Noragami

Götter im Trainingsanzug

Hiyori wollte eigentlich nur helfen: Als sie den etwas verplant aussehenden Jungen im Trainingsanzug vor einem nahenden Laster rettet, erwischt es sie selbst und sie landet im Krankenhaus. Komisch nur, dass niemand außer ihr den Jungen gesehen haben will. Eben dieser Junge taucht aber schließlich mitten in der Nacht bei ihr auf und stellt sich als Gott Yato vor. Eine ziemlich unglaubwürdige Geschichte, so denkt sich auch Hiyori – wäre da nicht das Problem, dass sie seit diesen Vorfall regelmäßig einfach einschläft, ihren Körper liegen lässt und als Seele umherstreift. Weil Yato nun aber angeblich einer von Japans zahlreichen Gottheiten sein soll und Hiyori außerdem für die Rettung etwas gut hat, erbittet sie kurzerhand die Heilung ihrer „Anfälle“. Denn das Leben als Seele ist alles andere als einfach: Böse Geister treiben ihr Unwesen und halten Hiyori für einen schmackhaften Leckerbissen.

Dumm nur: Yato ist zwar ein echter Gott – aber bettelarm. So arm, dass seine Shinki, die besondere Waffe, die Götter benutzen, kurzerhand gekündigt hat. Zum Glück findet Yato per Zufall die Shinki Yukine, ein rebellischer Mittelschüler, der sich nur widerwillig anschließt. So beginnen die Abenteuer: Wie in allen längeren Manga erlebt das bunte Trio in mehreren Arcs eine ganze Reihe von Problemen, die alle jeweils ihren eigenen Themenschwerpunkt mit sich bringen. Hiyori und Yukine müssen schockiert lernen, dass alle Shinki die Seelen Verstorbener sind, was in Yukine eine Welle des Neids auf alle lebenden Gleichaltrigen weckt. Hobbys, Schule, Freunde – das wird ihm versagt bleiben. Seine negativen Gefühle haben direkten Einfluss auf Yato, der dadurch verunreinigt wird – ein äußerst schmerzhafter Zustand für Götter. Normalerweise ist eine solche Verunreinigung nicht weiter bedenklich, denn Götter werden einfach wiedergeboren. Tatsächlich hängt diese Wiedergeburt aber davon ab, wie viel die Menschen an den Gott denken – und außer Hiyori denkt leider nur ein einziger Mensch an Yato: Sein Vater, der durch seinen intensiven Wunsch sich an den Göttern zu rächen den Zerstörungsgott Yato geschaffen hat… Doch auch darüber hinaus sorgen Konflikte mit anderen Göttern, Yatos Vergangenheit als Kriegs- und Unglücksgott und das Unglück, dass er über seine neuen Freunde beschwört, sein Wunsch, endlich ein beliebter Glücksgott mit eigenem Schrein zu werden, Yukines Vergangenheit, Streitereien unter Göttern und Ausflüge in die Unterwelt für allerlei Trubel. Und plötzlich ist Hiyori sich gar nicht mehr so sicher, ob sie wirklich wieder nur ein Mensch sein will…

So verstrickt sich Noragami von einer Geschichte in die nächste. Lässt man sich auf Noragami ein, dann bietet sich hier aber gerade für den Westen eine interessante Perspektive: Noragamis Götter sind fehlbar und hochgradig von den Menschen abhängig. Insbesondere die Beziehung zwischen Göttern und Shinki, wie Noragami sie entwirft, sind so spannend. Götter, so sagt es Yato, sind immer im Recht, einfach aufgrund der Tatsache, dass sie Götter sind. Sie haben in diesem Sinne absolute Handlungsfreiheit, „gut“ und „böse“ existiert in diesem Sinne für sie nicht. Eine Form von Moral erfahren sie allein durch ihre Shinki, also letzten Endes den Menschen. Handeln diese Shinki unmoralisch oder halten sie die Handlungen ihrer Götter für falsch, werden diese verletzt. Die Götter mögen noch so mächtig sein, Moral wird nur durch die Menschen eingebracht. Es sind nicht die Götter, die ein bestimmtes Wertesystem durchsetzen, sondern nur die Menschen. Damit bildet Noragami das exakte Gegenteil zu monotheistischen Religionen, in denen Moral über ein Set an Regeln von der Gottheit gefordert wird und in der dieser Gott als alles Wahre und Gute gilt. Aus einer japanischen Perspektive, in der, wie in allen anderen polytheistischen Religionen, nicht nur ein komplexes Beziehungsnetzwerk zwischen den Göttern besteht, sondern diese auch negative Gefühle haben, scheitern, Fehler machen, scheint das nichts besonderes. Aber gerade aus westlicher Sicht wird damit sämtliche Macht auf den Menschen gelegt. Der Mensch ist es, der entscheidet, was Gut und was Böse ist – und ist damit letzten Endes für sich selber verantwortlich.

Darüber hinaus hat Noragami auch typische Elemente einer coming-of-age-Story für seine drei Protagonisten: Yato muss sich nach und nach von seinem Vater lösen. Der junge Yukine muss die Verantwortung, die er als Shinki für seinen Gott Yato hat, erkennen und ihn auf einen rechten Weg weisen, was im starken Kontrast zu seinem eigenen früheren Verhalten steht. Hiyori muss neben all den übernatürlichen Ereignissen weiter zur Schule und sich damit die Frage nach ihrer Zukunft stellen.

Der Noragami-Manga erscheint bei EMA. Der Anime – sowohl die erste als auch die zweite Staffel – ist als Stream bei Watchbox verfügbar, KSM bietet die Serie auch auf DVD und Blu ray und stellt dafür auch einen Trailer bereit:

 

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