The End of the World

Übernimmst du Verantwortung?

Ryu, Azusa und Teppei sind ein seltsames Dreiergespann. Azusa ist ein schüchternes Mädchen, das gerade erst in die Stadt gezogen ist, nachdem sie an ihrer alten Schule gequält wurde. Ryu ist ein stiller Typ und Eisenbahn-Fan, der von seinen Mitschülern gemobbt wird. Und Draufgänger Teppei, der beliebteste Junge der Klasse und Ryus Hauptpeiniger, ist Azusas Freund – und gleichzeitig auch ihr Peiniger, denn Teppei ist alles andere als fürsorglich.

Die Dinge eskalieren, als Ryu und Azusa sich begegnen: Beide sind auf einer Wellenlänge und entwickeln schnell erste Gefühle füreinander. Teppei, rasend vor Wut, markiert seinen Besitzanspruch an Azusa mit einer Haarnadel und drängt sich ihr auf dem einsamen Schuldach auf. Ryu kommt gerade noch rechtzeitig um sie zu retten, doch im entstehenden Handgemenge stürzen Ryu und Teppei beinahe vom Dach und werden nur noch durch Azusa gehalten. Teppei beginnt absichtlich an Azusa zu ziehen, um alle drei nach unten stürzen zu lassen. In einer letzten verzweifelten Aktion greift Ryu nach Azusas Haarnadel und stößt sie Teppei in den Handrücken – Teppei lässt los und fällt. Er ist tot.

Das ist der Auftakt zu The End of the World. Danach beginnt der lange Kampf für Ryu und Azusa. Zuerst wollen beide sich stellen. Aber Ryu erinnert Azusa daran, dass sie ihren Eltern – die extra wegen ihr in eine neue Stadt gezogen sind – nicht weiter zur Last fallen wollte und will sich allein stellen. Azusa leitet daraufhin die Schritte ein, Teppeis Tod wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Ihr Klassenlehrer Tazawa kommt ihnen aber schnell auf die Schliche. Als er mittels eines Tests Blut an der Haarnadel nachweisen kann, drängt er sich Azusa auf. Ryu gelingt es Fotos von dem Überfall zu schießen und so nutzen die beiden die Situation, Tazawa als Mörder von Teppei hinzustellen. Währenddessen wird der Pädagoge Ariake an die Schule geschickt, um das Mobbing-Problem zu lösen, aber auch er nimmt stattdessen eigene Untersuchungen auf. Als Ryus Kindheitsfreundin Mizuho zufällig das Originalfoto bei Ryu findet, gibt sie Ariake den entscheidenden Tipp. Die Polizei schafft es aber trotzdem nicht ihm etwas nachzuweisen. Azusa lädt währenddessen eben dieses Foto im Internet hoch, was sie prompt zum Opfer weiterer sexueller Belästigungen macht. Ryu und Azusa beschließen, einander bis zum Schulabschluss zu meiden. Der Plan scheint aufzugehen, aber einen Monat vor ihrem Abschluss kündigt Ariake an, die Täter zu schnappen. Ryu und die inzwischen wieder gemobbte Azusa inszenieren daraufhin einen Überfall, bei dem Ryu sie absichtlich verprügelt. Ariake durchschaut den Plan – aber nicht sein Umfeld. Letzten Endes müssen Ryu und Azusa von ihrer Abschlusszeremonie fliehen und schaffen es bis zu dem Bahnhof, von dem sie die ganze Zeit gemeinsam geträumt haben. Ryu gelingt es noch Azusa in die Bahn zu bringen, bevor er sich von der Polizei festnehmen lässt. In den Jahren danach besucht Azusa die Highschool – andere Schüler entdecken aber ihr Foto, auf dem Tazawa sie scheinbar belästigt. Ihr Mobbing beginnt von Neuem. Ryu wurde von seiner Highschool abgelehnt. Er muss stattdessen jobben, das gemeinsame Haus von ihm und seinem Opa ist über und über mit wüsten Beschimpfungen beschmiert. Erst Jahre später sehen die beiden sich wieder.

Die Besonderheit von The End of the World ist nicht nur die unerwartet ernste Story im klassisch-verträumten Shojo-Stil. Stattdessen vermeidet die Geschichte es einen Schuldigen zu finden. Azusa und Ryu waren beide Mobbing-Opfer, die aus Notwehr gehandelt haben. Aber Teppei, der von seiner Mutter stets eingetrichtert bekam dass er der Schönste sein müsse, wollte Azusa mit der Haarspange eigentlich tatsächlich näher kommen. Teppeis Mutter wurde von ihrem Mann verlassen und ist deswegen so auf ihr Aussehen fixiert. Azusas Eltern sorgen sich um ihre Tochter, aber in dem verzweifelten Wunsch sie möge ein „normales“ Leben haben, geben sie Azusa keine Möglichkeit ihre Sorgen auszusprechen. Ariake ist nur Pädagoge, weil er selbst eine Schülerin schwängerte, die während der Geburt dann verstarb. Mizuho, die ihren Kindheitsfreund verpetzte, ist hin- und hergrissen zwischen ihrer Moral und ihrer Verantwortung als Freundin. Und Lehrer Tazawa, dem zu Unrecht Teppeis Tod angelastet wurde, wollte sich auch gar nicht Azusa aufdrängen, sondern tatsächlich helfen – hatte aber auch nie den Mut, Ryu vor seinen Mobbern zu retten.

Damit gibt es schlicht keinen Schuldigen. Jede Figur hat eigentlich keine bösen Absichten, auch wenn sie das teilweise nicht ausdrücken können. Stattdessen handelt es sich mehr um  unglückliche Verkettungen der Ereignisse und Missverständnisse – und gerade das ist es, was The End of the World so erschreckend macht. Schuld wird bei so vielen gesucht und gefunden, dass man letzten Endes nicht mehr von einem Schuldigen sprechen kann. Selbst der unsympathische Teppei, der hier sowohl das eigentliche Opfer als auch der bedeutendste Bösewicht ist, ist letzten Endes auch nur Spielball seiner Umstände gewesen.

Trotz dieser ernsten Story – oder gerade deswegen – verwendet Mangaka Makino einen eindeutigen Shojo-Stil: Gut aussehende Figuren, große Augen, variable Paneldesigns und eine insgesamt helle, mehr weiße Bildgestaltung dominieren. Aber wo sich andere Shojo-Heldinnen sonst in mit Blumen, Seifenblasen und langen inneren Monologen ausgeschmückten Tagträumen über die erste Liebe verlieren, bleibt The End of the World in der Realität. Ausschmückungen und Dekorationen bleiben aus. Es ist diese gedämpfte Art des Shojo-Form, die es Makino erlaubt eine dermaßen ernste Story trotz des ansonsten so verspielten Shojo-Stils überzeugend zu erzählen.

The End of the World ist in vier Bänden beim Verlag Tokyopop erschienen, die auf ihrer Webseite auch eine Leseprobe anbieten.

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