Kurzportrait: Was ist Anime?

 

In diesem Blog dreht sich alles um Manga und Anime. Aber was genau sind eigentlich Anime?

Um es besonders kurz zu halten: Anime sind japanische Animationen. Für die meisten mag diese Erklärung wohl ausreichen, natürlich versteckt sich aber noch mehr dahinter.

Der Begriff des Anime – eine Kurzform des englischen animation – bringt ein wesentliches Problem mit sich: während man im Westen damit ganz speziell japanische Animationen meint, versteht man in Japan selbst darunter sämtliche Arten von Animation, unabhängig vom Produktionsland. Dementsprechend gibt es Schwierigkeiten den Anime übereinstimmend zu definieren.

Im Westen grenzt man den Anime heute klar von westlichen Animationen ab, was aus meiner persönlichen Sicht nicht ganz unproblematisch ist. Der markanteste Unterschied zwischen japanischen Anime und anderen westlichen Animationen liegt darin, dass Anime – ähnlich wie auch beim Vergleich zwischen Comic und Manga – für verschiedenste Zielgruppen ausgelegt sind. Obwohl Animationen heute in nahezu jedem Hollywoodstreifen vorhanden sind, beurteilte der Westen reine Animationen lange Zeit als Kindermedium – und tut es auch heute größtenteils noch, obwohl es mehr als genug Animationen für ein erwachsenes Publikum gibt, wie z.B. Die Simpsons. Im Endeffekt sind Anime narrativ breiter gefächert als man es von den typischen Kinderanimationen kennt: Tod, moralische Konflikte, Sexualität, philosophische Fragen, Gewalt – der Anime macht vor wenigen Dingen halt. Im Westen hat das zu Beginn der ersten Anime-Importe zu einer Art moralischen Panik geführt, weil lange Zeit missverstanden wurde dass viele Anime sich eben nicht primär an Kinder richten. Dabei wissen die meisten bis heute nicht, dass es sich bei einigen – teilweise sogar als urdeutsch betrachteten – Klassikern eigentlich um Anime handelt, darunter die Zeichentrickversionen von Heidi, Die Biene Maja oder Nils Holgerson.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu westlichen Animationen, die hier im Fernsehen laufen, sind Anime in der Regel Fortsetzungsserien – das heißt, man muss alle Folgen chronologisch sehen um die Geschichte zu verfolgen. Westliche Kinderanimationen sind in den meisten Fällen episodal – innerhalb einer einzigen Folge wird ein Konflikt behandelt, die nächste Episode beginnt wieder bei einem Status quo. Auf einer narrativen Seite sind dem Anime so erheblich komplexere Geschichten und eine Entwicklung der verschiedenen Charaktere möglich, die einem episodalen Format vorbehalten bleiben.

Auch heute noch behält der Anime größtenteils den klassischen Look der Cel-Animation bei, obwohl inzwischen viel der Arbeit am Computer verrichtet wird. Wesentlich auffälliger als ihr Look dürfte wohl aber die Zeichensprache von Anime sein: Wie auch Manga verwenden Anime dabei ein ganz spezielles Set an visuellen Konventionen, dass sich von dem uns bekannten Set aus Comics und Co. unterscheidet. Um nur einige Beispiele zu bringen: in westlichen Medien würde eine schlafende Figur mit „Zzzzzzzz“s oder mit lautem Schnarchen dargestellt, Anime und Manga lassen stattdessen eine Art Blase aus der Nase kommen, die sich beim Atmen zusammenzieht und wieder dehnt. Auch ohne Kenntnis dieser Konventionen versteht man die Szene wohl noch, aber es gibt auch einige speziellere Symboliken – sexuelle Erregung, mit denen im Anime immer wieder gescherzt wird, wird beispielsweise durch Nasenbluten festgestellt, was hierzulande vollkommen unbekannt ist.

Lange Zeit entstanden Anime hauptsächlich auf der Grundlage populärer Manga-Serien. Inzwischen ist das Spektrum weiter gefächert: heute werden Anime auch auf Grundlage einer Light Novel, eines (Konsolen- oder Computer-)Spiels produziert. Mitunter regt sogar ein erfolgreicher Anime zur Produktion eines Manga – und jede Menge weiteren Medien oder Merchandising – an.

Anime erscheinen im Kern in drei verschiedenen Formaten. Die bekannteste Form ist die Anime-Serie, die im japanischen Fernsehen ausgestrahlt werden. Ganz allgemein kann man unterscheiden zwischen kurzen Serien mit ca. 11-13 Folgen und längeren von ca. 24-26 Folgen. Jede Folge hat dabei eine Laufzeit von rund 24 Minuten. Ist eine Serie erfolgreich genug, dann kann es auch weitere Staffeln geben. Daneben gibt es sogenannte OVAs (Original Video Animation, teilweise auch OAV). Im Unterschied zur Anime-Serie werden OVAs nicht im japanischen Fernsehen ausgestrahlt, sondern nur auf Video – heute natürlich auf DVD – veröffentlicht. Das erlaubt es, auch Titel, die zu unbekannt, zu kurz, zu lang oder zu kontrovers für das Fernsehen sind als Anime zu veröffentlichen. Die Länge einer OVA kann von 30 Minuten bis zu mehreren Stunden schwanken, oft erscheinen auch mehrere OVAs als eigene Reihe. Zusätzlich können OVA ergänzend zu einer bestehenden Anime-Serie veröffentlich werden oder einen neuen Titel beinhalten. Zu guter letzt gibt es diverse abendfüllende Anime-Filme, die ebenfalls entweder auf einem bereits bekannten Franchise aufbauen oder in sich abgeschlossene Geschichten erzählen.

In Deutschland begann der Manga- und Anime-Boom Mitte der 90er Jahre. Zu dieser Zeit konnte man diverse Anime über den Fernsehsender RTL II sehen. Heute entdeckt man Anime nur noch selten im Fernsehen, das Angebot findet man stattdessen auf DVD und Blu-ray, in jüngster Zeit vor allem auch im Internet: neben einigen bekannten Video-Portalen wie Netflix und Clipstar haben sich in den letzten Jahren Streaming-Anbieter entwickelt, die sich auf Anime spezialisiert haben (nur um eine Auswahl zu nennen: Anime on Demand, peppermint TV, daisuki.net und mehr). Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass Anime auch in großen Zahlen auch auf verschiedenen Internetseiten zum Stream oder als Download angeboten werden. Die Untertitel, mit denen diese ausgestattet sind, stammen immer von Freiwilligen und nennen sich Fansubs (zusammengesetzt aus dem Fan und den subtiteles, den Untertiteln). Diese Angebote sind nie ganz legal – neben der Diskussion um die Legalität des Streamens geht es dabei auch um die Frage, ob eine Serie gestreamt werden darf, wenn diese noch nicht im Heimatland lizensiert wurde. Nichtsdestotrotz ist damit zu rechnen, dass es eine erhebliche Anzahl an Zuschauern gibt, die Anime in diesem rechtlichen Graubereich sehen.

Da Anime die absolute Grundlage für die Forschung darstellen, ist das Angebot an Forschungsliteratur entsprechend groß. Als weiterführende Literatur werden deswegen hier nur Arbeiten vorgestellt, die sich auf einer allgemeinen Ebene mit dem Anime befassen.