Kurzportraits: Hentai, H, Ecchi

Wenn man sich mit Manga und Anime auseinandersetzt, dann sieht man sich auch mit einer ganzen Reihe an Fremdwörtern konfrontiert, die sowohl innerhalb der Forschung als auch der Community benutzt werden. Dazu gehören neben Tsundere, Dojinshi, Seme oder Shipping beispielsweise auch Hentai.

Hentai ist einer jener Begriffe, die der Westen aus dem Japanischen übernommen, dabei aber seine Bedeutung verändert hat. Hierzulande meint Hentai – auf Deutsch Perversion oder auch Abweichung – alle Arten von pornografischen Anime und Manga, im weiteren Rahmen auch pornographische Videospiele oder anderes zugehöriges Merchandising. Genau wie die Film-Pornografie bietet der Hentai neben dem herkömmlichen Porno auch eine Reihe spezieller Fetische, wie unter anderem Lolicon.

Japan verwendet anstellte von Hentai eher den Begriff ero (als Abkürzung von Erotik). Darüber hinaus wird haben sich auch H bzw. die japanische Aussprache des englischen Hs, etchi oder ecchi, durchgesetzt. Seltener findet sich auch die japanische Variante des Pornos, poruno, oder schlicht seinen – erwachsen. Im Westen kaum bekannt ist die Unterscheidung pinku / pink (angelehnt an die Farbe Pink), aus westlicher Perspektive das, was man hier softcore nennen würde.

Der Traum der Fischersfrau, Katsuhika Hokusai, um 1820

Damit ergibt sich eine entscheidende Differenz: Außerhalb Japans wird die Bezeichnung Hentai allgemein für alle pornografischen Anime/Manga verwendet und dient als ganze Genrebezeichung. Gelegentlich wird auch Ecchi benutzt, was im Westen aber eine deutlich gemäßigtere Form der Pornografie meint. In Japan dagegen findet man die klassische Pornografie unter den Begriffen Ecchi/H und Ero. Hentai hat derzeit zwei grundsätzliche Verwendungen: Zum einen meint es eine leichte Form der Anzüglichkeit – daher stammt die Beleidigung „Hentai!“, die man öfter in Anime und Manga finden kann. Zum zweiten meint Hentai ursprünglich – und das unterscheidet ihn von ero, H oder Pornografie – ganz bewusst etwas Sonderbares, Bizarres, Merkwürdiges oder Abnormales. Obwohl man Hentai heute hauptsächlich in Verbindung mit Manga und Anime bringt, finden sich doch auch zahlreiche weitere Beispiele in der japanischen Kunst, wie beispielsweise Der Traum der Fischersfrau (um 1814) von dem bekannten Künstler Hokusai. Der Traum der Fischersfrau zeigt die träumende, nackte Fischersfrau im Geschlechtsakt mit Oktopussen. Der Holzschnitt ist Teil der sogenannten Shunga (dt.: Frühlingsbilder), die explizit sexuelle Inhalte darstellen. Seine Blütezeit erlebte die Form des Shunga in der Edo-Zeit (1603-1867), die ersten Arbeiten finden sich aber bereits in der Heian-Periode (794-1185).

 

In kaum einem Thema lassen sich so leicht Unterschiede zwischen Japan und dem Westen aufzeigen wie in dem der Sexualität. Die Mischung aus Shinto und Buddhismus, die in Japan die dominante Religion darstellt, hat Sexualität und Nacktheit anders als die christliche Kirche nie tabuisiert. Der nackte Körper ist dabei beispielsweise nicht zwangsläufig sexuell konnotiert. Im alten Japan wurde Homosexualität akzeptiert und ausgelebt, besonders in Männerzentren wie Klöstern und dem Militär waren sexuelle Beziehungen zwischen den Lehrmeistern und ihren Schülern keine Seltenheit. Die erste Menstruation eines Mädchens wurde früher traditionell gefeiert (wie beispielsweise in Die Legende der Prinzessin Kaguya angedeutet wird). Diese grundsätzlich unterschiedlichen Auffassungen von und zu Sexualität, dem Körper und Nacktheit erschwert es ausländischen Konsumenten bis heute, Aspekte der japanischen Kultur und Medien nachzuvollziehen – und hatte insbesondere in den frühen Anfängen des Anime im Westen zur Folge, dass alle Anime als pornographisches Material verstanden wurden.

Der englische Wikipedia-Artikel ist eine gute Anlaufstelle für weitere Informationen. Darüber haben sich unter anderem folgende Autoren damit auseinandergesetzt:

  • Andrew A. (2010): Everything you never wanted to know about Sex and were afraid to watch. In Steiff, Joseff; Tamplin, Tristan D. (Hg.): Anime and Philosophy. Wide Eyed Wonder. Chicago, La Salle, Illinois: Open Court. Poplular Culture and Philosophy, 47.
  • Drazen, Patrick (2014): Anime Explosion. The What, Why and Wow of Japanese Animation. Revised and expanded edition. Berkeley, California: Stone Bridge Press.

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