Wish

Was wünscht du dir?

Seitdem Engel Kohaku vom Menschen Shuichiro gerettet wurde, möchte sie nur eins: sich revanchieren und ihm einen Wunsch erfüllen. Dummerweise wünscht sich Shuichiro aber nichts. Entschlossen zieht Kohaku kurzerhand bei ihm mit ein, bis ihm ein Wunsch einfällt. Shuichiro muss allerdings schnell feststellen, dass ein Engel im Haushalt nicht unbedingt eine wirkliche Hilfe ist: Die naive Kohaku stolpert von einem Missgeschick ins nächste und verwandelt sich nachts als Energiesparmodus auch noch in einen Winzling mit kugelrundem Bauch.
Dabei ist Kohaku aus einem bestimmten Grund auf die Erde gekommen. Sie sucht Hisui, einen der vier Hauptengel, die aus dem Himmel verschwunden ist. Tatsächlich ist Hisui aber ausgerechnet mit Kokuyo, der Sohn von Satan höchstpersönlich, durchgebrannt – und will nicht mehr in den Himmel zurück. Die Anzahl von Shuichiros übernatürlichen Mitbewohner steigt und mischen den Alltag gehörig auf. Kohaku wird dabei nach und nach bewusst, dass sie sich bei Shuichiro anders fühlt, ohne sich aber im Klaren zu sein was diese Gefühle zu bedeuten haben. Als Kohaku dann aber in den Himmel zurückkehren muss, müssen sowohl sie als auch Shuichiro sich den eigenen Gefühlen stellen…

Wish ist einer der älteren Werke des Mangaka-Quartetts CLAMP, aber dennoch finden sich hier viele der typischen Themen und Fragen, mit denen auch andere CLAMP-Manga sich auseinandersetzen. Besonders deutlich ist die Thematik des Wunschs. Der Wunsch hat bei CLAMP eine ganz eigene Macht, sie drehen sich nicht um Reichtum, Schönheit oder den Weltfrieden. Stattdessen sind Wünsche hier Verlangen und Handlungsmotive; Dinge, die die Figuren anstreben auch wenn es wenig logisch oder sogar schmerzhaft sein kann. CLAMP legt dabei besonders Wert darauf zu zeigen, dass jeder Wunsch auch eine Entscheidung ist. Sich etwas zu wünschen bedeutet etwas anderes abzulehnen. Die Wünsche, die die CLAMP-Figuren im Laufe ihrer Geschichte haben, sind deswegen niemals inhärent gut, sondern stets mit Konsequenzen verbunden. Neben Wish arbeiten insbesondere die beiden miteinander verbundenen Manga xxxholic und Tsubasa mit Wünschen: In xxxholic handelt die mystische Yuuko mit Wünschen, die Protagonisten und ihre Handlungen in Tsubasa werden wesentlich durch ihre Wünsche, die sie mit Yuuko handeln, und den daraus resultierenden Konsequenzen beeinflusst. Auch in anderen Titeln, wie unter anderem Chobits oder Kobato. spielen Wünsche eine entscheidende Rolle.

Ein zweites wichtiges Thema ist die ungewöhnliche Liebe zwischen zwei Menschen, die eigentlich nicht zusammen sein können. Wish thematisiert gleichermaßen die verbotene Liebe zwischen Engel und Dämon als auch zwischen Engel und Mensch. Das besondere dabei ist, dass – obwohl der Manga die Dämonen als Männer und die Engel als Frauen darstellt – diese übernatürlichen Wesen eigentlich kein Geschlecht haben. Kohaku mag sich mädchenhaft-naiv benehmen, tatsächlich hat sie aber keine Ahnung von Geschlechterunterschieden; ihr Körper ist weder das eine. Eine sehr ähnliche Form von Liebe über die Geschlechtergrenzen findet sich in Chobits, das die Frage stellt ob die Liebe zwischen Mensch und Computer möglich ist. Tatsächlich sind beide Geschichten narrativ bewusst so aufgebaut, dass der nicht-menschliche Partner rein körperlich zum Geschlechtsverkehr gar nicht in der Lage ist. Eine Beziehung mit der Liebsten bedeutet für die männlichen Protagonisten damit ein bewusstes Aufgeben der Sexualität. Dieses Muster zeichnet sich auch in anderen Titeln ab: In xxxholic ist Watanuki am Ende ohne Yuuko, das Heldenpaar aus Tsubasa muss getrennt leben, RG Veda erzählt die Geschichte von Yasha und dem geschlechtslosen Gottkind Ashura, die männlichen Helden aus Tokyo Babylon und X sind gleichermaßen Feinde wie auch Liebhaber, Sakura aus Card Captor Sakura schwärmt lange für Yukito, der sich später aber als Kartenwesen entpuppt. Das bedeutet nicht, dass CLAMP-Manga grundsätzlich unglücklich enden. Tatsächlich erleben die meisten Figuren ihr Happy End, die Liebe wird erhört, Paare finden sich – mit Einschnitten.

CLAMP zeichnet sich durch viele Dinge aus, darunter beispielsweise der stets wechselnde Stil zwischen verschiedenen Werken, für ernste Themen mit durchaus grundlegenden Fragen, für philosophische Tiefe. Aber wenn man einen roten Faden in den Werken von CLAMP finden möchte, dann ist das ihre Art und Weise die Liebe zu repräsentieren. Ihre Liebe hat nichts mit der schüchternen ersten Verliebtheit zu tun, dem sich der klassische Shojo-Manga widmet. In CLAMPs Titeln sucht man vergebens nach typischen Storyhandgriffen des Shojo-Manga: kein grundsätzlich cooler, umschwärmter Typ, der gewonnen werden muss; keine sexuellen Berührungen (die im Rahmen von Manga allein dem Humor, nicht der Sexualität dienen), keine Rivalinnen, keine Heldin deren einziges Ziel es ist den Schwarm zu erobern. CLAMPs Liebe ist eine nachdenkliche Liebe, frei von jeder sexuellen Konnotation aber ansonsten sehr „erwachsen“: Ohne Peinlichkeiten und Scham konzentriert sie sich allein auf die reinen Empfindungen. Die vielen nicht-menschlichen Figuren ermöglichen einen fremden Zugang zur ersten Liebe, der nichts mit einem verkitscht-verklärten Liebesroman gemeinsam hat. Und so wie beim Wunsch auch dessen negative Seite vorgestellt wird, so wird auch der Schmerz, der durch Liebe entsteht, gezeigt.

Neben anderen CLAMP-Titeln mag Wish untergehen: die Story als Ganzes ist weniger beeindruckend, die Zeichnungen schlicht und inzwischen eher veraltet. Trotzdem ist Wish ohne jede Frage typisch CLAMP – und wer die CLAMP-Titel und deren Themen zu schätzen weiß, der wird auch bei dem vergleichsweise leichteren, humorvollerem Stil von Wish seine Freude haben.
In Deutschland ist der Wish-Manga in mehreren Auflagen bei Carlsen Manga erschienen, zunächst als vierbändige Fassung, 2013 in einer Neuauflage in zwei dickeren Sammelbänden. Inzwischen werden beide Varianten nur noch über Dritthändler (z.B. Amazon) angeboten.

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.