Platinum End

Ich will glücklich werden

Tsugumi Ohba  und Takeshi Obata haben sich vor allem mit dem Thriller Death Note einen Namen gemacht: Irgendwie-Antiheld-und-doch-mit-besten-Absichten-Protagonist Light findet das Notizbuch eines Todesengels, das ganz besondere Eigenschaften hat: Die Person, dessen Name in das Death Note eingetragen wird, stirbt. Light macht sich infolgedessen daran, systematisch alle Verbrecher zu töten und so eine neue Welt zu erschaffen.

Platinum End geht ähnlich düstere Wege und ist doch ganz anders. Protagonist Mirai führt seit dem Tod seiner Familie ein tristes Dasein bei Onkel und Tante, die ihn vor allem als Arbeitskraft missbrauchen. Am Tag seines Mittelschulabschlusses hat Mirai genug und will sich umbringen. Er springt – und wird von Engel Nasse gefangen. Sie gibt ihm zwei Geschenke: blitzschnelle Flügel sowie zwei Sorten von Pfeilen. Wer von den roten Pfeilen getroffen wird, der verliebt sich 33 Tage in den Anwender; weiße Pfeile töten. Mit diesen neuen Fähigkeiten im Gepäck wünscht sich Nasse für Mirai nur dass dieser endlich glücklich wird.
Doch Mirais neues Leben startet trostlos: Nasse erzählt ihm, dass Onkel und Tante den Unfall, der seiner Familie das Leben kostete, des Geldes wegen fingiert haben. Mit Hilfe des roten Pfeils, durch den sich seine Tante unsterblich in ihn verliebt, erfährt er von ihr die ganze Wahrheit. Geschockt wünscht er sich, dass sie sterben sollte – und sie bringt sich um. Mirai verwendet die roten Pfeile um sich das Geld seiner Familie zurückzuholen und letzten Endes in einer neuen Wohnung seine Highschool-Jahre zu beginnen.

Doch Mirai ist nicht der einzige, der von einem Engel besucht wurde. 12 weitere sogenannte Gottesanwärter, die alle Flügel und Pfeile haben, kämpfen darum der nächste Gott zu werden. Als ein als Superheld getarnter Gottesanwärter beginnt seine Mitspieler umzubringen, beginnt ein Spiel um Leben und Tod, aus dem keiner aussteigen kann. Mirai verbündet sich mit der von Schuldgefühlen geplagten Mitschülerin Saki und dem krebskranken Vater Mukaido. Als einziger der Gruppe mit dem weißen Pfeil ausgestattet steht Mirai dabei immer wieder vor der Frage, wann es gerechtfertigt ist einen Menschen zu töten. Wenn geliebte Menschen in Gefahr sind? Wenn es sich um einen Massenmörder handelt? Wenn man sonst selber stirbt?

Plantinum End weist einige deutliche Parallelen zu Allzeit-Hit Death Note auf. Beide Titel teilen sich Fragen nach Gerechtigkeit und ziehen keine klaren Grenzen zwischen „gut“ und „böse“. Ohbas Erzählstil scheint deutlich hindurch, genau wie in Death Note werden auch hier bereits zu Beginn klare Regeln bezüglich der besonderen Fähigkeiten und Gegenstände, die im Rahmen der Geschichte auftauchen, aufgestellt und doch meisterlich manipuliert. Dabei bildet Mirai doch das genaue Gegenteil zu Light. Light zweifelt kaum an der „Gerechtigkeit“ seines Unterfangens, sämtliche Verbrecher zu töten und verfällt zügig in das, was man in der Psychologie einen Gott-Komplex nennt – er will Gott werden. Mirai will das nicht. Alle Türen stehen ihm offen: Nasse selbst (der Engel!) schlägt vor, mit Hilfe der Pfeile nach Herzenslust Leute zu manipulieren, zu töten, oder die Geschwindigkeit seiner Flügel für eine Bankraubserie zu verwenden um „glücklich“ zu werden. Doch das Glück, das Mirai sich vorstellt, sieht anders aus; ein einfaches, alltägliches Glück, das er sich selbst erarbeitet, ohne irgendwelche Tricks.

Die immensen Möglichkeiten, die durch die Pfeile eröffnet werden, regen dabei immer wieder zu Gedanken darüber an, was gerechtfertigt ist. Während man den Komiker, der seine roten Pfeile missbraucht um eine Orgie mit diversen Popsternchen zu veranstalten, noch zügig als Negativbeispiel bewerten kann, sieht es bei vielen Situationen ganz anders aus. Der todkranke Mukaido gibt selber zu, die Pfeile benutzt zu haben, um reiche Personen zu manipulieren seiner schwangeren Frau und seiner Tochter Geld zukommen zu lassen, weil er sie selber bald nicht mehr versorgen kann. Ein weiterer, aufgrund seines Aussehens schwer gemobbter Gottesanwärter verwendet die Pfeile um sich eine ganze Reihe von Schönheits-OPs zu unterziehen. Und der fiese Metropoliman, der bisherige Bösewicht der Geschichte, der rücksichtslos weitere Gottesanwärter umbringt, will als Gott nur seine Schwester wieder zum Leben erwecken…

Gleichzeitig stellt der Titel damit auch die Frage nach dem Glück: Was braucht es, um wirklich glücklich zu werden? Reichtum, Schönheit, Gesundheit? Menschen, die einen lieben? Ein Leben ohne Hass? Auch hier bietet Platinum End nur Möglichkeiten, keine Antworten – und regt genau hier zum eigenen Nachdenken an.

Mit diesen komplexen Fragen und seinen schonungslosen Bildern ist auch dieser Titel des Mangaka-Duos nichts für schwache Nerven. Aber wer sich darauf einlässt, der findet in Platinum End sowohl die Fortsetzung als auch das Gegenstück zu Death Note, dessen Popularität nach wie vor ungebrochen ist. Platinum End umfasst derzeit 6 Bände, die im Verlag Tokyopop erschienen sind, die auch auf ihren Webseiten eine Leseprobe anbieten.

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