Reaktor 1 F – Ein Bericht aus Fukushima

reaktor1fWie wird Fukushima eigentlich aufgeräumt? 

Fukushima ist eigentlich der Name einer japanischen Großstadt und einer Präfektur auf der japanischen Hauptinsel Honshu,  ca. 250 von Tokio entfernt. Seit dem 11. März 2011 ist Fukushima aber auch gleichbedeutend mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima, bei welcher es in Folge eines Erbebens und eines Tsunamis im nahe liegenden Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu mehreren Unfällen und Störungen kam. Es ist der schlimmste atomare Unfall seit Tschernobyl.

Jetzt, Jahre später, hört man nur noch wenig von Fukushima in Europa. Nichtsdestotrotz erscheinen derzeit die ersten Manga in Deutschland, die sich den Ereignissen rund um Fukushima widmen. Einer davon ist Daisy aus Fukushima, der sich vor allem den Konsequenzen für die Anwohner, deren Ängsten und Sorgen, widmet. Einen ganz anderen Ton schlägt Kazuto Tatsuta in seinem Werk Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima an. Reaktor 1F gehört zu den Manga, die man als Sach- oder Dokumentarmanga bezeichnet. Schon damit ist das Werk eine kleine Besonderheit, denn Manga, die ihren Schwerpunkt auf Wissensvermittlung legen, erreichen nur selten das Ausland. Auch in dem inzwischen immensen deutschsprachigen Manga-Angebot gibt es bis heute kaum Sachmanga, obwohl diese in Japan ein etabliertes Genre bilden.

Der Untertitel, Ein Bericht aus Fukushima, ist Programm. Mangaka Tatsuta ist einer der zahlreichen Menschen die Fukushima aufräumen – und in seinem Manga berichtet er von seinen Eindrücken, Erlebnissen und seinem Arbeitsalltag. Denn Tatsuta ist vor allem eines: ein Arbeiter. Wenn er von Fukushima redet, dann geht es ihm nicht um Opferzahlen, um Konsequenzen der Strahlung für Mensch und Umwelt oder gar um Politik, sondern um Schutzkleidung, Wohnungsprobleme und um die Streitereien zwischen den verschiedenen mit den Aufräumarbeiten beauftragten Firmen.

Es ist genau diese Perspektive, die Tatsutas Bericht so interessant macht. Detailliert beschreibt er verschiedenste Elemente rund um die Arbeit in Fukushima. Die mühselige Prozedur des Anziehens der Schutzkleidung, darunter beispielsweise verschiedene Maskenarten, sowie das Passieren von diversen Checkpoints und Kontrollen um das Gelände überhaupt betreten zu dürfen. Von dem Problemen als Arbeiter „vorsorglich“  von Sub-Sub-Sub-(und noch mehr)-Unternehmen) angeheuert werden, dann aber tagelang keine zu Arbeit haben, weil Arbeitskräfte nur spontan gebraucht werden – aber trotzdem während dieser Zeit für Kost und Logis zahlen zu müssen. Von den Arbeitstagen, in denen die zulässige Strahlendosis pro Tag bereits nach einer Stunde erreicht wurde, man aber auf die anderen warten muss, weil die Gruppe nur gemeinsam das Gelände verlassen darf. Selbstverständlich muss dann die Arbeitskleidung in einer ebenso aufwendigen Prozedur wie vom Morgen wieder abgelegt werden. Auch Band 2 setzt dort wieder an: Tatsuta sucht dieses Mal einen Job direkt im 1F, im Hochstrahlungsbereich, an den man tatsächlich durch das komplexe Hin und Her von Unternehmen, Sub-Unternehmen und Sub-Sub-Unternehmen nur durch eine reichliche Menge an Vitamin B gelangt – Tatsuta selbst vergleicht es mit einem Drogendeal, bei welchem sich die Kollegen auf Toiletten und geheimen Notizzetteln Hinweise auf neue Stellen geben. Stellenweise kommentiert Tatsuta auch seine Arbeit als Mangaka. Das Erscheinen von Reaktor 1F hat sowohl in Japan als auch im Ausland für reges Interesse ausgelöst, infolgedessen Tatsuta auch zahlreiche Interviews gegeben hat. Die Journalisten widmen sich, wie er selber auch etwas humorvoll feststellen muss, ganz unterschiedlichen Schwerpunkten: einer fragt alleine nach der Strahlung, ein zweites Duo ist besonders erschrocken über die Arbeitszustände, eine Dritte erklärt ihn zum Helden und würde ihn gerne in der UNO sehen. Und manchmal sind es auch nur die kleinen Dinge – zum Beispiel von der Unmöglichkeit, sich unter dem Schutzmasken an der Nase kratzen zu können. Tatsua erzählt nüchtern von seinem Arbeitsalltag.

Diese Nüchternheit wird auch durch seinen Zeichenstil betont, der sich deutlich von den aktuell geläufigen Stilen unterscheidet. Wer sich in der Materie auskennt, der wird hier den klassischen alten Shonen-Stil sehen: die Panels klar rechteckige, klare Kanten, dickere schwarze Linien und eine gewisse Eckigkeit bestimmen das Bild. Insbesondere die Gesichter der Figuren werden hervorstechen, denen die derzeit so typische Feinheit fehlt und die stattdessen bewusst jede Falte zeigen. Es geht in keiner Weise darum zu ästhetisieren. Was aus aktueller Sicht etwas befremdlich und womöglich auch veraltet erscheint, entwickelt seine volle Wirkungskraft außerhalb der Figuren – in den Details des Materials, den weiten Panels voll überwucherter Umgebung und den Blicken auf die zerstören Gebäude. Aufgrund der aufwendigen Erklärungen, die Reaktor 1F immer wieder bietet, gibt es stellenweise mehr Text als man es von Manga normalerweise gewohnt ist. Auffällig ist außerdem die helle Gestaltung der Seiten. Schwarz und Rasterfolie wird nur spärlich verwendet, sodass Reaktor 1F trotz seines eigentlich düsteren Themas eine mitunter unerwartete Leichtigkeit ausstrahlt.

Es ist genau dieser – deplatzierte? – Optimismus, der für einiges an Kritik gesorgt hat, wie auch Stéphane Beaujean, Journalist und Comickritiker, in seinem Vorwort zum zweiten Band festhält. Reaktor 1F ist kein Manga der gegen Atomkraft protestiert. Wenn man bedenkt, dass die Atomkatastrophe von Fukushima die Debatte um den Atomausstieg Deutschlands ganz neu entfachte und letzten Endes mit dem stufenweisen Ausstieg bis 2022 endete, behält Tatsuta eine für uns so fremde, vergleichsweise positive Einstellung zur Nuklearenergie. Tatsuta – und wohl auch seine Kollegen – sehen in der Atomenergie trotz der Katastrophe nichts grundsätzlich Gefährliches. Keiner verlangt, aus der Atomenergie auszusteigen. Diese Art von – aus westlicher Sicht – merkwürdiger Verklärung ähnelt auffällig Japans Umgang mit seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg. Nach den Abwürfen der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki sieht Japan sich mehr in der Opfer- anstelle der Aggressorrolle, die es eigentlich einnahm. Bis heute gibt es, ganz anders als in Deutschland, keine seriöse Aufarbeitung von Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg, sodass ältere Japaner in Amerika nach wie vor den Feind sehen, während die jungen Generationen praktisch nichts über die Ereignisse wissen. Anne Frank im Land der Mangas setzt sich ausführlich mit dieser Problematik auseinander. Beaujean warnt in seinem Vorwort aber auch davor zu orientalisieren und den Manga stattdessen als das zu nehmen, was er ist: ein Bericht eines Arbeiters aus Fukushima.

Reaktor 1F eignet sich hervorragend dazu, eine ganz andere Perspektive der Katastrophe oder auch der Atomkraft im Allgemeinen kennenzulernen und ist besonders lehrreich, wenn man sich für die zahllosen akribischen Abläufe, die Aufgaben und der Ausrüstung der Arbeiter interessiert. Tatsuta erzählt zusätzlich zwar keine geradlinige Geschichte, was beim Lesen zwischendurch für einige Dopplungen sorgt. Allerdings ist es so auch ohne größere Schwierigkeiten möglich, einzelne Kapitel oder Abschnitte des Manga, die vor allem thematisch gegliedert sind, getrennt zu behandeln.

Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima erscheint bei Carlsen Manga. Derzeit sind zwei Bände erschienen, der dritte und letzte Band ist für Februar 2017 angekündigt.

 

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