Kurzportraits: Übersetzungen

Kurzportraits: Übersetzungen

Das Kurzportrait diese Woche fällt etwas aus dem Rahmen, denn anstatt einen Begriff aus dem Gebiet rund um Manga und Anime zu erläutern, geht es diese Woche um Übersetzungen.

Übersetzungen von Manga und Anime aus ihrem japanischen Original in uns vertraute Sprachen stellen ein überraschend komplexes und spannendes Feld dar, das in den letzten Jahren in entsprechenden Fachzeitschriften ebenfalls immer häufiger aufgegriffen wurde. Im Vergleich zu den germanischen Sprachen wie Deutsch oder auch Englisch funktioniert das Japanische grundsätzlich anders. Selbstverständlich kann hier keine vollständige Abhandlung über die japanische Sprache geboten werden, aber im Hinblick auf Anime und Manga kann man gezielt einige Besonderheiten nennen, denen man sich bewusst sein sollte.

Der markanteste Unterschied ist natürlich die Schriftsprache. Japanisch arbeitet mit den chinesischen Kanji und den beiden Silbenalphabeten Hiragana und Katakana. Zusätzlich liest man in Japan sozusagen von „hinten nach vorne“ – diesen Aufbau übernimmt man inzwischen auch für übersetzte Manga. Zuvor wurden Manga für den Westen noch gespiegelt, um die westliche Leserichtung zu ermöglichen. Außerdem liest sich Japanisch von oben nach unten. Die originalen Sprechblasen sind deswegen oft mehr länglich als breit, sodass in Übersetzungen mitunter Wörter getrennt oder kleiner geschrieben müssen, um in die vorgesehene Sprechblase zu passen.

Darüber hinaus sollte man sich dem unterschiedlichen Umgang mit Namen bewusst sein. Grundsätzlich steht im Japanischen der Familienname vor dem Vornamen. Daneben gibt es aber noch eine Unmenge an verschiedenen Anreden, die als Suffix an den Familien- oder Vornamen angehängt werden. Die Wahl des Suffix hängt von mehreren Faktoren ab, wie dem  Geschlecht beider Gesprächspartner oder der sozialen Ranghöhe. Das Suffix -san entspricht in etwa dem Deutschen Herr/Frau; -chan gilt als verniedlichend und wird vor allem für Kinder oder Mädchen benutzt; -sensei ist eine Rede für verschiedenste Lehrer; -sama ist sehr respektvoll. Den Namen ohne Suffix zu verwenden ist entweder unhöflich oder zeugt von einer besonders engen Beziehung der Gesprächspartner. Dementsprechend kann man aus den im Gespräch verwendeten Suffixen eine Menge über die Beziehung der beiden Figuren erfahren. Etwas Vergleichbares ist im Deutschen nicht möglich. Wie genau Namen gehandhabt werden unterscheidet sich bei den deutschen Publishern, manche übernehmen die Original-Suffixe, wieder andere verzichten komplett auf sie und setzen stattdessen den deutschen Namensgebrauch ein, sodass sich die meisten Figuren nur mit Vornamen anreden. Das ist nicht ganz unproblematisch, denn wenn sich die Figuren im Laufe der Geschichte anbieten, vom Familien- auf den Vornamen umzusteigen – beziehungstechnisch ein bedeutender Schritt – gerät man mit der Übersetzung in Schwierigkeiten, wenn die Figuren sich die ganze Zeit bereits mit Vornamen anreden. Verschiedene deutsche Publisher lösen das über Spitznamen, die Figuren bieten sich dann also den Spitznamen an. An solchen Stellen muss klar sein, dass es hier in Wirklichkeit keinesfalls um irgendwelche banalen Spitznamen geht, sondern um etwas, was im Japanischen eine erheblich wichtigere Bedeutung hat als im Deutschen.

Ein ganz ähnliches Problem bietet sich bei Personalpronomen. Es gibt verschiedenste Wege, „ich“ im Japanischen zu sagen – wieder in Abhängigkeit von Geschlecht und Höflichkeit. „Boku“ und „ore“ sind männliche Formen von ich, „atashi“ speziell weiblich. Aus solchen Details lassen sich im Japanischen weitere Details über die Figuren ziehen. Dem Deutschen bleibt aber nichts anderes übrig, als alles mit „ich“ zu übersetzen. Das mag auf ersten Blick nur bedingt bedeutend erscheinen, aber die feinen Nuancen und die Möglichkeiten, die diese Systeme bieten, können Übersetzungen nicht aufgreifen. So bezeichnet manch weibliche Figur in Manga und Anime sich selber mit „boku“ – sehr ungewöhnlich für Mädchen und deswegen auffällig. Besonders arrogante Figuren nennen sich gerne mal „ore-sama“. Im Deutschen muss man das über Einschiebungen wie „ich, der große König“ umschreiben oder komplett darauf verzichten.

Der Umgang mit Namen und Personalpronomen sind die wichtigsten Elemente, die im Umgang mit Manga und Anime bekannt sein sollten – zumal diese auch als Laie noch am ehesten aus den Originaltonspuren, die jede DVD bietet, herauszuhören sind.
Selbstverständlich gibt es noch weitere Auffälligkeiten. Eine hat sich bereits angedeutet: Geschlechterunterschiede. Japanisch ist hochgradig geschlechterspezifisch, soll heißen:  Männer und Frauen sprechen anders. Verwendete Vokabeln und Satzendungen unterscheiden sich demensprechend zwischen männlicher und weiblicher Sprache – was natürlich auch genutzt werden kann.
Japanisch ist außerdem eine SOV-Sprache, das Verb steht am Ende des Satzes. Das Deutsche ist dagegen eine SVO-Sprache, das Verb steht in der Satzmitte. Damit unterscheidet sich also bereits die grundlegende Struktur der Sprache, was wiederum erläutert, warum manches Mal Panels in Manga an den falschen Stellen zu groß oder zu klein erscheinen.  Auch im Anime bedeutet es, dass man zu bestimmten Satzteilen ein anderes Bild als im Japanischen sieht – einfach, weil sich sonst kein grammatikalisch korrekter deutscher Satz bilden lässt.
Dazu lassen sich noch beliebig weitere Punkte setzen, wie zum Beispiel auch Dialekte, die in aktuellen Deutschen Manga entweder ignoriert oder mit Umgangssprache gekennzeichnet werden.

Aus dieser kleinen Übersicht wird deutlich: Es gibt einige sehr wesentliche Unterschiede zwischen dem Japanischen und dem Deutschen. Durch den Erfolg von Manga und Anime ist es heute für niemanden mehr notwendig extra Japanisch zu lernen, um die Werke zu konsumieren – aber Wissen um die feinen Besonderheiten der Sprache erklären so manch merkwürdige Stelle.

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