Yuri!!! on ICE

Liebe auf dem Eis

Yuri!!! on ICE ist einer jener Überraschungserfolge gewesen, mit denen zunächst keiner gerechnet hat. Nicht unbegründet: Die Serie hat 2016 nicht nur den Sport-Anime, der seit Beginn des Anime immer wieder Höhen und Tiefen erlebt, seit langem mal wieder auf die Bildschirme gebracht, sondern auf subtile Art Homosexualität präsentiert.

Yuri Katsuki ist Mitte 20 und professioneller Eiskunstläufer – allerdings kein besonders erfolgreicher, denn Yuri leidet an schwerem Lampenfieber, das seinen Auftritten regelmäßig einen Strich durch die Rechnung macht. Nach seinem letzten verpatzten Turnier kehrt er nach Hause zurück. Nur durch Zufall nehmen die drei kleinen Racker seiner Jugendfreundin seine Trainingskür auf und posten sie im Internet. Doch es handelt sich dabei nicht um irgendeine Kür, sondern einen perfekten Durchlauf der preisgekrönten Kür des russischen Mega-Stars Victor, der Yuris großes Vorbild ist. Victor, seines Zeichens eher impulsiv, sieht das Video und beschließt kurzerhand Yuris Trainer zu werden. Zusammen mit einem weiteren Schüler beschließt Yuri ein letztes Mal den Versuch zu wagen, bevor er seine Karriere beendet.

Yuri!!! on ICE verbindet zwei zentrale Elemente. Eines davon ist der Sport. Sport-Anime bevorzugen mehrheitlich einen Team-Sport, wie z.B. Fußball in dem Klassiker Tsubasa oder das derzeit aktuelle Haikyu!! mit Volleyball. Teamsport erlaubt mehr Charaktere mit verschiedenen Persönlichkeiten, die nicht nur innerhalb ihres Teams, sondern auch im Sport selbst aufeinanderprallen. Neben Rivalitäten zwischen Teams ist also auch das Zueinanderfinden zu den eigenen Teamkameraden und das Entwickeln der eigenen Stärken ein zentraler Bestandteil. Nicht so für Yuri: Er nimmt vor allem an den Einzelwettkämpfen teil. Gleichzeitig gibt es im Eiskunstlauf in dieser Form keine direkte Konfrontation, kein gezieltes Gegeneinander. Im Moment der Kür ist man alleine auf dem Eis, die Punkte gibt es danach. Das macht Eiskunstlauf für den Anime zu einer eher ungewöhnlichen Sportart. Positiv angemerkt sei an dieser Stelle auch, dass die Sportart des Eiskunstlaufes, die man ganz traditionell als einen eher weiblichen Sport bezeichnen könnte, hier bewusst mit männlichen Helden arbeitet.

Tatsächlich sind Geschlecht und Gender implizit zentrale Themen in Yuri!!! on ICE. Besonders deutlich wird das in der Figur von Yuri selbst. Auf der einen Seite wird zu Beginn der Serie angedeutet, dass der kleine Yuri sich für seine Kindheitsfreundin interessierte, deren Racker immer zu viel surfen. Andererseits ist da die Beziehung zu Victor. Während man so manche Anspielung auf eine besondere Beziehung der beiden vielleicht noch auf die spezielle Schützling-Mentor-Situation schieben mag, in der Victor sich auch um das mentale Wohlergehen Yuris sorgt,  werden am Ende der Serie andere Töne deutlich. Yuri besorgt für beide Ringe als Glücksbringer. Die Anspielung auf typische Eheringe ist unweigerlich da. Besonders dabei ist, wie subtil Yuris Bisexualität und die spätere irgendwie-Beziehung zu Victor gehandhabt wird: Beide Themen sind da, und doch so gar nicht Thema. Es gibt keine endlosen Diskussionen um Homosexualität, keine typischen Vorurteile, keine Selbstfindungsprozesse. Das kann man natürlich auch als Manko betrachten. Aber diese subtile Art, mit der Yuri!!! on ICE sich der Thematik nähert, hat auch ihre Vorteile. Sowohl Victor als auch Yuri haben keine Probleme mit ihren Gefühlen, die Freunde akzeptieren es. Bi- und/oder Homosexualität sind normal. Und ist es nicht gerade das, dieses normale, unspektakuläre, dieses gar-nicht-der-Rede-wert, was wir versuchen zu erreichen?

Auch im Sport spielt Liebe für Yuri eine Rolle. Er und sein Schüler-Rivale – der Russe Yuri, der aufgrund akuter Verwechslungsgefahr kurzerhand Yurio genannt wird – tanzen mehrmals jeweils eigene Variationen desselben Stücks. Großmaul Yurio bekommt (wie man es ahnt) das freundliche, warme Stücke zugewiesen, welches den Fokus auf die reine Liebe und Schönheit legt. Obwohl Yurio das Stück zunächst ablehnt, steigert er sich nach und nach hinein, nimmt Ballettunterricht und baut für diese Kür eine Primabella-Persönlichkeit.
Der unerfahrene Yuri dagegen muss die erotische Variante performen – und dazu erst mal sein eigenes Verständnis von Erotik finden. Auch er nimmt bewusst Unterricht bei seiner alten Tanzlehrerin, um sich mehr wie eine Frau bewegen zu können und perfektioniert so nach und nach seine Kür. Beide machen damit im Kern dieselbe Verwandlung durch.  Es geht keinem der beiden darum, wirklich eine Frau zu werden, aber sie sind auch ohne Weiteres bereit, sich typisch weibliche Bewegungen für ihren Sport anzueignen. Auch hier ist das Geschlechterspiel so besonders, weil es so subtil und scheinbar irrelevant bleibt. Anime und Manga arbeiten rein historisch betrachtet oft mit dem Geschlechterspiel: es gibt eine ganze Sparte von Werken, die sich ausschließlich der gleichgeschlechtlichen Liebe widmen (mehr dazu hier)und auch darüber hinaus sind Figuren, die mit Geschlechtergrenzen bewusst spielen, keine Seltenheit. Anstatt den gesamten Fokus auf alles rund ums Thema Geschlecht zu legen und gleichzeitig sämtliche Irrungs- und Verwirrungsspiele bewusst auszuschließend, gelingt Yuri!!! on ICE über den Sport ein dezenter und zeitgleich viel natürlicherer Zugang zum Thema als anderen Serien.

Kleiner Fun Fact am Ende: Yuri!!! on ICE hat auch in der Eiskunstlaufwelt Anklang gefunden – inzwischen gibt es mehrere Küren, in denen zur Musik der Animeserie getanzt wurde.

Die Seie war ein absoluter Erfolg und bekommt auch weiteres Material – derzeit ist ein Film in Arbeit. Bis dahin haben Neulinge noch genug Zeit, sich die erste Staffel auf Crunchyroll anzusehen.

 

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