Neon Genesis Evangelion

Nein Genesis EvangelionDer Klassiker

Inzwischen gibt es auch im Westen genug Anime und Manga um sich lange damit ausführlich wissenschaftlich beschäftigen zu können. Wer sich in den derzeitigen Forschungsstand einarbeitet, der wird aber schnell merken, dass es einige Werke gibt, die man unbedingt kennen muss – der Vorreiter unter diesen Titeln ist Neon Genesis Evangelion. Obwohl Evangelion mit seinen inzwischen 20 Jahren überraschend alt für die ansonsten eher kurzlebigen Animehits ist, ist er heute ein absoluter Meilenstein in der Geschichte des Anime – und auch für die Forschung. Die Narration von Neon Genesis Evangelion ist extrem vielschichtig, komplex und offen für Interpretationen, was bereits eine Inhaltszusammenfassung vor Herausforderungen stellt. Dementsprechend geht dieser Artikel ausnahmsweise über eine reine Zusammenfassung und interessante Thematiken hinaus, um auch einen Blick in die zahlreichen Analysen rund um die Serie zu geben.

In einem postapokalyptischen, dystopischen Tokio im Jahre 2015 – zur Erstausstrahlung Evangelions im Jahr 1995 also in der nahen Zukunft – wird der junge Shinji von seinem Vater aufgefordert, mit Hilfe riesiger Mechas, Evangelion oder kurz EVA genannt, gegen die Engel anzutreten, die regelmäßig die Erde zu zerstören drohen. Shinji willigt nur unter Druck ein – er fühlt sich ungeliebt vom Vater, der bis dahin jahrelang den Kontakt gemieden hat. Schnell wird klar, dass Shinji zwar durchaus das notwendige Repertoire mitbringt, um einen EVA steuern zu können, aber schlicht nicht für den Kampf um Leben und Tod gemacht ist, was ihn im Laufe der Serie immer wieder auf die Probe stellen wird. Stets will Shinji aus Tokio fliehen, nur um dann letzten Endes sich doch wieder gezwungenermaßen in seinen EVA zu setzen. Auch in sein neues Alltagsleben kann Shinji sich nur schwer eingewöhnen. Aufgrund des schwierigen Verhältnisses zum Vater lebt Shinji zusammen mit Misato Katsuragi, einer Offizierin der NERV-Organisation, die für den Kampf gegen die Engel verantwortlich ist. Shinjis schüchterner, willensschwacher Charakter hindern ihn daran, Anschluss an seine neue Klassenkameraden zu finden. Ein zusätzliches Mysterium versteckt sich hinter Mitschülerin Rei, die ebenfalls eine EVA-Einheit steuert. Äußerst distanziert und kühl hat Rei dennoch genau das Verhältnis zu Vater Gendo welches Shinji sich für sich selber wünscht und ihn zunächst neidisch macht. Später zieht zusätzlich EVA-Pilotin Asuka mit bei Shinji und Misato ein. Asuka hat einen aufbrausenden, hitzköpfigen Charakter und lässt keine Chance aus, Shinji zu beleidigen.

Im weiteren Verlaufe der Serie werden Shinji, Rei und Asuka immer wieder mit den Engeln konfrontiert, die sie bekämpfen müssen – in dem Sinne gestaltet sich Neon Genesis Evangelion wie ein typisches Beispiel des Mecha-Genres, in welchem immer wieder scheinbar übermächtige Gegner mit Mechas bekämpft werden müssen. Stattdessen ist der Titel und mit ihm Regisseur Hideki Anno durch etwas ganz anderes berühmt geworden: durch den immensen Fokus auf das Innenleben der Protagonisten. Die Psyche und die inneren Konflikte der Figuren stellen den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt von Evangelion dar (vgl. Napier 07, pos2753-2760). Nicht nur die EVA-Piloten, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Figuren sind psychisch labil, kämpfen mit Verlusten und ihrer eigenen Vergangenheit. Shinji leidet immer wieder unter der Beziehung zu seinem Vater, der dominanten Art Asukas sowie seinen Minderwertigkeitskomplexen – bis heute gibt es wohl keinen Anime-Charakter, der dermaßen psychotisch ist wie Shinji. Asuka dagegen sieht sich lange Zeit als wichtigste Pilotin der drei und strotzt vor Selbstsicherheit, die sie aber später verliert als sie bemerkt, das ausgerechnet Shinji sie überflügelt – letzten Endes kann sie ihren EVA nicht mehr steuern, womit sie ihren bisherigen Lebenssinn, ihre Daseinsberechtigung, verliert. Die mysteriöse Rei entpuppt sich im Laufe der Narration als eine von vielen Kopien von Shinjis Mutter, was Shinjis beginnende Zuneigung in das Licht eines Ödipus-Komplexes rückt. Die Kämpfe gegen die Engel selbst sind nicht nur actionreiche, sondern auch immer wieder psychische Zerreißproben für die Protagonisten.

Besonders berühmt ist Evangelion vor allem für seine letzten beiden Episoden. Während 24 Folgen lang die Charaktere zwar mit ihren individuellen Problemen kämpfen, aber auch immer wieder in das actionreichen Kämpfe gegen die Engel verwickelt werden, konzentrieren sich die letzten beiden Episoden allein auf das Innere der Figuren. In einem komplett abstrahierten Setting mit schwerwiegenden, tiefgründigen Fragen konfrontiert, sind es diese beiden Episoden, in denen sich die Personen in Evangelion selbst auf den Grund gehen müssen. Eine durchgängige Narration gibt es dabei nicht, es gibt keinen direkten Anschluss zum vorigen Geschehen.

Was Forscher begeistert und zu zahlreichen Analysen angeregt hat, ist unter Fans hochumstritten und hat dementsprechend für Furore gesorgt. Wo in der Originalserie die „innere Apokalypse“ beginnt, hat man später zwei Filme, Death & Rebirth und The End of Evangelion, die zu erwartende äußere Apokalypse enden lassen, in denen die Organisation NERV ihr blutiges Ende findet. Zusätzlich sind bislang mehrere Teile der sogenannten Rebuild-Filmreihe erschienen. Während der erste Film noch eine Zusammenfassung des Seriengeschehens darstellt, weichen die nachfolgenden immer weiter von der bekannten Story ab (und tatsächlich gibt es auch entsprechende Hypothesen, die die Filme als einen ganz eigenen Zeitstrahl unabhängig von der Serie einordnen).

Neon Genesis Evangelion bietet im Laufe seiner Narration zahlreiche Themen und Problematiken, die interessante Fragen aufwerfen. Da wäre zum Beispiel die wilde Mischung aus religiösen Zeichen – christliche, jüdische und schintoistische  Symbole sowie Figuren aus dem Kabbala werden in der Serie wie selbstverständlich nebeneinander verwendet (vgl. Lamarre 09, S. 165; Ortega 07, pos3737; Cavallaro 07, S.58). Die angreifenden Feinde heißen Engel – eine eigentlich nicht ganz korrekte Übersetzung, dass japanische Original spricht von Aposteln, aber Anno soll sich explizit diese Übersetzung gewünscht haben -, Adam, Lilith und die Lilim spielen eine entscheidende Rolle, hinzu kommt die Lanze des Longinus, der Sephiroth, die Namen der Mechas – Evangelion-, deren Attacken bemerkenswert oft wie christliche Kreuze aussehen und vieles mehr. Dementsprechend ist Evangelion eine Art Religionscocktail. Aus westlicher Sicht wird mit den christlichen Symbolen aber eher unkonventionell umgegangen – eine Eigenschaft, die dem Feld von Anime und Manga allgemein anhaftet. Wer sich daran aber nicht stört, der wird bereits bei einer konsequenten Analyse der religiösen Zeichen mit spannenden Interpretationsmöglichkeiten konfrontiert.

Von Seiten der Forschung wird Neon Genesis Evangelion primär als eine coming-of-age-Geschichte verstanden, in denen vor allem Protagonist Shinji erwachsen wird. Oft genug wird darunter auch ein sexuelles Erwachen verstanden und Evangelion bietet mehr als genug Ansatzpunkte für diesen Gedanken. Tatsächlich gibt es einen riesigen Themenkomplex rund um Mütter, Väter sowie das Lossagen von ihnen, Geburt, Verlangen und Tod. Viele Bilder aus Evangelion bekommen mit dem notwendigen Hintergrundwissen einen Kontext, der immer wieder an Geschlechter, Sexualität und zugehörige Gender-Diskurse anknüpft. Insbesondere die Analysen von Napier 05, Orbaugh 07 und Ortega 07 bieten im Rahmen dieses Ansatzes umfassende Analysen und Interpretationen. Um nur ein Beispiel ausführlicher zu beschreiben: Die Figuren der Mütter bieten einen interessanten Aspekt in Evangelion.

Sowohl Shinjis Mutter als auch die von Wissenschaftlerin Ritsuko sind mit Technik verschmolzen – respektive einen EVA und einen Supercomputer – und da Shinji in den EVA einsteigen und Ritsuko den Computer regelmäßig warten muss, gehen sie rein visuell wieder in die Mutter hinein. Dementsprechend dringen also beide wieder metaphorisch gesehen in die Gebärmutter zurück (vgl. Napier 05, S. 98). Dieses Bild wird verstärkt, wenn man bedenkt, dass die Piloten innerhalb der EVAs mit einer Spezialflüssigkeit umhüllt werden, die so deutlich an Fruchtwasser erinnert. Übrigens hat auch Asukas Mutter an demselben Test teilgenommen wie Shinjis Mutter. Allerdings ging der Versuch bei ihr schief und ließ die Frau psychisch schwer gestört zurück – fortan hält sie eine kleine Puppe für ihre Tochter. Wenige Jahre später findet Asuka ihre Mutter erhängt vor.
Mütter sind auch der Ausgangspunkt für weitere zentrale Elemente innerhalb der Narration: Um seine Frau Yui wiederzusehen, ist es Gendo Ikaris Plan, die gesamte Menschheit in einer Art Ursuppe zu vereinen. Auch das wirft einige Fragen auf: Konflikte, Kriege und Missverständnisse würde es so nicht mehr geben – aber es gäbe auch keine Individualität mehr. Was ist die bessere Option? Letztlich wird Shinji in den Rebuild-Filmen vor der Entscheidung stehen.

Dabei gibt es noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Aspekte, zum Beispiel darunter Shinjis penetranter Minderwertigkeitskomplex und wie er sich mit diesem auseinandersetzt, Reis Reaktion auf ihre Existenz als Klon, die Angst der drei Piloten, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden, die Existenz der Menschheit selbst, die sich letzten Endes als letzter Engel entpuppt. In Evangelion 3.33 spielt vor allem die Beziehung zwischen Shinji und dem später als Engel enttarnten Kaworu, der einzige, der Shinji scheinbar ohne Weiteres akzeptiert eine bedeutsame Rolle (übrigens gibt es hier auch erste Spuren der ansonsten sehr verbreiteten homosexuellen Liebe in Anime und Manga – allerdings ohne dass es hier zu konkreten Szenen kommt).  Während die Serie ohne Frage den Grundstein bildet, bietet die Rebuild-Filmreihe durch ihre narrative Fortsetzungen jeweils ganz eigene Fragen und Probleme – in 3.33 kommt unter anderem heraus, dass die EVA-Piloten gar nicht älter werden, was wieder ganz eigene Fragen aufwirft.

Neon Genesis Evangelion ist aber nicht nur an sich bemerkenswert komplex, sondern hatte auch noch weitreichende Konsequenzen für die Anime-Landschaft. Hiroki Azuma, einer der bekanntesten Sozialtheoretiker Japans, sieht in den letzten beiden Folgen, die sich durch ihre Narration so scharf von bisherigen Geschehen abgrenzen, den Beginn einer – wie er es nennt – neuen Otaku-Ära (vgl. Azuma 07, pos3066-3073). Im Unterschied zu den beiden vorigen von Azuma definierten Generationen an Anime- und Mangafans, sei diese 3. Generation, die in jungen Jahren Neon Genesis Evangelion sah, eine postmoderne Generation, die sich vor allem für das Aussehen der Charaktere und weniger für die Narration interessiere (vgl. ebd., pos3060-3066). Während man dieser Idee durchaus kritisch gegenüberstehen mag, gibt es auch eine Reihe von messbaren Konsequenzen: Im Zuge des Erfolgs von Evangelion wurden zunehmend mehr Anime für eine Konsumentengruppe um ein Alter von 20 entwickelt (vgl. Odell, Le Blanc 13, pos245). Die Komplexität von Evangelion führte in Japan auch zu einer verstärkten Aufmerksamkeit auf den Otaku  – den (durchaus auch erwachsenen) Fan – und damit auch zu einer Aufwertung des bis dahin eher als beleidigend empfundenen Otaku-Begriffs (vgl. Azuma 09, S. 4f.). Zusätzlich sah man Otaku durch die Serie erstmals auch als eine eigene ökonomische Kraft, was die Merchandising-Produktion erheblich ankurbelte (vgl. Galbraith 10, S. 217).

Bereits diese knappe Vorstellung macht deutlich: Neon Genesis Evangelion ist bewusst offen für  verschiedene Interpretationen. Um die Zusammenhänge zu verstehen ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der kompletten Serie notwendig – es empfiehlt sich also nicht, einzelne Folgen losgelöst aus ihrem Gesamtkontext zu behandeln. Wer sich mit Evangelion in einem zeitlich begrenzten Rahmen wie z.B. universitären Veranstaltungen auseinandersetzen möchte, der sollte hier besser – trotz der veränderten Story – auf die Rebuild-Filme zurückgreifen. Durch seine thematische Breite bieten sowohl Serie als auch Filme Anschluss an diverse Untersuchungsgebiete: Fragen nach der Identität, nach Gender, nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Technik. Aufgrund der Vielzahl an Symbolen und Interpretationsmöglichkeiten stellt Evangelion ein anspruchsvolles Beispiel für eine Filmanalyse dar. Allerdings ist der Titel wegen der immensen Komplexität, gewaltvollen Kämpfen und psychischen Konfrontationen nur für ein älteres Publikum gut geeignet.

Auf Basis der TV-Serie gibt es auch einen Manga, der die Story nacherzählt und der ebenfalls in Deutschland erhältlich ist. Verglichen mit der Serie wurde dem Manga bislang aber kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Daneben gibt es weitere Medien zum Franchise, die aber nur zum Teil den Weg nach Deutschland gefunden haben, darunter eine OVA und mehrere Spin-off-Manga, die allerdings alle einen eher humoristisch-parodistischen Ton einschlagen und die nicht zur eigentlichen Story Evangelions zählen.

 

Quellen:

  • Azuma, H. (07): The Animalization of Otaku Culture. In: Lunning, F.: Networks of Desire. Mechademia, Band 2. Kindle-Edition. Minneapolis, London: University of Minnesota Press. Pos2958-3165.
  • Azuma, H. (09): Otaku. Japan’s Database Animals. English Edition. Minneapolis, London: University of Minnesota Press.
  • Cavallaro, D. (07): Anime Intersections. Tradition and Innovation in Themes and Technique. Jefferson, North Carolina, and London: McFarland.
  • Galbraith, Patrick W. (10): Akihabara. Conditioning a „Public“ Otaku Image. In: Lunning, F.: Mechademia, Band 5. S.210-230.
  • Lamarre, T. (09): The Anime Machine. A Media Theory of Animation. Minneapolis, London: University of Minnesota Press.
  • Napier, S. (05): Anime from Akira to Howl’s Moving Castle. Experiencing Contemporary Japanese Animation. Updated Edition. New York, Houndmills, Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillian.
  • Napier, S.(07): When the Machines Stop. Fantasy, Reality and Terminal Identity in Neon Genesis Evangelion and Serial Experiments Lain. In: Bolton, C./Csicsery-Roney, I. Jr/Takayuki, T.: Robot Ghosts and Wired Dreams. Japanese Science Fiction from Origins to Anime. Kindle-Edition. Minneapolis, London:University of Minnesota Press. Pos2571-3044.
  • Odell, C./Le Blanc, M. (13): Anime. Kindle-Version. Harpenden, Herts: Kamera Books
  • Orbaugh, S. (07): Sex and the Single Cyborg. Japanese Popular Culture Experiments in Subjectivity. In: Bolton, C./Csicsery-Roney, I. Jr/Takayuki, T.: Robot Ghosts and Wired Dreams. Japanese Science Fiction from Origins to Anime. Kindle-Edition. Minneapolis, London:University of Minnesota Press. Pos4062-4505.
  • Ortega, M. (07): My Father, He Killed Me; My Mother, She Ate Me. Self, Desire, Engendering, and the Mother in Neon Genesis Evangelion. In: Lunning, F.: Networks of Desire. Mechademia, Band 2. Kindle-Edition. Minneapolis, London: University of Minnesota Press. Pos3668-3961.

 

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