Violet Evergarden

Verletztsein lernen

Die meisten ihrer Kunden staunen nicht schlecht, wenn sie das erste Mal Violet Evergarden vor sich sehen: eine ruhige Persönlichkeit, naive Fragen, eine mechanische Hand und ein Koffer, in dem sie ihre Schreibmaschine trägt. Violet ist eine gelernte Briefeschreiberin – sie hört sich an, was ihre Kunden vermitteln möchten und formuliert daraus einen Brief. Das ist nicht so einfach wie es klingt, denn den meisten Menschen fällt es schwer, offen und ehrlich das zu sagen, was sie eigentlich sagen wollen. Auch Violet hatte zu Beginn ihre Probleme. Als frühere Soldatin hat sie auf Befehle gehört und musste sich nie um Herzensangelegenheiten Gedanken machen. Während Violet auf die Rückkehr ihres Vorgesetzten wartet, besucht sie allerlei Kunden. Die todkranke Mutter, die ihrer Tochter für jeden ihrer Geburtstage einen Brief hinterlassen will. Die Schwester, die ihrem Bruder ihre Unterstützung vermitteln will. Die Kollegin, die Schwierigkeiten mit den Eltern hat. Nach und nach beginnt Violet, die Liebe und ihre verschiedenen Formen zu verstehen – und erkennt, dass sie ihren Vorgesetzten liebt. Umso härter trifft sie die Nachricht von seinem Tod.

Violet Evergarden ist eigentlich eine Light Novel, hat aber vor allem mit der Anime-Adaption durch Kyoto Animation und in Zusammenarbeit mit Netflix Schlagzeilen gemacht. Das liegt zum einen ohne jede Frage an der Story, bei der kein Auge trocken bleibt. Violet Evergarden hat mehrere zentrale Themen. Das deutlichste von ihnen ist Liebe – vor allem deutlich in der Figur von Violet selbst, die zum einen durch ihren Einsatz im Krieg traumatisiert ist und die zum anderen die Liebe schlicht nicht kennt. Liebe muss aber nicht zwangsläufig die romantische Liebe meinen, sondern auch die elterliche, die geschwisterliche oder die abgelehnte Liebe blitzen durch Violets Kunden und ihre jeweils eigenen Geschichten auf. Daran schließt sich unmittelbar das zweite Thema an: Kommunikation. Violets Aufgabe als Briefeschreiberin ist es, die Gefühle der Menschen in Worte zu fassen – das heißt Violet wird der Wortlaut nicht einfach nur diktiert, sondern sie wirkt zentral an dessen Entstehung mit. Weil Violet aber selber die Gefühle der Menschen nicht versteht, ist jeder neue Kunde auch eine Lernerfahrung für sie selbst. Das letzte zentrale Thema ist das Weinen – oder allgemeiner gesagt, das Zulassen der eigenen Gefühle. Violet scheint zunächst gefühllos. Tatsächlich hat sie aber einfach nie gelernt, ihre Gefühle offen zu zeigen. Deswegen ist der wichtigste Brief, den Violet am Ende schreibt, auch ihr eigener, wo sie erstmals ihre eigenen Gefühle ausdrückt.
Violet erreicht am Ende mehr als einfach nur die Erkenntnis, dass sie ihren Vorgesetzten liebt. Sie überwindet auch ihre Kriegserfahrungen – entscheidend ist dabei das Bild von Technik, das mit Violet Evergarden gezeichnet wird. Während des Kriegs halt die junge Violet als „Waffe“ – gefühllos, kalt, jeder Befehl wird perfekt ausgeführt, der Feind erfährt kein Mitleid. Violet wird im Kampf allerdings schwer verwundet und verliert dabei beide Hände. Sie erhält zwar Prothesen, mit welcher sie sogar einzelne Finger bewegen kann, die aber mit ihren Fäden, Schrauben und Metall ohne Frage künstlich aussehen. Zusätzlich lautet Violets neue Berufsbezeichnung formal „Autonome Korrespondenzassistentin“ – die deutsche Übersetzung löscht dabei den eigentlich Kern, um den es hier geht. Auf Englisch wird mit dem Bezeichnung „Auto Memory Doll“, die erheblich näher am japanischen Original ist, wieder das Bild der Künstlichkeit beschworen: Violet ist eine automatisierte Puppe – ein Image, das zweifellos zu ihrer stoischen Art und ihren mechanischen Händen passt. Dementsprechend schwebt Violet zwischen einem künstlichen, puppenähnlichen Zustand und einer organischen Menschlichkeit. Gefühle zuzulassen bedeutet in diesem Zusammenhang auch „Mensch“ zu werden.

Violet Evergarden sticht aber nicht nur durch seine außergewöhnlich ruhige, emotionale Geschichte hervor, sondern fällt auch mit einer beeindruckenden Animation auf. Wie in vielen Anime von Kyoto Animation zu beobachten kommt insbesondere den Augen eine ganz besondere Rolle zu und tragen entscheidend dazu bei, die Gefühle, die Violet Evergarden zu thematisieren versucht, zu verdeutlichen. Kombiniert mit extrem aufwendigen, detaillierten Hintergründen ist der Anime allein rein optisch schon eine Perle. Die Geschichte kommt dagegen vergleichsweise langsam ins Rollen. Der eigentliche Höhepunkt der Serie, in welchem Violet den Tod ihres Vorgesetzten verarbeiten muss, tritt erst in den letzten Folgen ein, während die vorigen Folgen primär in sich geschlossene Einzelschicksale erzählen – die aber wiederum alle notwendig sind, damit Violet sich sich selbst stellen kann.

Kombiniert bietet Violet Evergarden eine langsame, ruhige Story mit atemberaubend schöner Animation, bei der wohl am Ende kein Auge trocken bleiben dürfte. In Deutschland wird die Serie auf DVD und Blu-ray von Universum Anime angeboten und steht als Stream auf Netflix zur Verfügung, die auch zwei Trailer anbieten. Außerdem wurde bereits ein Kinofilm zur Serie angekündigt – bis der erscheint wird es wohl aber noch eine Weile dauern.

 

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