Tsubasa RESERVoir CHRoNiCLE

TsubasaBist du bereit, die Konsequenzen deines Wunsches zu tragen?

Sakura, die junge Wüstenprinzessin mit den merkwürdigen Kräften, ist unsterblich in Archäologen Shaolan verliebt. Als sie ihn gerade erst freigelegten Ruinenfundstätte besucht, aktiviert sie deren Mechanismus und alle von Sakuras Erinnerungen werden ihr entrissen und verstreut – erst der Beginn für einen unheilvollen Plan….

Tsubasa ist der Paralleltitel zu xxxholic und basiert genau wie dieser vor allem auf einem Element: Wünsche. Hexe Yuko, eine der Protagonisten aus xxxholic, besitzt die Kraft jeden Wunsch wahr werden zu lassen, allerdings nur für einen angemessenen Preis – aber keinen Geldpreis. Als Shaolan erfährt, dass Sakuras Erinnerungen in verschiedene Welten zerstreut wurden, erbittet er die Kraft zwischen den Welten wechseln zu können. Dafür muss er mit seiner Beziehung zu Sakura zahlen: Auch wenn er ihre Erinnerungen zurückbringt, so wird sie sich doch nicht mehr an ihn erinnern. Dennoch ist Shaolan fest entschlossen Sakura zu retten. Begleitet wird er dabei von Kurogane, einem grimmigen Ninja, Fye, einem quietschfiedelen Magier und dem seltsamen, aber putzmunteren Wesen Mokona.

Die erste Hälfte von Tsubasa konzentriert sich im Wesentlichen darauf, die Helden durch verschiedene Welten zu schicken und sie die Erinnerungen Sakuras, die die Form von Federn angenommen haben, einsammeln zu lassen. Die Besonderheit von Tsubasa ist, dass innerhalb dieser Welten zahlreiche Charaktere und Symbole auftreten, die ursprünglich aus anderen CLAMP-Manga stammen – ein besonderer Spaß für alle Kenner.

Die zweite Hälfte schlägt dagegen erheblich dunklere Töne an. Die bis dahin lieb gewonnen Figuren haben allesamt eine dunkle Vergangenheit, die sie nun zunehmend einholen wird. Zuallererst ist davon Shaolan betroffen – denn bei dem Shaolan, dessen Reise man über die erste Hälfte des Manga verfolgen konnte, handelt es sich tatsächlich nur um eine Kopie des echten Shaolan, der mehrere Jahre gefangen gehalten wurde. Als dieser sich jedoch befreit und den Teil seiner Seele, den er der Kopie eingesetzt hat, wieder an sich nimmt, wandelt sich die Shaolan-Kopie zu einem rücksichtslosen Jäger, der alles tut, um Sakuras Federn zurückzuholen – und als erstes verleibt er sich dafür eines von Fyes Augen ein. Daraufhin lässt die Shaolan-Kopie die Gruppe in einem völlig verzweifelten Zustand zurück.

Die Gruppe ist nach diesem Zwischenfall deutlich angeschlagen und die Stimmung der folgenden Kapitel wird beherrscht von Ängsten und Sorgen: Sakura vermisst die Shaolan-Kopie und kann den originalen Shaolan deswegen kaum ansehen; der originale Shaolan fühlt sich als Fremder; der schwerverletzte Fye wird von Kurogane in einen Vampir verwandelt, um den Verlust seines Augapfels zu überleben.

In dieser düsteren zweiten Hälfte offenbart sich dabei das, was sich zwar bereits in vorigen Kapiteln angedeutet hat, aber erst hier seine gesamte Tragweite erreicht: Die Figuren stehen permanent vor schwierigen Entscheidungen. Zwar hat jeder der Helden nach wie vor die Möglichkeit, sich von Hexe Yuko im Austausch für einen angemessenen Preis einen Wunsch erfüllen zu lassen – aber die möglichen Konsequenzen dieses Wunsches stehen nun im Vordergrund. Während die Protagonisten während der ersten Hälfte Tsubasas in generellem Einverständnis miteinander als Gruppe handelten, sehen sie sich nach diesen dramatischen Veränderungen zunehmend mit strittigen Wünschen konfrontiert. Jeder von ihnen muss sich dabei die Frage stellen, ob der Wunsch es wert ist, gegen die Wünsche und/oder den Willen der anderen Mitglieder zu handeln. Kurogane stellt sich dieser Entscheidung direkt am Wendepunkt: Er wünscht sich Fye zu retten, das geht aber nur indem er diesen in einen Vampir verwandelt – ist er dazu bereit, die Konsequenzen dieser drastischen Änderung von Fye zu tragen? Ebenfalls dramatisch ist die Entscheidung von Fye. Ein langer, extrem dunkler Flashback zeigt, dass Fye einen Zwillingsbruder hatte – weil Zwillinge aber in ihrem Heimatland als Unglücksbringer galten, wurden beide getrennt voneinander eingesperrt. Dann besuchte sie ein Mann und bot an, sie zu befreien – aber nur einen von ihnen. Unfähig miteinander zu reden, werden die Brüder vor die Wahl gestellt. Während es zunächst so aussah, als würde Fye seinen Bruder sterben lassen, wird später klar, dass Fye sich tatsächlich selbst getötet hat um seinen Bruder zu retten. Bei dem Wegbegleiter der Gruppe handelt es sich also eigentlich nicht um den echten Fye, sondern seinen Zwillingsbruder, der mit der Entscheidung des Bruders leben musste.

Der Mann, der den Brüdern dieses Angebot gemacht hat – Feiwan Reed-, wird im Laufe der weiteren Narration als derjenige entlarvt, der für jedes Unglück der Gruppe verantwortlich ist. Doch auch der Bösewicht hat einen Wunsch: Er möchte die Toten wieder zum Leben erwecken können. Zur Erfüllung dieses Plans war es notwendig, dass Sakura die verschiedenen Welten bereist. Doch erst hier wird die tatsächliche Reichweite der Entscheidungen deutlich: Als Shaolan kurz nach seinem ersten Treffen mit Sakura in seiner Kindheit im entscheidenden Moment zögert, schafft es Feiwan die kleine Sakura mit einem Todesfluch zu belegen. Shaolan ist verzweifelt und verbringt die folgenden Jahre mit dem Versuch Sakura zu retten, doch alle Mühe vergebens. In dem Moment, in dem Sakura stirbt, erhört Feiwan Reed Shaolans instinktiven Wunsch, die Zeit zurückzudrehen. Die Konsequenzen dieses Wunsches sind enorm: Als Preis muss der – nun wieder kleine – Shaolan in Gefangenschaft; Watanuki, der Protagonist von xxxholic entsteht als (weitere) Shaolan-Kopie; an der Stelle von Sakuras Eltern stehen jetzt Vertreter. Rückblickend kann Shaolan auch nicht ausschließen, dass Kuroganes und Fyes dunkle Kindheiten nicht auch in Folge seines Wunsches entstanden sind und sie in der ursprünglichen Version der Zeit nicht ein glücklicheres Leben hatten.

Anhand dieser komplexen Ereignisse in der zweiten Hälfte wird immer wieder deutlich, dass Tsubasa vor allem zwei Dinge thematisiert: Wünsche und Entscheidungen. Jeder Wunsch hat seinen Preis und zieht seine eigenen Konsequenzen mit sich  – das ist auch das zentrale Thema des Paralleltitels xxxholic. Yuko ist keine gute Fee oder Flaschengeist, die wahllos und ohne Bedingungen Wünsche erfüllt. Stattdessen erfordert dieses Prinzip, dass die Figuren jeden ihrer Wunsche gründlich durchdenken und sich schließlich für etwas entscheiden müssen. Die Entscheidungen sind der Kern von Tsubasa – denn im Grunde geht es darum, sich für einen Wunsch, manchmal auch ein Handeln, mit all seinen möglichen Konsequenzen zu entscheiden.

Die zweite Hälfte ist dabei aber nicht nur extrem düster, sondern auch komplex: Durch diverse Verstrickungen – die den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen – und die Entscheidung von Shaolan(-Original), die Zeit zurückzudrehen, ist der erwachsene Shaolan(-Kopie) schließlich der Vater von Shaolan(-Original) – was logisch eigentlich nicht möglich sein dürfte. Trotz all diesen dramatischen Entwicklungen nimmt Tsubasa aber dennoch ein gutes Ende – wenngleich natürlich nicht ganz ohne Preis…

Zusammenfassend bietet die erste Hälfte von Tsubasa zwar ein paar schöne Geschichten, aber der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist eindeutig die zweite Hälfte der Story. Die Zusammenhänge werden dabei letztlich so kompliziert und eng miteinander verstrickt, dass man einzelne Handlungsstränge für eine punktuelle Behandlung kaum herausfiltern kann. Aufgrund der immensen Komplexität und der teils extremen Gewalt der zweiten Hälfte (Fye verliert sein Auge, Kurogane seinen Arm, insgesamt tragen alle erheblich mehr körperliche Verletzungen davon, an Blut mangelt es nicht), ist Tsubasa insgesamt nur für ein älteres Publikum geeignet. Eine Besonderheit bietet die enge Verstrickung mit dem Paralleltitel xxxholicTsubasa ist auch ohne Kenntnis von xxxholic verständlich, aber erst beide Titel zusammen lassen die gesamte Tragweite der Ereignisse deutlich werden. Auch stilistisch bieten die beiden Titel zusammen eine interessante Mischung: Während Tsubasa von kräftigen, kantigen Linien dominiert wird, ist xxxholic durch eine erheblich kurvigere und feinere Linienführung gekennzeichnet. Die Unterschiede sind drastisch.

Wer sich analytisch mit der hier primär beschriebenen dunklen Hälfte Tsubasas auseinandersetzen will, der muss auf den Manga zurückgreifen. Die zwei Staffeln (Staffel 1, Staffel 2)der Anime-Serie bleiben den Manga zwar über lange Strecken treu – auch wenn sie mehrmals zusätzliche Welten hinzufügen – lässt die zweite Hälfte aber vollständig aus und entwickelt stattdessen ein Alternativende. Zwei Events der zweiten Hälfte wurden in Form von OVAs umgesetzt: Die erste auch in Deutschland erhältliche OVA, Tokyo Relevations, enthält den direkten Wendepunkt, in welchem deutlich wird dass es sich bei Shaolan um eine Kopie handelt und Fye sein Auge verliert. Die zweite, bislang hier nicht lizensierte OVA, Shunraiki, erzählt den Teil, in welchem Kurogane seinen eigenen Arm opfern muss um Fye zu retten. Zusätzlich gibt es noch einen Film, der in Deutschland in Kombination mit dem xxxholic-Film erschienen ist – seine Story ist aber kein Teil des Original-Manga.

Insgesamt ein kniffliger Titel, dem es auch gelingt, Wünsche und Entscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten ohne dabei ein übergreifendes Konzept aus dem Auge zu verlieren.

 

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