The World God Only Knows

Dating-Sim im RL

Schon mal etwas von „Galge“ gehört? Der Begriff meint eine Zusammensetzung aus dem Englischen „gal“, dem Umgangsbegriff für „girl“ und der Abkürzung „ge“ für „game“ – sozusagen eine Art „Mädchenspiel“. Dabei handelt es sich jetzt allerdings nicht um Spiele speziell für eine weibliche Zielgruppe, ganz im Gegenteil. Hierzulande würde man Galge wohl eher als Dating-Sim(ulator) beschreiben. Im Kern funktionieren die Spiele alle gleich: Der männliche Protagonist landet in einem Setting voller Mädchen (mit eventuell einigen männlichen Nebencharakteren). Jedes dieser Mädchen stellt eine Spielroute dar, die oft auch verschiedene Endszenarien haben. Ein Durchlauf mit einem „guten Ende“ sieht klassischerweise so aus, dass der eigene Avatar und die Herzensdame am Ende ein Paar sind – ein schlechtes Ende ist weniger friedlich. Das Spielprinzip basiert im Kern auf einer multiple-choice-Textauswahl, der Spieler hat also unterschiedliche Möglichkeiten auf die Fragen der Computerfiguren zu antworten. Man kann von Spiel zu Spiel unterscheiden, ob es nur eine oder mehrere Routen gibt, wie viele Enden erspielbar sind oder ob neben dem eigentlichen Dating-Sim auch noch andere Spielelemente eingebaut sind. Selbstverständlich gibt es diese Spielform auch längst in ihrer weiblichen Variante und hat innerhalb der Community zuletzt mit dem App-Spiel Mystic Messenger einen großen Erfolg erlebt.

Der Protagonist von The World God Only Knows, Keima, ist passionierter Galge-Spieler und würde am liebsten den ganzen Tag nichts anderes mehr machen – wenn da nicht solch lästige Verpflichtungen wie die Schule wären. So ist er auch wenig begeistert, als plötzlich ein zuckersüßer Dämon vor ihm auftaucht und ihm verkündet, er müsse die Herzensnischen von Mädchen füllen – mit Liebe! Keima hat zwar jede Menge Erfahrung mit virtuellen Mädchen, aber leider nicht mit echten… Umso witziger ist es, dass Keima die Spielmechaniken einfach ins echte Leben überträgt: Jedes Mädchen wird zu eine Route mit einem klaren Ziel, er plant absichtlich bestimmte Flags, kalkuliert ein, dass er zuvor gehasst werden muss bevor sich mehr entwickeln kann – kurzum, er spielt Dating-Sim im Real Life.

Man könnte sich jetzt natürlich darüber ärgern, dass hier ganz offensichtlich etwas gemacht wird, was eigentlich vermieden werden soll – Spiel und Realität gleichsetzen. Man kann die Story aber auch aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus betrachten. Gerade weil Keima Spiel und Realität gleichsetzt, entlarvt er auch ganz typische Handlungsabläufe von Dating-Sims und damit auch Manga und Anime, die im Kern dasselbe Schema verwenden. The World God Only Knows arbeitet also nicht nur mit den üblichen Klischees, sondern weist ganz bewusst auf sie hin. So kann Keima die verschiedenen Mädchen beispielsweise leicht als verschiedene Typen entlarven: ein wildes Sportass, eine schweigende Leseratte, eine Tsundere – alles kein Problem. Diese verschiedenen Typen findet man tatsächlich in einer Vielzahl von Dating-Sim und den sogenannten Harem-Manga /-Anime (ein Setting mit einem Jungen und vielen Mädchen, die alle um seine Gunst buhlen, die umgedrehte Form (ein Mädchen, viele Jungs) ist der sogenannte reversed harem). Keima redet damit so über die Figuren wie es auch die Fans normalerweise tun – indem sie die Figuren aufgrund ihrer Merkmale und Persönlichkeit bestimmten Typen zuordnen. Darüber hinaus erläutert er aufgrund seines Spielwissens außerdem ausführlich, wie eine „Eroberung“ eines solchen Typs an Mädchen typischerweise stattfindet. Da muss man kaum noch erwähnen, dass man genau diese Eroberungsmuster tatsächlich in einer Vielzahl an Titeln finden kann.

Dass Keima auf bekannte Typen und Verhaltensmuster in Anime, Manga und Galge hinweist ist ein Teil eines Typs von Titeln, die sich innerhalb der Manga-Kultur erst in den letzten Jahren entwickelt haben. Früher gab es eine klare Grenze zwischen der Figur der Geschichte, die ihre Abenteuer erlebt und dem Konsumenten, der über die Figuren und die Geschichte wie ein Fan – wie ein Otaku – redet. In letzter Zeit gibt es aber vermehrt Figuren, die in ihren Werken selbst als Otaku auftreten und damit über dasselbe Wissen verfügen, das zuvor nur dem Konsumenten zustand. Figuren „outen“ sich so selber als Otaku, reden über typische Charaktertypen wie zum Beispiel die Tsundere, shippen, besuchen Events. Manche Titel lassen aus ihren Figuren sogar wieder Produzenten werden, wie beispielsweise in Bakuman. Damit bringen Manga und Anime nun eine vorher weitestgehend unbekannte, neue Selbstreferenzialität ins Spiel. Diese ermöglicht es, dass Manga und Anime über sich selber und ihre Konsumenten erzählen können. Oft geht das auch mit einem Grad an Selbstironie daher, genau wie in The World God Only Knows, das einerseits das typische Figurverhalten entlarvt aber es trotzdem bewusst benutzt.
In seinen insgesamt 28 Bänden nimmt The World God Only Knows dann später doch noch eine ernstere Wendung, als neben den Dämonen auch auf einmal noch Göttinnen Keimas Alltag aufmischen. Und natürlich verliebt sich Keima dann doch noch „ganz in echt“…

Neben dem Manga wurde The World God Only Knows auch als Anime in insgesamt drei Staffeln umgesetzt. Darüber hinaus gibt es noch einige Light Novels und OVAs. Nichts davon hat es jemals nach Deutschland geschafft, sodass es hier nur die Manga-Reihe, publiziert von EMA, gibt.

Die fehlenden Veröffentlichungen hierzulande mögen auch der Grundthematik der Story geschuldet sein. Galge bzw. auch sogenannte Ren’ai-Simulationen, wie Keima sie spielt und wie sie die wesentliche Grundlage der Story darstellen, gibt es hier in dieser Form gar nicht. So gesehen könnte man auch meinen, dass dem deutschen Konsument einfach das Fachwissen fehlt um den Manga angemessen zu verstehen. Diese Problematik relativiert sich ein bisschen, wenn man bedenkt, dass die von Keima beschriebenen Muster im Kern auch in Manga und Anime zu finden sind, auch wenn er sich stets allein auf Galge bezieht. Darüber hinaus muss man leider zugeben, dass der Manga in seinem letzten Part, der sich vor allem um die Göttinnen dreht, ein Großteil seines selbstreferenziellen Charms aus dem ersten Stück einbüßt. Zwar gibt es auch hier einige neue Eroberungen, die Keima meistern muss, insgesamt ist die Story hier aber zu ernst, als dass das eigentlich urkomische Spielewissen von ihm hier noch wirken könnte.
Der erste Teil der Handlung mitsamt seiner Selbstironie ist aber nichtsdestotrotz ein guter Ansatzpunkt Anime, Manga und Games mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten – Keima gibt auf jeden Fall die Grundlage dafür.

 

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