The One I Love

The One I LoveDie Formen der Liebe

The One I Love ist ein älterer Sammelband mit insgesamt 12 Kurzgeschichten rund um das Thema Liebe aus der Hand des Mangaka-Quartetts CLAMP, die unter anderem auch Werke wie xxxholic oder Tsubasa produziert haben.

Die verschiedenen Kurzgeschichten – alle nur jeweils wenige Seiten lang – widmen sich verschiedenen Perspektiven und Verständnissen von Liebe. Dabei handelt es sich aber nicht um die kitschige Form von (idealisierter) erster Liebe, wie sie sonst in Shojo-Manga, also den Manga für junge Mädchen, so üblich ist. Die hier vorgestellten Pärchen sind nicht nur an sich sehr unterschiedlich, sondern befinden sich auch in verschiedenen Beziehungsphasen – so geht es sowohl ums „Verlieben“ als auch ums „Verliebt bleiben“ und sogar um „Ehe“. Da ist beispielsweise die 24-Jährige, die gerade erst wegen ihres Alters abgewiesen wurde, nun aber von einem Jüngeren eingeladen wird und deswegen Bedenken hat. Da ist das Pärchen mit der Fernbeziehung, wobei sie sich Sorgen macht, dass die Gefühle wegen der Distanz zwischen ihnen schwinden werden. Da ist das Mädchen, das am Valentinstag – an welchem Mädchen und Frauen in Japan traditionell verschiedene Schokoladen an ihre Liebsten verschenken – ihre Liebe gesteht. Da ist die Braut, die am Hochzeitstag befürchtet, dass sie sich verändern und ihre Ehe deswegen scheitern wird.

Es sind die kleinsten aber auch größten Sorgen, die die Frauen dieser Kurzgeschichten herumtreiben. Die unterschiedlichen Kapitel vermitteln, dass Liebe in verschiedensten Formen auftritt und dass sie uns alle irgendwie glücklich macht, dabei aber auch ganz besondere Sorgen zu Tage treten lässt. Die schlichte Gestaltung betont, dass es nicht immer es nicht immer die Liebe auf den ersten Blick ist, dieses urplötzliche Eintreten von Verliebtheit; der große Streit an dem alles zu zerbrechen droht oder gar irgendwelche Rivalinnen, die den (potentiellen) Freund wegzuschnappen drohen – all diese Elemente, die eigentlich für den Mädchenmanga typisch sind. The One I Love vermittelt vielmehr, dass es kleine, unscheinbare Dinge sind, die Liebe ausmachen und aus denen sie wächst – ohne unnatürlich übertriebenes Drama oder Momente, in denen der Prinz die holde Jungfrau heldenhaft rettet.

Gleichzeitig sind die Geschichten aber nicht biederernst, sondern haben einen leichten, humorvollen Unterton. Das liegt zum einen an dem hellen Design der Seiten: Die dominante Farbe ist weiß, selbst mit Rasterfolie wird kaum gearbeitet. Diese durchweg leichte, unaufdringliche Gestaltung der verschiedenen Geschichten erzeugt eine lockere Atmosphäre. Auch diese trägt zum anderen dazu bei, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Die für den Manga und Anime so typischen Figurendeformierungen kommen in nahezu jedem Beispiel vor und verdeutlichen schön, wie sie sich die Figuren ihre eigenen Gedankenfallen stellen. Denn: The One I Love arbeitet hauptsächlich mit innerem Monolog. Die Geschichten konzentrieren sich ausschließlich auf die Gedankenwelt der verschiedenen Heldinnen – Aktion und tatsächlicher Dialog werden so gut es geht gemieden. Selbst die jeweiligen Partner der Figuren spielen eine extrem untergeordnete Rolle; sie treten nur kurz auf und es gibt keinerlei Einblick in deren Gedankenwelt.

Was man unter Umständen auch als Manko sehen könnte – es machen sich schließlich nicht nur Frauen Gedanken um die Liebe – muss man hier eher als eine besondere Perspektive begreifen. So wie die Heldin und jeder Verliebte immer mit der Unsicherheit leben muss, dass man nicht genau wissen kann was im Kopf des Partners vorgeht, so muss auch hier der Leser sich damit zurechtfinden, dass die Perspektive des Partners verschlossen bleibt. Wie auch die Figur selbst muss der Leser im weitesten Sinne also darauf vertrauen, dass er sie liebt. Diese Ungewissheit darf man ruhig extra betonen, denn in vielen Manga gibt es oft umfangreich Einblick in die Gedanken verschiedenster Figuren – in der Regel ist für den Leser also vorab zu erkennen, ob auch der Wunschpartner entsprechende Gefühle hegt. Dass diese uns hier verschlossen bleiben ist also an sich bereits ungewöhnlich, verdeutlicht aber schön, dass Vertrauen ein zentrales Thema für die Liebe ist.

Ein besonders Detail: CLAMP hat zu jedem Kapitel zusätzlich eigene Kommentare geschrieben. Diese geben zum einen Einblick in die Inspiration der jeweiligen Geschichten – tatsächlich beruhen viele von ihnen auf realen Erfahrungen von CLAMP oder ihrem Bekanntenkreis. Zum anderen sind diese Anmerkungen auch über das Werk selbst hinaus interessant, denn im Gegensatz zu vielen anderen Mangaka, die oft direkt in ihre Werke Kommentare einbauen (insbesondere oft weibliche Mangaka, bei denen die Seitenspalten heute im Grunde Standard sind) gibt es von CLAMP kaum Einblicke in ihr Privatleben.

Am Ende sollte man noch anmerken, dass The One I Love ausschließlich heterosexuelle Partnerschaften beinhaltet – dabei wären gleichgeschlechtliche Beziehungen in Manga keineswegs Neuland. CLAMP selbst ist dem Thema auch nicht fremd, findet man doch (wenngleich auch in extrem leichter Form und mit viel Interpretation) homosexuelle Andeutungen in Werken wie Tsubasa, X oder RG Veda. Dabei ist weniger überraschend, dass Shojo-ai – also die Liebe zwischen Mädchen – ausgelassen wird. Shojo-ai ist deutlich weniger populär als der männliche Gegenpart des Shonen-ai (die Liebe zwischen Jungen). Verschiedene Autoren aus diesem Forschungsbereich gehen davon aus, dass Shojo-ai schlicht weniger beliebt ist, weil die Frau als Figur sich aus gesellschaftlichen Verhältnissen und Rollen – insbesondere der Frau als Mutter – nicht lösen kann. Dementsprechend enden viele ältere Shojo-ai-Titel tragisch, auch wenn man derzeit eine leicht gegenteilige Entwicklung ausmachen kann.

Das wesentlich bekanntere Shonen-ai wird wohl schlicht gemieden, um mit der weiblichen Gesamtperspektive des Bandes nicht zu brechen. The One I Love ist ein subjektiver, weiblicher Blick – ob das gefällt oder nicht muss jeder selber entscheiden. Der Einzelband wurde ursprünglich vom EMA veröffentlicht, wird aber vom Verlag nicht mehr angeboten und kann nur noch über Zwischenhändler erstanden werden.

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