xxxHOLiC

Jeder Wunsch hat seinen Preis

Watanuki wird von Geistern verfolgt. Die mysteriöse Hexe Yuko bietet ihm an, ihn im Austausch für seine Arbeitskraft von diesem Übel zu befreien. Doch Yukos Geschäft ist kein gewöhnlicher Laden: sie erfüllt Wünsche – mit all ihren Konsequenzen…

Das wichtigste Prinzip innerhalb von xxxHOLiC lautet wie folgt:  Jeder Wunsch hat seinen Preis – aber keinen Geldpreis. Der Zwilling, der sich von der Schwester unterscheiden möchte, zahlt mit den eigenen Haaren. Die Mörderin, die das Beweisfoto vernichtet wissen will, darf sich nie wieder abbilden lassen. Als ihr Freund aus dem zweiten Stock stürzt, retten ein Mädchen und ein Junge ihm das Leben, indem sie beide zahlen: Sie übernimmt die Narben, er muss so viel Blut verlieren wie der Verletzte. Je aufwendiger der Wunsch, desto teurer der Preis. Balance ist damit ein wichtiges Schlagwort für xxxHOLiC. Hexe Yuko hat dabei eine völlig fremde Perspektive auf unsere Welt, und stellt Alltägliches ständig neu in Frage.

Im Laufe der Geschichte wird Watanuki immer wieder Zeuge dieser und weitere merkwürdiger Geschäfte. Viele davon setzen sich mit diversen menschlichen Schwächen auseinander: Lügen, Obsession,  Ekel vor sich selbst. Da ist zum Beispiel die Geschichte der Frau, die in Yukos Laden auf gut Glück ein verschlossenes Röhrchen kauft. Wie sich herausstellt beinhaltet dieses Röhrchen eine mumifizierte Affenhand, die die Wünsche seines Besitzers erfüllen soll. Die Frau, die sich schon immer für einen echten Glückspilz hielt, ist freudig – aber nicht unerwartet – überrascht. Obwohl der Affenhand nachgesagt wird, das die ihren Besitzer ins Unglück stürzen solle, glaubt die Frau durch ihr immenses Glück geschützt zu sein und beginnt, sich allerlei Wünsche durch die Hand erfüllen zu lassen. Alle ihre Wünsche wenden sich aber letzten Endes gegen sie: Das Aufsatzthema, dass sie sich herbeigewünscht hat, ist eigentlich die Arbeit eines anderen – sie wird des Diebstahls bezichtigt. Als sie am Bahnhof auf ihren Zug wartet, wünscht sie sich eine Ausrede für ihre unweigerliche Verspätung – da wirft sich jemand vor den einfahrenden Zug. Die Kritik, die xxxHOLiC durch diese Geschichte ausdrückt, konzentriert sich nicht auf die Affenhand, sondern auf die maßlose Selbstüberschätzung der Frau. Soll heißen: Auf den ersten Blick scheint xxxHOLiC sich vor allem mit dem Okkulten zu beschäftigen, letzten Endes sind es aber häufig die Kunden – nicht das Übernatürliche – die das Unglück heraufbeschwören. Ungeklärt bleibt, warum Yukos Kundschaft sich beinahe ausschließlich aus Frauen zusammensetzt.

Die erste Hälfte von xxxHOLiC beinhaltet weitestgehend in sich abgeschlossene, kleine Geschichten, die sich ganz auf die Geschäfte Yukos konzentrieren. Jede dieser Einzelepisoden setzt sich aus wenigen Kapiteln (bzw. Folgen) zusammen, die auch ohne Kenntnis der vorigen Ereignisse gut verständlich sind. Die zweite Hälfte wird zunehmend komplexer. Im weiteren Laufe wird sich herausstellen, dass Watanuki gar kein Mensch ist, was ihn zunehmend über den Grund seiner Existenz nachdenken lässt. Über die gesamte Narration von xxxHOLiC macht er dabei größere Wandlungen durch. Während Watanuki zunächst vollkommen selbstlos agiert und bei niemandem in der Schuld stehen möchte, begreift er schließlich, dass diese Selbstlosigkeit andere verletzt. Infolgedessen geht Watanuki später wesentlich umsichtiger mit sich selber um als er das zu Beginn der Reihe tut – auch wenn das bedeutet dass andere darunter leiden. Als Watanukis Freund-Feind Domeki ihn aus einem Spinnennetz befreit, in das Watanuki versehentlich hineingelaufen war, belegt die wütende Spinne Domeki mit einem Fluch, sodass dieser fortan Probleme mit seinem Auge hat. Watanuki hat deswegen ein schlechtes Gewissen – schließlich war er es, der das Spinnennetz zuerst zerstört hat – und wünscht sich von Yuko, Domekis Fluch zu übernehmen, woraufhin Watanuki auf einem Auge erblindet. Domeki ist mit dieser Lösung nicht einverstanden und sucht nach einem Gegenmittel – und schließlich enden sie damit, eines von Domekis Augen mit Hilfe von Yukos Magie unter ihnen aufzuteilen. Die Moral von der Geschicht‘ ist weniger gerechtes Teilen, sondern eher ein besseres Selbstverständnis zu erlangen. Verletzt man sich selbst, verletzt man damit auch andere.

In den letzten Zügen verbindet sich die Geschichte von xxxHOLiC zunehmend mit der der Manga-Reihe Tsubasa – RESERVoir CHRoNiCLE und seinem Protagonisten Shaolan. Erst beide Titel machen das Ende von xxxHOLiC in allen Zügen verständlich. Hier wird das zweite zentrale Prinzip von xxxHOLiC deutlich, welches auch Yukos Leitspruch ist: Es gibt keinen Zufall, nur Fügung. In Yukos Weltsicht passiert alles aus einem bestimmten Grund, aber das bedeutet nicht, dass man keinen Einfluss auf die Geschehnisse hat – es geht also nicht um ein vorher festgelegtes Schicksal. Im zweiten Teil werden immer wieder die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten der Hauptakteure betont, wie diese die Zukunft beeinflussen können und welche Konsequenzen eine Entscheidung haben kann.

Shaolans Wunsch an Yuko, die Zeit zurückzudrehen, führte letztlich zu der Geburt von Watanuki, sodass es sich bei diesen beiden – trotz sehr unterschiedlichen Charakters und Aussehens – um dieselbe Person handelt. Für seinen neuen Wunsch muss Watanuki an Yukos Stelle treten und fortan das Geschäft, das Wünsche erfüllt, weiterführen – allerdings ohne dabei den Laden jemals verlassen zu dürfen. Allerdings kann Watanuki anfangs noch nicht wie Yuko den angemessenen Preis für eine Leistung einschätzen, was ihn physisch verletzt, sodass hier am Ende ein Bogen zu seiner früheren Selbstlosigkeit geschlagen wird: Statt aber bewusst die Schmerzen auf sich zu nehmen, versucht er immer weiter den richtigen Preis zu ermitteln. Weil offen bleibt, ob Watanukis eigener Wunsch sich am Ende erfüllen wird, bietet der Manga eine gute Grundlage weiterführende Szenarien zu entwickeln.

Inhaltlich bietet xxxHOLiC somit jede Menge Ansatzpunkte. Die einzelnen Episoden über die Kunden Yukos – und später Watanukis – bieten kleine Geschichten, die jeweils einen tiefergreifenden philosophischen Diskurs ermöglichen. Diese Einzelgeschichten bieten sich zunächst besonders für eine Auseinandersetzung in der Schule an, weil sie auf Basis von wenig Ausgangsmaterial einen Blick auf komplexe Fragen ermöglichen. Beschäftigungen darüber hinaus erfordern ein intensiveres Lesen der Reihe. Watanuki bietet eine spannende Grundlage, die Entwicklung seines Charakters zu analysieren: vom selbst- sowie ahnungslosen Jungen zu jemandem, der sich selbst zu schätzen weiß, zu dem mysteriös-kühlen Watanuki, der das Wunsch-Geschäft fortführt. Behandelt man xxxHOLiC zusammen mit dem Paralleltitel Tsubasa, erreichen die Titel zusammen schnell ungeahnte Tiefe, insbesondere auf die schwierige Beziehung zwischen Shaolan und Watanuki als Original und Kopie – und der Tsubasa-Manga macht das Ganze noch einen Schritt komplizierter.

Auch stilistisch glänzt xxxHOLiC durch eine Besonderheiten: Der Manga verzichtet auf Rasterfolie und arbeitet allein mit schwarz-weiß, wobei besonders dünne, geschwungene Linien dominieren. Hier bietet sich ein interessanter Vergleich zu dem verknüpften Werk von Tsubasa, welches kräftig-dicke Linien und einen kantigen Stil verwendet. Diese Differenzen werden auch aufrecht erhalten, wenn Shaolan und seine Begleiter auf einmal in der Narration von xxxHOLiC auftauchen. Ein besonderer Blickfänger sind außerdem die Kapitelbilder. Während Yuko sich durchweg extravagant kleidet, verwenden die einzelnen Kapitelbilder durchweg besonders auffällige, detailreiche Kleidung, die bereits eine Bildbeschreibung herausfordernd macht.

xxxHOLiC ist ein Manga des weit bekannten Mangaka-Quartetts CLAMP, die immer wieder durch komplexe Philosophie und ihren wechselnden Zeichenstil bestechen. Wer weitere Titel von CLAMP kennt, der wird schnell viel Spaß daran haben, allerlei bekannte Symbole aus anderen Werken in xxxHOLiC wiederzuentdecken.

In Deutschland ist xxxHOLiC als Manga (19 Bände) von EMA und als Anime-Serie (1. Staffel, 24 Episoden) von Anime Virtual erhältlich. Wer beide Versionen miteinander vergleicht, dem werden schnell einige Unterschiede auffallen. Der Anime orientiert sich allein an den episodischen Teilen des Manga. Spannende und komplexe Fragen, die der Manga vor allem in der zweiten Hälfte zu stellen beginnt – darunter wer oder was eigentlich Yuko und Watanuki selber sind – werden dadurch ausgelassen. Außerdem lässt die Anime-Fassung alle Elemente, die xxxHOLiC mit Tsubasa verbinden, außen vor. Wer sich explizit für das Zusammenspiel dieser beiden Titel interessiert, der muss hier allein auf den Manga zurückgreifen. Zusätzlich gibt es auch noch einen xxxHOLiC-Film, der eine neue, in sich geschlossene Geschichte abseits des Manga erzählt und in Deutschland zusammen mit dem passend dazu erschienenen Film von Tsubasa veröffentlicht wurde.  In Japan gibt es auch noch eine zweite Staffel, xxxholic: Kei, sowie mehrere OVAs.

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