Kurzportrait: Was sind Manga?

 

In diesem Blog dreht sich alles um Manga und Anime. Aber was genau sind eigentlich Manga?

Die kürzeste Erklärung dürfte wohl lauten: Manga sind japanische Comics. Allerdings wäre wohl kaum ein Fan noch die derzeitige Forschung rund um Manga zufrieden mit dieser Definition, weswegen ein genauerer Blick hilfreich ist.

Der Begriff Manga besteht im Japanischen aus zwei Zeichen – „ga“ bedeutet schlicht Bild oder Zeichnung, „man“ ist schwieriger zu übersetzen – die möglichen Begriffe reichen von frei, spontan, locker, ungezwungen bis zu grenzenlos. Ganz allgemein kann man freien Bildern sprechen, auch wenn die tatsächliche Übersetzung je nach Autor davon abweicht.

Versucht man den Manga zu erklären, ohne auf den Begriff des Comic zurückzugreifen, dann ist der Manga letzten Endes eine visuelle Narration. Innerhalb des Manga sind die Seiten in verschiedene Bildausschnitte (Panels) aufgeteilt, Sound und Sprache werden in Onomatopoetika und Sprechblasen festgehalten. Darin unterscheidet sich der Manga nicht von den amerikanischen oder frankobelgischen Comics. Stattdessen grenzen sich Manga durch eine ganze Reihe andere Eigenschaften von klassischen Comic ab. Manga sind traditionell immer schwarz-weiß gehalten, Abstufungen werden durch Schraffuren oder Rasterfolie erzeugt. Während die ersten Manga, die Westen erreichten, noch kostspielig gespiegelt wurden, erhält man heute Manga nahezu ausschließlich in asiatischer Leserichtung: der Manga wird sozusagen von „hinten nach vorne“ gelesen. Ein ebenfalls markanter Unterschied sind die Publikationsformen: Comics erscheinen klassischerweise in dünnen Heften, in Japan ist die geläufigste Erscheinungsform das Manga-Magazin. Solche Magazine erscheinen in regelmäßig – manche wöchentlich, manche nur einmal im Quartal – und beinhalten das jeweils neuste Kapitel verschiedenster Manga-Serien, vergleichbar mit einem Sammelband. In Japan erreichen solche Manga-Magazine schnell dem Umfang eines Telefonbuchs, sind aber auf billigem Papier gedruckt und daher extrem günstig. Im Westen dagegen hat sich eher die zweite für den Manga typische Publikationsform durchgesetzt, das sogenannte Tankobon. Tankobon sind kleiner und dicker und  ähneln damit mehr einem kleinen Buch als einem typischen Comicheft. Im Gegensatz zu Magazinen beinhalten Tankobons mehrere Kapitel einer einzigen Manga-Serie. Daneben sind die meisten westlichen Comiczeichner größtenteils unabhängig arbeitende Künstler, die japanischen Manga-Zeichner – die Berufsbezeichnung lautet Mangaka – arbeiten dagegen eng mit einem Redakteur des publizierenden Verlages zusammen, sodass dieser einen erheblichen Einfluss auf das Endprodukt hat.

Mitunter werden auch weitere Unterschiede angeführt, die aber eher vorsichtig zu betrachten sind, denn seit seines Erfolgszugs in den Westen hat der Manga auch stark auf den Comic Einfluss genommen, was eine klare Abgrenzung beider Formen meiner eigenen Meinung nach immer schwieriger gestaltet. So sollen Manga allgemein weniger Text als Comics haben und sich damit letzten Endes mehr auf die Bildersprache konzentrieren oder die Panels freier gestaltet sein. Zu den markanteren Unterschieden gehört dabei aber das ganz spezielles Set an visuellen Konventionen in Manga und Anime, dass sich von dem uns bekannten Set aus Comics und Co. unterscheidet. Um nur einige Beispiele zu bringen: in westlichen Medien würde eine schlafende Figur mit „Zzzzzzzz“s oder mit lautem Schnarchen dargestellt, Anime und Manga lassen stattdessen eine Art Blase aus der Nase kommen, die sich beim Atmen zusammenzieht und wieder dehnt. Auch ohne Kenntnis dieser Konventionen versteht man die Szene wohl noch, aber es gibt auch einige speziellere Symboliken – sexuelle Erregung, mit denen im Anime immer wieder gescherzt wird, wird beispielsweise durch Nasenbluten festgestellt, was hierzulande vollkommen unbekannt ist.

Spricht man heute von Manga, dann meint man in den meisten Fällen die spezielle Form des Story-Manga. Story-Manga erzählen über mehrere Seiten mehr oder weniger zusammenhängende Geschichten. Die wenigsten Manga haben nur ein einziges Kapitel, sondern spannen sich stattdessen über viele, viele Hunderte – und die dann hierzulande in entsprechend vielen Tankobon erhältlich sind. Die längste in Deutschland erhältliche Manga-Serie ist Detektiv Conan, die derzeit stolze 85 Bände zählt (Stand Oktober 2015). In Deutschland haben sich inzwischen mehrere Verlage herausgebildet, die allein auf Manga spezialisiert sind, und in jedem größeren Buchladen befindet sich inzwischen eine Mangawand – die Auswahl ist riesig!

Diese immense Zahl an Titeln entspringt der Tatsache, dass Manga vor keinem einzigen uns bekannten Genre halt gemacht haben. Während man bei Comics zunächst an die klassischen Superheldencomics denken mag – etwas unfair, denn das Comicmedium an sich erzwingt natürlich keine Superheldengeschichten – sind Manga erheblich vielfältiger. Sie sparen kein Genre und keine Altersklasse aus – von Kindermanga bis zu Seniorenmanga, vom Mädchenmanga bis für Manga für den Büroangestellten – gibt es jede erdenkliche Zielgruppe. Insbesondere der Mädchenmanga, der sogenannte Shojo-Manga, hat innerhalb der Forschung besondere Aufmerksamkeit genossen, denn dieser unterscheidet sich stilistisch vom klassischen Jungenmanga – die typischen Kulleraugen sind größer, die Hintergründe verzierter, die Panelgestaltung freier. Auch wenn man es anhand der zahlreichen Manga in Deutschland kaum zu glauben vermag, so muss man sich darüber im Klaren sein, dass es tatsächlich nur ein Bruchteil der in Japan erhältlichen Titel zu uns schafft. Sachmanga und Seniorenmanga und Seniorenmanga sind praktisch nicht erhältlich, auch einige speziellere Themenbereiche – um nur ein Beispiel zu nennen: Mahjong-Manga – wurden bislang nicht importiert – weil kaum jemand hier Mahjong kennt.

In Deutschland konnte sich der Manga vor allem durch die weibliche Leserschaft profilieren. Bis heute gibt es in hierzulande erheblich mehr weibliche als männliche Leser – in anderen westlichen Ländern ist das Geschlechterverhältnis angeglichener.

Da Manga die absolute Grundlage für die Forschung darstellen, ist das Angebot an Forschungsliteratur entsprechend groß. Als weiterführende Literatur werden deswegen hier nur Arbeiten vorgestellt, die sich auf einer allgemeinen Ebene mit dem Manga befassen.