Tokyo Magnitude 8.0

Tokyo MagnitudeWenn ein Erdbeben das Leben verändert

Vor kurzem jährte sich ein Vorfall, der nicht nur Japan sondern auch Deutschland beeinflussen sollte. Die Rede ist von dem Tōhoku-Erbeben 2011, welches am 11. März 2011 am frühen Nachmittag in Ostjapan einsetze und derzeit als das stärkste Beben im Land seit Beginn der japanischen Aufzeichnungen gilt. Zu den Konsequenzen dieses Bebens zählen nicht nur zahlreiche Tote und Verletzte, sondern auch ein darauffolgender Tsunami sowie diverse Probleme an Kernkraftwerken in Ostjapan – allen voran Fukushima.

Erbeben sind in Japan nichts ungewöhnliches, in den letzten 16 Jahren gab es 20 größere Beben mit einer Stärke von 6 bis 7 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Japan hat sich auf diese Art von Beben eingestellt. Lässt man das Tōhoku-Beben 2011 außen vor, sind seit der Jahrtausendwende keine 100 Menschen durch Erdbeben gestorben. Das Tōhoku-Beben 2011 erreichte auf der Momenten-Skala 9,0 und forderte auf einen Schlag mehr als 18.000 Tote.

Bereits vor 2011 hat man sich in Japan vorgestellt, was ein Erdbeben einer solchen Skala für Japan bedeutend könnte – darunter im  Anime Tokyo Magnitude 8.0. Diese Serie ist ein ganz besonderes Beispiel: 2009 erstmalig ausgestrahlt, wird in einem fiktiven Szenario ausgemalt welche Konsequenzen ein Erdbeben der Stärke 8,0 im Großraum Tokio hat. Niemand konnte ahnen, dass diese Vorstellung nur zwei Jahre später von einem noch schlimmeren Beben übertroffen werden würde.

Tokyo Magnitude 8.0 erzählt die Geschichte der jungen Mirai, die von ihrem Leben nur noch genervt ist. Alle Erwachsenen begegnen ihr unfreundlich, ihre Eltern streiten sich permanent, in den Sommerferien werden sie nichts unternehmen und statt mit ihren Freundinnen shoppen zu können, soll Mirai mit ihrem kleinen Bruder Yūki die Roboterausstellung besuchen. Einziger Trost ist ihr Handy-Tagebuch, die ganze Welt sollte doch einfach zerstört werden! Dann bebt es. Danach ist alles anders.

Nach dem Beben sind die Straßen zerstört und der Verkehr eingebrochen. Mirai und Yūki machen sich zusammen mit der alleinerziehenden Mari zu Fuß auf den Weg nach Hause – kein leichtes Unterfangen in einer Riesenmetropole wie Tokio. Was folgt ist ein langer Leidensmarsch: Im Massenandrang zu den wenigen Transportmöglichkeiten verlieren sich die drei beinahe. Telefone haben keinen Empfang, sodass die Geschwister ihre Eltern nicht erreichen können – leben sie überhaupt noch? Aufgrund der völlig überfüllten Toiletten muss Mirai auf eine portable Notfalltoilette ausweichen (das ist ihr äußerst peinlich). Für Notrationen anstehen. Erkennen, dass in der eigenen Schule die Toten aufgebahrt und betrauert werden. Mari, die nicht nur krank vor Sorge um ihre kleine Tochter und ihre Mutter daheim ist, sondern dann auch noch Fieber bekommt.

Es ist auch eine besondere Reise für Mirai. Während sie anfangs noch sauer auf die Eltern ist, die sie angeblich vernachlässigen und skeptisch gegenüber Mari, öffnet sich Mirai nach und nach und wird so zugänglicher. Besonders deutlich wird das in ihrer Beziehung zu Yūki. Zu Beginn der Serie beginnt Mirai jedes Mal einen Streit, sobald sie und Yūki alleine sind. Einen ersten Wendepunkt stellt der Streit mit Yūki dar, an dessen Ende sie gemeinsam vor Sorge um die Eltern weinen. Danach kann man erste Veränderungen in Mirai feststellen.  Statt grundsätzlich alle Versuche sich mit ihr zu unterhalten abzublocken, beginnt sie von sich zu erzählen. Im Notlager der Schule mischen sie etwas ins Essen, dass Mirai ganz offensichtlich nicht mag. Trotz Zögern isst sie es am Ende vor Dankbarkeit gegenüber den Helfern doch, nur um festzustellen, dass es ihr eigentlich doch schmeckt. Es sind solche kleinen Gesten, die zeigen, dass Mirai sich verändert. Dadurch verändert sich auch automatisch ihre Beziehung zu Yūki, sodass die beiden nun nicht mehr streiten. Auf dem weiteren Weg ist Mirai außerdem beeindruckt davon, dass Mari sie und ihren Bruder nicht zurücklassen will, obwohl die beiden extra ein Motorrad für Mari besorgt haben, damit diese schneller zu ihrer Tochter zurück kann. Später treffen sie Kento, ein Junge in Mirais Alter, der eifrig die umherfahrenden Roboter studiert, die die Schäden sondieren und nach Verschütteten suchen. Kento erzählt, dass  er seine Familie früher nervig fand, aber als sie in seiner Kindheit mal verschüttet wurden und von Robotern gerettet werden mussten, war er einfach nur dankbar, dass alle überlebt haben. Seitdem möchte er auch Roboter entwickeln. Diese Minigeschichte ist für Mirai auf zwei Ebenen interessant. Zum einen stellen Kentos Erlebnisse unweigerlich eine Parallele zu Mirais eigener Entwicklung dar – auch sie fand ihre Familie vorher blöd, nach der Katastrophe wird sich das aber geändert haben. Darüber hinaus ist Mirai beeindruckt, dass Kento schon so genau weiß, was er machen möchte, während sie selber noch keine Ahnung hat was sie mit ihrem Leben anstellen soll. Sie nimmt sich trotzdem aber schon mal vor, netter zu ihren Eltern zu sein.

Weiter unterwegs wird Yūki krank – ein Hitzschlag – und muss behandelt werden, erholt sich scheinbar aber gut. Doch der Schein trügt: Mirai hat einen merkwürdigen Traum wie Yūki operiert wird, stirbt und sie anschließend seinen Totenschein ausfüllen muss. Als sie aufwacht, scheint alles beim Alten zu sein. Mirai, die jetzt ganz in ihrer Rolle als große Schwester aufgeht, ermutigt Mari weiterzugehen, damit diese endlich wieder ihre Tochter wiedersehen kann. Obwohl Maris Wohngegend schwer beschädigt ist, sind Tochter und Mutter heil davon gekommen. Mirai beschließt sich hier von Mari zu trennen, um die Familie nicht erneut auseinanderzureißen. Endlich wieder daheim sucht Mirai ihre Eltern in der Notunterkunft, die Yūkis Schule stellt. Noch während sie sucht kommen Mirai die Tränen, als sie Yūkis Schulsachen sieht, während der Junge selbst genau so plötzlich aufzutauchen wie zu verschwinden scheint. Am Ende gesteht ihr Yūki dass er schon tot ist, er hat den Zusammenbruch tatsächlich nicht überlebt. Von der Trauer übermannt hat Mirai stattdessen die letzten Folgen nicht den echten, sondern nur Visionen von Yūki gesehen.  Letzten Endes kehrt Mirai heim. Durch die Reise nach Hause ist sie zwar freundlicher und offener geworden, hat im Gegenzug ihren kleinen Bruder verloren.

Tokyo Magnitude 8.0 geht zwar darauf ein, dass das Beben Verletzte und Tote fordert – sowohl Unbekannte als auch Menschen aus Mirais Bekanntenkreis – und eine immense Zerstörung und Sachschaden anrichtet. Der Grundton der Serie ist trotz allem positiv. Der Verkehr mag zusammengebrochen sein, aber die Menschen sind hilfsbereit und es gibt Notfallversorgung, Auffangstellen und weitere verschiedene Hilfsmaßnahmen, sodass nach dem Beben keine weiteren Gefahren und Sorgen bestehen. Auch daran zeigt sich die Besonderheit des Tōhoku-Bebens 2011: An weitere Konsequenzen wie der Tsunami oder sogar Beschädigungen an Kernkraftwerken wurde – obwohl der Anime auf allerlei Recherchen basiert – gar nicht gedacht.

Auch stilistisch versucht sich der Anime seinem eher ernsten Thema anzupassen. So sind die Figuren selbstverständlich auch hier stilisiert, haben aber weitaus weniger auffällige Augen. Dadurch, dass es folglich in Gesicht an Details mangelt, gibt es im Schnitt auch weniger Einstellungen, die sich ausschließlich auf das Gesicht der Figuren konzentrieren. Daneben werden auf weitere Stilmittel verzichtet, die in einem Standardanime ansonsten Anwendung finden, darunter z.B. innerer Monolog, ein Ausblenden des Hintergrundes oder eine extreme Deformierung der Figuren, die üblicherweise für humorvolle Stellen verwendet wird. Insbesondere das Auslassen dieser Deformierungen gibt Tokyo Magnitude 8.0 einen für Anime eher untypischen realistischeren Unterton.

Stattdessen arbeitet der Anime lieber mit Symbolen: Mirais Handy, Yūkis Rucksack und die kleine Kastanie, die die beiden am Anfang der Serie gepflanzt haben, sind wichtige Elemente. Die Kastanie übersteht das Beben absolut unbeschadet und symbolisiert deswegen das Weitermachen, das Nicht-Aufgeben. Anhand von Yūkis Rucksack kann ein aufmerksamer Zustand schon früher ausmachen, dass Yūki seine Krankheit nicht so unbeschadet übersteht wie gedacht. Trägt Yūki diesen über den Großteil der Serie selbst, will Mirai nach Verlassen des Krankenhauses diese Aufgabe übernehmen, damit Yūki sich weiter ausruhen kann. Tatsächlich lebt Yūki zu diesem Zeitpunkt aber bereits nicht mehr. Als Mirai am Ende der Serie den Rucksack bei Mari vergisst und diese ihn später zurückbringt, dient dieses Übergeben des Rucksacks als der Moment, wo Mirai die Trauer überwinden kann. In diesem Rucksack ist außerdem ihr Handy. Während ihres Streits mit Yūki hatte sie dieses vor Wut auf die Eltern weggeworfen. Symbolisch ist das ein wichtiger Moment, denn vorher klebt Mirai nahezu an ihrem Handy. Sie muss das Handy also erst loswerden, um tatsächlich Yūki näher zu kommen und offener zu werden. Um die Ereignisse aber zu verarbeiten, braucht sie das Gerät zurück – denn inzwischen hat es wieder Empfang und Mirai erkennt, dass sich eine Menge Leute Sorgen um sie gemacht haben.

Insgesamt also ein sehr trauriger Anime, der die Auswirkungen eines mächtigen Erdbebens schildert, im Vergleich zum Tōhoku-Erdbeben 2011 aber verblasst und stattdessen vor allem als ein Dokument gilt, das beweist, wie unvorstellbar eine solche Katastrophe vorher für Japan war.

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