Puella Magi Madoka Magica

Puella Magi Madoka MagicaWelcher Wunsch ist dein Leben wert?

Manga und Anime umfassen eine Vielzahl an filmbekannten Genre – aber sie haben auch einige selbst geschaffen. Dazu gehört unter anderem das Genre des Shōnen-Ai – romantische bis sexuelle Geschichten zwischen zwei Männern. Ein weiteres in Manga und Anime beheimatetes Genre ist das Genre des Magical Girl – auf Japanisch Mahō Shōjo.

In einem klassischen Magical Girl-Anime erhält die junge Protagonistin am Anfang der Geschichte durch ein besonderes (aber süßes) Wesen magische Kräfte. Mit Hilfe dieser besonderen Kräfte kann sich die Heldin fortan in ein Magical Girl verwandeln und muss dann mit ihren magischen Fähigkeiten böse Dämonen und andere Fieslinge besiegen, um Familie, Freunde, Stadt und ganz allgemein die Welt zu retten. Im weiteren Verlaufe der Geschichte erhält die Heldin dabei nicht nur immer mächtigere Fähigkeiten gegen die immer fieseren Antagonisten, sondern oft genug auch weitere Magical Girl-Mitstreiterinnen, die mit ihr zusammen gegen das Böse kämpfen. Absolut typisch für dieses Genre sind die Verwandlungsszenen, in denen die Mädchen ihre Alltagskleidung ablegen und dann wie von Zauberhand in ihren magischen Kostümen wieder auftauchen.

Auch darüber hinaus gibt es unter Magical Girl-Geschichten viele Gemeinsamkeiten. Die verschiedenen Magical Girl-Mädchen der Serie haben oft sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, was innerhalb der Gruppe zu Streitigkeiten führt. Letzten Endes müssen sich die Mädchen aber immer wieder vertragen – in den meisten Fällen weil sie erkennen, dass sie ohne die andere keine Chance haben. Freundschaft ist damit ein zentrales Thema. Ein weiterer dominanter Plotstrang ist oft auch die (erste) Liebe. Darüber hinaus sehen die Mädchen sich mit zahlreichen kleineren Problemen konfrontiert: Ärger mit der Familie, schlechte Noten, das Aussehen oder die Problematik des Doppellebens – denn die meisten Magical Girls müssen ihre magischen Kräfte streng geheim halten.

Damit gibt es einige Ähnlichkeiten zum Superheldengenre, aber auch einige zentrale Abweichungen. Beide haben eine Art von Verwandlung, unabhängig davon, ob das nun per Magie oder durch Umziehen in der Telefonzelle stattfindet. Die Transformation in ein Magical Girl ist allerdings auch eng mit einem guten Aussehen verbinden – oft beinhaltet die Verwandlung auch Elemente wie Schmuck oder Make-Up, die gar keine Kampffunktion haben.

Was Puella Magi Madoka Magica aus dem ansonsten eher monotonen Magical Girl-Genre so spannend macht, ist die Tatsache, dass es sowohl alle klassischen Konventionen eines Magical Girl-Animes einhält aber auch gleichzeitig mit ihnen bricht. Aufgrund dieser Tatsache hat die Serie innerhalb der Forschung trotz seines jungen Alters bereits relativ viel Aufmerksamkeit erhalten, manche schreiben ihm sogar ähnlich revolutionäre Tendenzen wie schon dem berühmten Neon Genesis Evangelion zu.

Auf den allerersten Blick wirkt Puella Magi Madoka Magica vollkommen typisch. Ein mysteriöses Wesen, Kyubey, taucht auf und bittet Protagonistin Madoka ein Magical Girl zu werden um das Böse zu bekämpfen: Hexen, die die Schwächen der Menschen ausnutzen und sie letztlich in den Tod treiben. Im Austausch dafür, dass die Mädchen fortan ihr Leben im Kampf riskieren, bietet Kyubey an einen einzigen Wunsch zu erfüllen – was immer es auch sein mag. Das Magical Girl der Stadt, Mami, bietet Madoka und ihrer Freundin Sayaka an, ihr eine Weile bei ihrer Arbeit als Magical Girl zuzusehen, bevor die beiden sich für den unwiderruflichen Vertrag mit Kyubey entscheiden. Als Madoka beobachtet, wie Mamis Kampf gegen eine Hexe eine Frau vor dem Selbstmord rettet, ist sie schwer beeindruckt und möchte auch unbedingt ein Magical Girl werden – auch wenn sie noch nicht genau weiß, was sie sich im Austausch dafür wünschen soll. Die erste zentrale Abweichung der Serie von klassischen Magical Girl ist also die Tatsache, dass die Protagonistin nicht mit der Beginn der Serie ein Magical Girl wird.

Episode 3 stellt einen zentralen Wendepunkt in der Geschichte dar. Von der ersten Vorstellung von Mamis Kampffähigkeiten immens beeindruckt, folgen Sayaka und Madoka Mami auf eine weitere Hexenjagd. Hier folgt die zweite drastische Abweichung: Mentorin Mami stirbt in diesem Kampf und wird von der Hexe gefressen.

Madoka und Sayaka sind geschockt – reagieren aber jeweils ganz anders. Madoka, die eigentlich begeistert von der Idee war als Magical Girl Menschen helfen zu können, ist jetzt zu eingeschüchtert, um den Pakt mit Kyubey einzugehen. Sayaka dagegen ist sich der Gefahr bewusst und wird trotzdem eins. Im Gegenzug dafür wünscht sie sich dass ihre heimliche Liebe, ein angehender aber schwer verletzter Musiker, wieder genest. Diese selbstlose Einstellung stößt vor allem Kyoko übel auf, die in die Stadt kommt um Mami als Magical Girl zu ersetzen. Kyoko hat keinerlei Probleme damit, die Hexen wachsen zu lassen, damit sich die Jagd auf sie auch lohnt – auch wenn sie dabei Menschenleben gefährdet. Später kommt heraus, dass Kyoko ursprünglich mit einem ähnlich selbstlosen Wunsch wie Sayaka ein Magical Girl geworden ist, dieser Wunsch sich aber letztlich umgekehrt und ihre gesamte Familie in den Tod gestürzt hat.

Was folgt sind mehrere dramatische Ereignisse, die nach und nach das dunkle Geheimnis der Magical Girls enthüllen. So kommt heraus, dass der Körper der Mädchen eigentlich nur noch eine Hülle ist und ihre Seele in dem Stein steckt, den die Mädchen zur Verwandlung verwenden. Angewidert über die Tatsache, dass sie nun Zombies sind und zusätzlich geschockt darüber, dass eine Freundin Sayakas heimliche Liebe für sich gewinnt, wird Sayaka zunehmend depressiv. Sie verwandelt sich schließlich in eine Hexe. Kyubey klärt auf: Wenn die Verzweiflung der Magical Girls Überhand gewinnt, dann werden sie zu Hexen – letztlich bekämpfen Magical Girls also Mädchen, die selber einmal Magical Girls waren. Kyoko und Madoka unternehmen einen verzweifelten Versuch die Hexe Sayaka wieder zu Verstand zu bringen – ohne Erfolg. Kyoko opfert sich am Ende, um Hexe Sayaka zu töten.

Zusätzlich kommt hinzu, dass eine besonders mächtige Hexe, Walpurgis, auf den Weg in Madokas Heimatstadt ist. Sie ist das erklärte Ziel von Homura. Homura ist das mysteriöseste aller Magical Girls. Sie hält Madoka gleich mehrere Male davon ob, trotz aller Krisen ein Magical Girl zu werden und scheint bereits vor Kyubeys Enthüllungen vom dunklen Schicksal der Magical Girls zu wissen. Im Laufe der Narration kommt heraus, dass Homura die Fähigkeit hat die Zeit zu manipulieren. Tatsächlich hat sie dieselbe Zeitspanne – vom Auftauchen Kyubeys bei Madoka bis zum Kampf gegen Walpurgis – bereits etliche Male durchlebt, jedes Mal mit verschiedenen Ausgängen. Als die Mädchen das erste Mal herausfanden, dass Kyubey sie hereingelegt hat – dass sie selber die Hexen werden – bat Madoka Homura darum, ihr vergangenes Ich daran zu hindern ein Magical Girl zu werden. Seitdem reist Homura jedes Mal wieder in der Zeit zurück, um die Verwandlung Madokas zu verhindern und gleichzeitig selber Walpurgis zu besiegen.
Auch dieses Mal ist Homura nicht stark genug. Langsam droht sie die Verzweiflung zu übermannen und sie in eine Hexe zu verwandeln. Da findet Madoka endlich ihren Wunsch: Im Austauch für die Fähigkeit sämtliche Hexen auszulöschen, wird sie ein Magical Girl. Durch den immensen Wunsch und durch das diverse Karma, das Homuras Wiederholungen bei Madoka gesammelt haben, wird Madoka zu einem gottgleichen, übermächtigen Wesen. Sie kann die Welt retten, ist aber fortan übermenschlich und muss – im All? In einer höheren Dimension?  – verweilen. Die gesamte Existenz von Madoka wird aus den Köpfen der Menschen gestrichen, es ist so, als habe sie nie gelebt. Madoka beschützt damit also jetzt die Menschen – aber zu welchem Preis?

In der Serie Puella Magi Madoka Magica steckt ein gewaltiges Analysepotential. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Serie an Goethes Faust angelehnt ist. Neben narrativen Parallelen wie dem Pakt mit dem Teufel (Kyubey) gibt es auch diverse deutschsprachige Anspielungen, wie zum Beispiel die Hexennamen oder die Dokumente in Homuras Zimmer.

Daneben wirft der Plot auch ernste Fragen auf: Für welchen Wunsch ist man bereit alles zu riskieren? Was ist wertvoll genug, sein Leben zu opfern? Es ist eine kritische Entscheidungssituation und jedes der Magical Girls findet letztlich seine ganz eigene Antwort darauf.

Auch stilistisch ist Puella Mago Madoka Magica eine echte Herausforderung. Studio Shaft pflegt ohnehin bereits einen sehr eindeutigen und verfremdeten Stil, der hier einen ganz neuen Höhepunkt erfährt. So wird die Hexenwelt mit einer an Papieranimation erinnernde Technik dargestellt und grenzt sich damit auch visuell deutlich ab. Hinzu kommen ein ganzes Plethora an Jump-Cuts, verfremdenden Einstellungen und merkwürdigen Details, was die Serie auch visuell zu einem echten Erlebnis macht.

Puella Magi Madoka Magica genießt einen immensen Erfolg und bietet neben verschiedenen Manga-Reihen – die teilweise auch die Geschichten anderer Magical Girls erzählen und von denen einige auch in Deutschland im Verlag Carlsen erschienen sind – auch drei Filme. Ähnlich wie bei Evangelion fassen die ersten zwei Filme im Wesentlichen die Ereignisse der Serie zusammen. Wirklich interessant ist aber vor allem der dritte Film, der auch hierzulande erhältlich ist. Dabei wird erst am Ende des Films klar, was eigentlich passiert: Nach einigen verwirrenden Ereignissen entdeckt Homura, dass sie selber eine Hexe geworden ist und sich die Ereignisse bis hierhin tatsächlich nur in ihrem Verstand abgespielt haben. Am Ende des Films kommt Göttin Madoka, deren Aufgabe und Fähigkeit es nach ihrem Wunsch aus der Serie ist Magical Girls zu erlösen bevor sie Hexen werden. Völlig unerwartet und besessen von Madoka verschlingt Homura diese und verwandelt sich in eine Art dunkles Gegenstück von Madoka – erheblich mächtiger als ein reguläres Magical Girl – und schließt deren Existenz in ihrer eigenen kleinen Welt ein, damit die eigentlich übermenschliche Madoka nun immer bei ihr bleibt. Wer weiß, ob das noch eine Fortsetzung gibt…?

 

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