Terror in Tokio

Terror in TokioEin Lächeln wie der Sommer und ein Blick wie Eis

An Lisas Schule tauchen zwei neue Schüler auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch haben sie eines gemeinsam: Sie sind Terroristen. Während eines Schulausflugs beobachtet Lisa, wie die beiden an strategischen Punkten des Gebäudes Plüschtiere platzieren. Der Strom fällt aus, die Leute beginnen zu evakuieren – dann explodieren die Plüschtiere und bringen das Gebäude zum Einsturz. Lisa, unwissend und in dem Chaos gefangen, wird vor die Wahl gestellt: Entweder schließt sie sich ihnen an oder sie stirbt. Lisa entscheidet sich zu leben.

Die nachfolgenden Episoden von Terror in Tokio orientieren sich an einer klassischen Detektivstory: Während die beiden Terroristen – die sich Nine und Twelve nennen – minutiös ihre nächsten Anschläge planen, versucht die Tokioter Polizei sie zu schnappen. Insbesondere der eigentlich in Missgunst gefallene Inspektor Shibazaki ist den beiden auf der Spur. Im Laufe der Narration und den weiteren Anschlägen von Nine und Twelve wird jedoch klar, dass sie keine gewöhnlichen Terroristen sind: Sie wollen geschnappt werden und zusätzlich scheinbar jeden Personenschaden vermeiden. Das wollen sie über ein Katz-und-Maus-Spiel erreichen, in welchem Nine und Twelve per Videobotschaft immer wieder Rätsel der Polizei zukommen lassen, die den nächsten Anschlagsort verraten. Diese Rätsel beziehen vor allem auf griechische Mythologie, insbesondere die Geschichten um Ödipus. Diese geben Shibazaki nach und nach mehr Fragen über die eigentlichen Ziele der Täter auf. Als sich die Anschläge mehren, kommt sogar das FBI mit einer Einheit nach Japan – darunter auch das mysteriöse Mädchen Five, der skrupellos jedes Mittel recht ist um Nine zu stellen.

Während Nine und Twelve ihre nach wie vor auch für den Zuschauer geheimen Pläne verfolgen, brechen immer wieder Diskussionen über Lisas Anwesenheit aus. Aus Angst, ein Klotz am Bein zu sein, läuft Lisa weg – und wird prompt von Five gefangen genommen. Five benutzt sie als Druckmittel. Nine bittet Twelve nicht in diese offensichtliche Falle zu tappen, aber er geht trotzdem; sie trennen sich im Streit. Nine stellt sich daraufhin der Polizei und verlangt eine Pressekonferenz.

Währenddessen stellen Shibazaki und sein junger Kollege weitere Nachforschungen über mögliche Motive der beiden an. Durch einen Insider erfahren sie letztlich von einem geheimen Projekt – eine Forschergruppe hatte ein neuartiges Mittel entdeckt, dass das Savant-Syndrom bei Kindern auftreten lässt: Inselbegabungen, durch die die Betroffenen in bestimmten Teilbereichen zu immensen Leistungen fähig sind. Forschung und Politik wollten solche Kinder erschaffen, um Japan nach der Niederlage im 2. Weltkrieg wieder aufblühen zu lassen – allerdings starben die meisten Kinder bei den Experimenten. Fassungslos stellen Shibazaki und sein Kollege fest, das Nine und Twelve zwei der insgesamt nur drei überlebenden Kinder sind. Das dritte ist Five.

Die Lage spitzt sich zu als herauskommt, dass die merkwürdige Kapsel, die Nine und Twelve gleich zu Beginn der Serie gestohlen haben, nicht wie erwartet Plutonium, sondern eine Atombombe beinhaltet. Als Nine durch diverse Verstrickungen nicht zu der angekündigten Pressekonferenz erscheinen kann, startet automatisch ein Mechanismus, der diese Bombe in die Stratosphäre aufsteigen lässt. Dort angekommen explodiert sie – ohne Menschen zu töten oder sie der Strahlung auszusetzen, aber stattdessen sämtliche elektronische Geräte im Umfeld zu zerstören.

Lisa, Twelve und Nine werden schließlich von Shibazaki  gestellt. Er hat erkannt, dass Nine und Twelve sich vor allem eine Bühne für ihre Enthüllungen über das besagte Forschungsprojekt wollten. Plötzlich tauchen die Einheiten der USA auf und erschießen Twelve, kurz danach erliegt auch Nine den Konsequenzen der Experimente, denen er als Kind ausgesetzt war. Shibazaki verspricht, dass die Welt die Botschaft der beiden hören wird.

Terror in Tokio fesselt vor allem deswegen, weil das Ziel von Nine und Twelve lange völlig unklar bleibt. Entgegen vieler moderner Anime wird auf eine ausführliche Darstellung der Gefühlswelt der beiden – z.B. in Form von inneren Monologen – verzichtet. Der Zuschauer tappt bezüglich dieser beiden ebenso im Dunkeln wie Lisa und die Polizei. Obwohl das die Serie auch narrativ spannend macht, ist ebenso denkbar, dass die fehlenden Gedankengänge ein Symptom des Savant-Syndroms darstellen sollen, welches mit verminderten sozialen Fähigkeiten einhergeht.

Die Themen, die Terror in Tokio anspricht, sind radikal: Zum einen wird hier der wohl bekannteste Artikel der japanischen Verfassung, Artikel 9, klar verletzt. Artikel 9 untersagt Japan als Nation den Krieg, auch Streitkräfte und Kriegsmittel sind verboten – also auch Atombomben.  Dabei wird auch der Atombombenangriff auf Hiroshima selbst narrativ  (nicht visuell) aufgegriffen, als Shibazaki sich an seine Kindheit in eben jener Stadt erinnert.
Zum zweiten wird sehr konkret Japans Niederlage im 2. Weltkrieg angesprochen, was eher untypisch für Anime ist. Im Gegensatz zu Deutschland hat Japan seine Kriegsgeschichte nie so intensiv und umfangreich aufgearbeitet und sieht sich aufgrund des Atombombenabwurfs oft in der Rolle als Opfer, nicht als Aggressor. Dementsprechend gibt es verhältnismäßig viele Anime, die innerhalb ihrer Narration Spannungen zwischen Japan (als Opfer) und den USA (als Besatzer) beinhalten, die oft als das Andere, als Gegenspieler präsentiert werden. Auch in Terror in Tokio sind die USA mehr Feind als Freund, es sind amerikanische Streitkräfte, die Twelve erschießen – obwohl Shibazaki sie schon gestellt hat. Ebenso drängt sich das FBI ungebeten in die Ermittlungen.
Ein weiteres, ebenfalls oft in Anime aufgegriffenes Problemfeld ist das der Menschenexperimente:  Um das besiegte Japan wieder unabhängig zu machen, setzte man hier bewusst Kinder unmenschlichen Experimenten aus. Und, wie es so üblich ist – als der Plan fehlschlug wurde alles vertuscht; wer damit an die Öffentlichkeit wollte wurde umgebracht. Nine und Five leiden in der Konsequenz dieser Experimente immer wieder unter einer Art Anfall, hören unangenehme Töne und müssen sich die Ohren zuhalten.  Darin besteht auch eine Anspielung auf den Originaltitel Zankyō no Terror, der in der deutschen Übersetzung leider verloren gegangen ist. Zankyō bedeutet so viel wie Echo oder Nachklang, wodurch sich der Titel als Terror im Echo übersetzen lässt. Während der deutsche Titel Terror in Tokio vor allem auf die Anschläge von Nine und Twelve anspielt, spricht Zankyō no Terror eine andere Ebene an – nämlich jenen Terror, den Nine und Five  mit ihren Anfällen und Erinnerungen an die Zeit in dem Forschungsinstitut immer wieder durchleben müssen. Unter dieser Perspektive ist auch die aggressive Five nur ein Opfer.

Abgesehen von der so untypischen Undurchsichtigkeit von Nine und Twelve und den prekären Themen besticht Terror in Tokio vor allem durch eines: seinen Realismus. Anime und Realismus sind ein ewiger Diskurs in der Forschung – insbesondere Hintergründe und Technisches werden im Anime oft realistisch präsentiert, die Figuren sind aber deutlich stilisiert. Der Realismus von Terror in Tokio greift auf zwei Ebenen. Zum einen sind die Anschläge, die Nine und Twelve verüben, praktisch durchaus umsetzbar. Sie greifen auf bekannte Mittel zurück: Sie kaufen über Amazon ein, ihre Videobotschaften werden in einem Portal hochgeladen, dass Youtube zumindest verdächtig ähnlich sieht, es wird getwittert und programmiert und alle Onlineaktivitäten werden mit TOR verschlüsselt. Wer sich in Tokio auskennt wird außerdem bemerken, dass es sich bei allen Anschlagszielen um real existierende Orte und Gebäude handelt. Zum anderen ist die Serie auch auf einer visuellen Ebene realistisch. Während für Manga und Anime oft die typischen Figurendeformierungen genannt werden und überdeutliche, Comic-artige Symbole wie Schweißtropfen und Zornesadern zur Darstellung von Emotionen verwendet werden, verzichtet Terror in Tokio auf all diese „Anime-typischen“ Elemente – und wird dadurch ganz und gar untypisch. Durch den Verzicht auf die abstrahierende, aber bekannte visuelle Sprache von Manga und Anime erfährt Terror in Tokio einen ungeahnten Grad an Realismus. Lisa als Mädchen ist kein stereotypes, attraktives Anime-Mädchen, es gibt zwischendurch keine Gag- oder Comedy-Szenen, die das Geschehen auflockern, nicht die typischen Symbole. Die Serie ist damit einer der realistischsten Anime die es bis heute gibt.

Terror in Tokio greift damit viele komplexe Themen auf: die Atombomben und Japan, die Beziehung zwischen Japan und Amerika, Kinderexperimente und vor allem der Terror. Die hier präsentierten Terror-Anschläge sind allerdings wenig geeignet, um den religiös motivierten Terror aufzugreifen, der die Welt derzeit bewegt. Nine und Twelve sind zwar ohne Frage Terroristen – aber sie sind auch die Guten. Sie wollen nicht wahllos töten und Angst und Schrecken verbreiten. Ihr eigentliches Ziel ist letzten Endes vor allem Aufmerksamkeit, um vor ihrem nahenden Tod die Möglichkeit zu haben, diese extremen Vergehen der (fiktiven) japanischen Regierung aufzudecken.
Das wirft allerdings ganz andere Fragen auf: Gibt es Situationen, in denen Terror gerechtfertigt ist? Wären Nine und Twelve einfach zur Polizei gegangen, hätte man ihnen die Geschichte über eine mit Menschen experimentierende Regierung wohl nicht geglaubt. Wenn der korrupte Staat selbst an den Pranger gestellt werden soll, ist Terrorismus der richtige Weg? Terror in Tokio gibt keine Antwort darauf. Zwar haben Nine und Twelve es letzten Endes geschafft, die Steine für entsprechende Untersuchungen zum Rollen zu bringen – aber wohl niemand wird den immensen Sachschaden, den die beiden verursacht haben, gutheißen. Eine mögliche Interpretation gibt es aber doch: Während die Polizisten sie vor allem als Terroristen sehen, werden Nine und Twelve unter der jungen Bevölkerung zu einer Art Symbol. Shibazaki erinnert das daran, dass man die Studenten in den 60ern auch erst als eine Art Terrorist verstanden hat.  In den japanischen Studentenaufständen protestierten die Studenten zunehmend gegen Regierung und System – während diese von Autoritäten zunächst kritisiert wurden, lösten sie aber wie die 68er-Bewegung einen Paradigmenwechsel aus, den man heute insgesamt als Verbesserung und Fortschritt begreift. Womöglich werden Nines und Twelves Taten also irgendwann auch als Auslöser für eine positive Wandlung betrachtet?

Aufgrund seiner narrativen Dichte und Verstrickung ist es unmöglich, vereinzelt Episoden aus dem Anime aufzugreifen ohne den Kontext dabei zu verlieren. Und obwohl Terror in Tokio ausdrücklich Schwerverletzte meidet ist die Serie aufgrund der sensiblen Thematik eher für ein älteres Publikum gedacht.

Insgesamt ein anspruchsvoller Titel mit empfindlichen Themen.

 

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