Kurzportraits: Yaoi, BL, Shōnen-ai

Wenn Sie auf den Webauftritten deutscher Manga-Verlage wie zum Beispiel Tokyopop oder EMA unterwegs sind, auf Conventions die Stände von Hobbyzeichnern besucht haben oder vielleicht sogar im heimischen Buchhandel einen Blick auf die Manga-Regale geworfen haben, dann dürfte Ihnen vielleicht bereits eine Kategorie ins Auge gefallen sein: Boys Love.

Boys Love zusammen mit den eng verwandten Begriffen des Shōnen-ai und Yaoi bezeichnen Werke, in denen – in der Regel sehr schöne junge – Männer eine romantisch-sexuelle Beziehung haben, die im Vordergrund des Plots steht. Sowohl in Japan als auch in Übersee sind solche Titel dermaßen erfolgreich, dass sie längst ein eigenes Genre bilden. Die Abgrenzung von Shōnen-ai, Boys Love und Yaoi als jeweils eigenständige Subgruppen ist eher fließend, innerhalb der gängigen Literatur findet man jeweils verschiedene Nuancen. Yaoi ist die Kurzform des von „yama nashi, ochi nashi, imi nashi“ – auf Deutsch ohne Klimax, ohne Lösung, ohne Bedeutung. Yaoi konzentrieren sich vor allem auf die explizit sexuellen Aspekte der Beziehung der Männer, während der Shōnen-ai (dt.: Jungenliebe) romantischer und freundlicher ist. Als sich Yaoi und Shōnen-ai als eigenes Genre etablierten, entstand die sammelnde Bezeichnung Boys Love (BL), die auch deutschsprachige Manga-Verlage verwenden. Heute impliziert der Begriff BL vor allem dass es sich um Originalwerke handelt und nicht um Dōjinshi. Sowohl innerhalb der Forschung als auch in Fankreisen werden die Begriffe aber fließend und teils auch gleichwertig verwendet.

Im Bezug auf Boys Love gilt es einige wesentliche Elemente zu wissen. Es handelt sich nahezu ausschließlich um ein Genre von und für Frauen – bei den Mangaka dieser homoerotischen Beziehungen handelt es sich in einer Mehrheit der Fälle um Zeichnerinnen und ihre Werke werden hauptsächlich von Frauen konsumiert. Desweiteren darf man Yaoi und Shōnen-ai nicht als eine Auseinandersetzung mit Homosexualität verstehen. Es handelt sich stattdessen vielmehr um idealisierte Fantasiewelten, die mit tatsächlicher Homosexualität wenig gemeinsam haben.

Yaoi ist eines der in der Forschung am intensivsten untersuchten Felder. Dementsprechend gibt es viel zu viele gedankliche Ansätze und Literatur, um hier alles ausführlich darzustellen. Die wichtigste Frage für das Feld aber lautet: Warum bevorzugen gerade Frauen die homosexuelle Beziehung zwischen Männern? Es gibt verschiedene Überlegungen und Ideen dazu. Zu den häufigsten – erwähnt zum Beispiel bei McLelland (10) oder Toku (2007) – gehört das Machtverhältnis der Figuren. In diesem Gedanken ermöglicht ausschließlich die gleichgeschlechtliche Partnerschaft eine Gleichberechtigung zwischen beiden Partnern, weil gesellschaftliche Rollen (das betrifft vor allem die Rolle der Mutter und der gebärenden Frau) hier irrelevant werden. An dieser Stelle muss dringend daran erinnert werden, dass es sich aber eben nicht um eine lebensnahe Homosexualität handelt, die sich auch heute oft noch mit Vorurteilen, Stigmatisierungen und Einschränkungen konfrontiert sieht. Kinsella (00) fügt hinzu, dass die Figuren von Boys Love zwar männlich sein mögen, es sich aber eigentlich vielmehr ideale Geschlechtslose handelt, die die Vorteile beider Geschlechter vereinen (vgl. S. 117).

Die weiblichen Fans nennen sich selber (!) übrigens Fujoshi, was so viel wie verdorbenes Mädchen bedeutet. Inzwischen haben Mangaka diese Entwicklung innerhalb der eignen Branche auch scherzhaft wieder aufgegriffen und Manga-Protagonistinnen entwickelt, die ebenfalls Fujoshi sind – sehr zum Leidwesen anderer Charaktere. Ein Beispiel unter anderen ist der Manga Küss ihn, nicht mich!, der hierzulande bei Kazé erscheint.

 

Literatur:

  • Kinsella (2000): Adult Manga. Culture and Power in Contemporary Japanese Society. Richmond, Surry: Curzon (ConsumAsiaN Book Series).
  • McLelland, Mark (2010): The „Beautiful Boy“ in Japanese Girls‘ Manga. In: Johnson-Woods (Hg.): Manga. An Anthology of Global and Cultural Perspectives. London: Continuum International Publishung, S. 77-92.
  • Saito, Tamaki (2007): Otaku Sexuality. In: Bolton; Csicsery-Roney; Tatsumi (Hg.): Robot Ghosts and Wired Dreams. Japanese Science Fiction from Origins to Anime. Kindle-Edition, pos5140-5725
  • Toku, Masami (2007): Shojo Manga! Girls‘ Comics! A Mirror of Girls’ Dreams. In Lunning (Hg.): Networks of Desire. Mechademia, Band 2. Kindle-Edition, pos373-599.

Weiterführend:

Kotani, Mari (2007): Alien Spaces and Alien Bodies in Japanese Women’s Science Fiction. In: Bolton; Csicsery-Roney; Tatsumi (Hg.): Robot Ghosts and Wired Dreams. Japanese Science Fiction from Origins to Anime. Kindle-Edition, pos1441-2036.

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