sogenannter reversed harem-Manga. Ein Harem-Manga meint typischerweise einen männlichen Protagonisten, der von mehreren Mädchen umschwärmt wird. Der reversed harem dreht das Spielchen um und stellt ein einzelnes Mädchen in den Vordergrund, das von Jungs umschwärmt wird. Harem-Manga arbeiten zwischen Romantik und purer Komik. Eine Liebesbeziehung ist das Ziel einer solchen Geschichte, bis zum Ende bleibt aber offen welche/r am Ende gewählt wird. Dabei greifen die Rivalen natürlich untereinander durchaus auch mal zu unlauteren Mitteln, was für allerlei komische Situationen sorgt. Darüber hinaus sind Harem-Manga so angelegt, dass die umschwärmende Jungen- bzw. Mädchen-Gruppe verschiedene Charaktertypen enthält, sodass auf Seite des Lesers sozusagen „für jeden was dabei ist“. Küss ihn, nicht mich! bietet den sportlichen Yusuke, den süßen Hayato, den wilden Nozomu und den coolen, erwachsenen Asuma.

Tiefgründige Themen sucht man in Harem-Manga wie auch in Küss ihn, nicht mich! vergeblich.  Auch aus einer feministischen Perspektive bleibt die Story eher fragwürdig, wenn die dicke Kae ignoriert, die schlanke Kae dagegen plötzlich begehrt wird.
Küss ihn, nicht mich! bietet aber einen interessanten Einblick in die Welt der Otaku. Kae kann den Fan in sich leider nicht mehr verstecken, als beim ersten gemeinsamen Date mit den Jungs (mit allen vieren auf einmal, weil man sich sonst nicht einigen konnte) ihr Lieblings-Merchandising-Laden einen Ausverkauf startet. Die Jungs sind geschockt – bis auf Asuma, den so schnell nichts aus der Fassung bringt. Um nicht von ihm abgehängt zu werden akzeptieren die drei anderen ebenfalls Kaes Outing. Fortan werden die vier Jungs in die Welt der Otaku gezogen – voll von Conventions, Cosplay, Events, Synchron-Sternchen und Streit mit der besten Freundin wegen unterschiedlicher Pairings. Das Chaos wird perfekt als auch noch Shima dazu kommt, die zwar wie ein Junge aussieht, aber eigentlich ein Mädchen und ebenfalls Fujoshi ist. Dabei fallen regelmäßig diverse Anspielungen auf tatsächlich existierende Anime und Manga. Dazu kommt, dass Kae als Fujoshi die Jungs viel lieber miteinander sieht als mit ihr selbst…

In einer Episode möchte Kae an einem besonderen Event teilnehmen, eine Schokolade für einen Charakter ihrer liebsten Anime-Serie zu machen. Zu gewinnen gibt es eine exklusive Illustration, die sie unbedingt haben möchte – ein wertvolles Sammlerstück! Gemeinsam mit Shima und den Jungs unternimmt sie allerlei Versuche die Schokolade schön zu formen. Die missglückten Versuche stapeln sich. Statt die Schokolade wegzuwerfen isst Kae sie und wird prompt übers Wochenende wieder dick. Die Jungs sind geschockt (bis auf Asuma, den so schnell nichts aus der Fassung bringt). Hayato und Nozomu drängen Kae dazu wieder abzunehmen. Yusuke weiß nicht was er denken soll – einerseits kann er Kaes extreme optische Wandlung nicht gutheißen, andererseits schwirren ihm auch noch Shimas Worte im Kopf herum, ob er Kae nur wegen ihres Aussehens mögen würde.
Weil Kaes Schokolade tatsächlich einen Sonderpreis gewonnen hat und sie dafür zu einer Preisverleihung eingeladen wurde, wo all ihre Idole auftreten werden, nutzt Nozomu dieses Event als Ausrede um Kae zum Abnehmen zu bewegen. Kae ist hochmotiviert (es geht ums Event!), aber der Sport zeigt nur mäßig Wirkung. Hayato schlägt deswegen einen Otaku-Dance vor – eine spezielle, aber extrem anstrengende Tanzchoreographie, mit der Otaku ihre Idole anfeuern und was Kae sicherlich mehr begeistert  als herkömmlicher Sport. Die Jungs machen natürlich auch mit. Tatsächlich funktioniert der Plan gut, bis Kae sich übernimmt und zusammenbricht. Shima ermahnt die Jungs es nicht zu übertreiben und sie wollen schon aufgeben, als Kae von sich aus beschließt abzunehmen. Von den Jungs gibt es sogleich einen neuen Plan zu helfen: Immer wenn Kae an Gewicht verliert sind die Jungs bereit spezielle, typische Shonen-ai-Aktionen für sie vorzuführen – da beißt Kae natürlich an! Letzten Endes kann sie so wieder ihr altes Gewicht erreichen. Yusuke ist währenddessen zu der Erkenntnis gekommen, dass er Kae unabhängig von ihrem Aussehen liebt.

Dieses Beispiel zeigt, dass Kaes Otaku-Kultur permanent auf unterschiedlichste Weise in ihren Alltag integriert wird. Auch wenn die Geschichte auf der Seite der seichten Unterhaltung bleibt, so sind es doch gerade diese alltäglichen Einblicke in Kaes Otaku-Leben, die den Manga aus unserer Perspektive interessant machen. Dabei geht es hier eindeutig nicht darum, Kaes Otaku-Dasein zu verteufeln. Es geht auch (zumindest noch nicht) darum, ihr das Otaku-Dasein auszutreiben, wie das beispielsweise im Titel Train Man der Fall ist: Hier will ein junger Otaku das Herz einer Frau gewinnen und bittet dabei in einem Internetforum regelmäßig um Hilfe. Die User raten ihm dazu, nach und nach sein Otaku-Leben aufzugeben, was hier mit einer Art Katharsis gleichgesetzt wird. Küss ihn, nicht mich! gehört damit zu einer Reihe vergleichsweiser junger Manga, die den Otaku als Protagonisten nehmen. Diese Figuren bringen damit Wissen in den Manga – wie BL, Pairings, etc. – das zuvor allein für den Leser reserviert war. Titel wie Küss ihn, nicht mich! oder auch The World God Only Knows sind zwar eher leichte Unterhaltung, bringen aber eine neue Selbstreferenzialität und Selbstironie in den Manga, die den eigenen Konsumenten karikieren.

Und wer weiß, was Kae noch so alles widerfährt? Der Manga erscheint hierzulande bei Kazé und zählt derzeit 8 Bände, weitere sind im Kommen. Den Anime mit 12 Episoden kann man bei Anime on Demand im Stream mit Untertiteln sehen.

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