Perfect World

Liebe ohne Grenzen?

Tsugumi staunt nicht schlecht, als sie auf ihrem Klassentreffen Schulfreund Itsuki wiedersieht – nach einem Unfall kann Itsuki nicht mehr gehen und sitzt fortan im Rollstuhl. Weil Itsuki aber auch Tsugumis heimlicher Schwarm war, steht sofort eine Frage im Raum: Als gesunder Mensch einen Menschen im Rollstuhl lieben – geht das?

Perfect World nähert sich der Thematik der körperlichen Behinderungen aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Im Vordergrund stehen nicht die Beeinträchtigungen, sondern deren Konsequenzen auf zwischenmenschliche Beziehungen.  Protagonistin Tsugumi weiß – wie die meisten, die keinen direkten Kontakt zu Menschen mit körperlichen Behinderungen haben – nichts über das gemeinsame Leben mit jemandem im Rollstuhl. Und so kommt es, wie es kommen muss: Obwohl Tsugumi zunächst instinktiv vor einer Beziehung mit Itsuki zurückschreckt, leben die alten Gefühle doch schnell wieder auf. Gleichzeitig wird sie in den Wirbelwind gezogen, der in Itsukis Leben herrscht. Da ist einerseits die an vielen Stellen fehlende Barrierefreiheit in der Stadt, die Itsuki immer wieder dazu zwingt, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Selber Architekt, setzt Itsuki sich speziell für den Bau barrierefreier Gebäude ein, muss aber auch erleben, wie seine Ideen und Projekte abgelehnt werden. Dazu kommen viele Dinge, die Tsugumi für Itsuki erledigen muss, wo ein typischer Shonen-Manga-Freund sonst sofort seiner Herzdame zur Hilfe kommen würde: den Rollstuhl bergaufwärts schieben, den Rollstuhl im Regen zusammenklappen, um ins Taxi zu können oder einfach schnell Besorgungen machen.

Dazu kommen plötzliche Erkrankungen, die bei Querschnittsgelähmten häufig auftreten, weil sie schlicht nicht fühlen können, das etwas nicht stimmt. Der Manga nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: offene Druckgeschwüre, Harnwegsinfekte mit drohendem Nierenversagen und Ausräumungen, d.h. die manuelle Entfernung des Stuhls, stehen auf dem Programm. Auch psychische Belastungen werden angesprochen – Itsuki leidet regelmäßig unter Phantomschmerzen in den Beinen und seine neue Beziehung verstärkt den ohnehin immer präsenten Wunsch, wieder laufen zu können, um ein Vielfaches.

Zuletzt ist da das eigentliche Kernthema des Manga: Beziehungen. Nachdem Itsukis frühere Beziehung in die Brüche ging, weil seine Freundin die Blicke der Leute nach Itsukis Unfall nicht ausgehalten hat, will Itsuki eigentlich keine neue Freundin. Tsugumi kann ihn dann zwar doch überzeugen, rosarot ist die Welt dadurch aber trotzdem nicht. Itsukis Pflegerin ist ebenfalls in Itsuki verliebt. Tsugumis Eltern sind gegen die Beziehung und die Erkrankung ihres Vaters zwingt Tsugumi, wieder bei ihren Eltern zu wohnen. Und dann ist da noch Hirotaka, der in Tsugumi verliebt ist und all die Sachen kann, die Itsuki nicht kann…

Trotz all dieser Beziehungsgeflichte, die typisch für jede Art von Shojo-Manga sind, ist Perfect World tatsächlich mehr ein sogenannter Josei-Manga, also ein Manga für Frauen ab ca. 20. Anders als beim Shojo-Manga, wo meistens die erste Liebe im Vordergrund steht und es das zentrale Ziel ist, mit dem gutaussehenden Klassenschwarm zusammenzukommen, widmen sich Josei-Manga für ihr älteres Zielpublikum der Liebe mit Komplikationen. Obwohl Tsugumi und Itsuki schnell ein Paar werden und es natürlich auch einige romantische Momente gibt, sucht man vergebens nach den kitschigen dekorativen Blumen des Shojo-Manga oder süß errötenden Mädchenwangen. Die Bilder von Mangaka Rie Aruga sind Shojo-typisch hell und arbeiten mit wenig Rasterfolie, gleichzeitig sind sie aber auch erheblich schlichter, was die Zeichnungen erwachsener wirken lässt. Was mancher zunächst vielleicht als einen langweiligen Stil abtun mag, hilft dabei, den Fokus zur ernsten Geschichte nicht zu verlieren.

 Perfect World ist in 8 Bänden abgeschlossen, von denen bereits fünf in Deutschland bei EMA erschienen sind – bleibt abzuwarten, ob Tsugumi und Itsuki es letzten Endes trotz aller Schwierigkeiten als Paar schaffen.

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